Schräger als Fiktion

Komödie | USA 2006 | 113 Minuten

Regie: Marc Forster

Ein unscheinbarer Steuerbeamter wird von einer Off-Stimme aus seinem Alltagstrott gerissen: Die Erzählerin, die sich als zurückgezogen lebende Schriftstellerin entpuppt, kommentiert das Leben, das der irritierte Mann gerade lebt, und bringt ihn dazu, sich zu verändern. Getrübt wird das erwachende Lebensgefühl, zu dem auch eine neue Liebe beiträgt, durch die Ankündigung des baldigen Todes des Protagonisten. Mit inszenatorischer Finesse und gut aufgelegten Darstellern entwickeltes komödiantisches Erzählexperiment, bei dem sich Realität und Erfindung reizvoll in die Quere kommen. Freilich fehlt der romantischen Geschichte der Biss vergleichbarer Filme. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
STRANGER THAN FICTION
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2006
Regie
Marc Forster
Buch
Zach Helm
Kamera
Roberto Schaefer
Musik
Britt Daniel · Brian Reitzell
Schnitt
Matt Chesse
Darsteller
Will Ferrell (Harold Crick) · Maggie Gyllenhaal (Ana Pascal) · Dustin Hoffman (Professor Jules Hilbert) · Queen Latifah (Penny Escher) · Emma Thompson (Kay Eiffel)
Länge
113 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Komödie | Liebesfilm

Heimkino

Die umfangreiche Edition enthält u.a. zwei dt. untertitelbare Audiokommentare: 1. Mit dem Regisseur und den Hauptdarstellern Dustin Hoffman und Will Ferrell. 2. Mit dem Regisseur, dem Kameramann, dem Szenenbildner Kevin Thompson, dem Visual Effects Designer Kevin Haug sowie den Produzenten Lindsay Doran und Eric Kopeloff. Des Weiteren umfassen die Extras fünf Featurettes zu Teilaspekten des Films (52 Min.) sowie ein Feature mit acht im Film nicht verwendeten Szenen (26 Min.).

Verleih DVD
Sony (16:9, 1.85:1, DD5.1 engl./dt.)
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Diskussion
Wenn einem Schriftsteller eine seiner Figuren leibhaftig begegnet, ist das entweder ein Fest für die gehobene Literaturtheorie oder ein Fall für den Psychiater. Ein bisschen von beidem serviert Marc Forster in seinem neuen Film, der damit beginnt, dass der Steuerbeamte Harold Crick plötzlich hört, was der Zuschauer hört: die Stimme einer allwissenden Erzählerin. Sie beschreibt sein Leben, das er gerade erst lebt, und während man langsam ahnt, dass man mitten in eine erzähltheoretische Burleske hineingeraten ist, bringt die Stimme Harold gehörig aus der Fassung – erst recht, als sie seinen nahen Tod erwähnt. Empört klagt er sein Leid einem Therapeuten, doch helfen kann ihm erst Jules Hilbert, ein Professor für moderne Literatur. Sollte Harold tatsächlich eine Romanfigur sein, meint der ungerührt, lasse sich anhand seines Lebens auch der Autor ausfindig machen. Es gibt sicher naheliegendere Geschichten zu erzählen, doch wenn ein angesehener Gelehrter wie Jules Hilbert die Grundidee von „Schräger als Fiktion“ für bare Münze nimmt, warum sollten die Zuschauer sich dann ihrer absurden Finesse verschließen? Zumal man im Gegensatz zu Harold Crick der allwissenden Erzählerin des Films schon früh begegnet: Die Stimme in seinem Kopf gehört Karen Eiffel, einer berühmten Literatin, die als Verbeugung vor J. D. Salinger und Thomas Pynchon in die anonyme Einsiedelei geflüchtet ist. Dort hat sie einen Helden ersonnen, der sein Leben im mathematisch exakten Gleichlauf absolviert, bis ihm eines Morgens beim Zähneputzen eine distinguierte Frauenstimme dazwischenfährt. Und das ist mal wahrlich ein sarkastischer Erzählkniff: Eiffel rüttelt Harold aus seinem todtraurigen Alltag auf, nur um ihn dann mit einer niederschmetternden Volte abservieren zu können. Denn auch wenn Karen Eiffel kein Ende für ihr Buch findet und sich kettenrauchend durch eine Schreibblockade quält, scheint eines vollkommen klar zu sein: Harold Crick wird die letzte Seite nicht überleben. Während Cricks Todesurteil nur noch auf seine literarische Vollstreckung wartet, beginnt dieser zum ersten Mal, sein eigenes Leben zu verstehen: Professor Hilbert erklärt ihm, dass jede Geschichte entweder in eine Komödie oder eine Tragödie mündet. Da trifft es sich gut, dass Harold gerade die Bücher einer Bäckerin prüft, an der er seine Eignung zum romantischen Helden erproben kann. Zunächst stellt er sich reichlich ungeschickt an, jedoch ist dies der Beginn einer klassischen Erziehung des Herzens, in der sich der Protagonist durch eine Reihe lehrreicher Erfahrungen der Liebe würdig erweist. Das Schicksal (oder Karen Eiffel) hat hier ganze Arbeit geleistet; und nach einer Reihe turbulenter Ereignisse steht der Befreiung des in Routine gefangenen Zahlenmenschen nichts mehr im Wege. Jedenfalls hat Harold plötzlich mehr Gründe denn je, den Tod zu fürchten. „Schräger als Fiktion“ ist nicht der erste Film, in dem sich Realität und Erfindung in die Quere kommen, doch selten wurde einem das Knacken narrativer Nüsse mit derart spielerischer Leichtigkeit ermöglicht. Zwar kann man endlos grübeln, ob Harolds plötzliches Erwachen wirklich nur ein Erzählkniff ist, mit dem die Erzählerin die Schraube der Selbstbezüglichkeit immer weiter anzieht und alle Figuren einschließlich sich selbst zu fiktiven Agenten ihrer Erzählung macht. Oder hat vielleicht Karen Eiffels Schreibblockade ihren Erfindungen ungeahnte Freiheiten geschenkt, die diese nun dazu nutzen, den Roman selbst fortzuschreiben? Oder ist Harold einfach psychotisch und das Ganze nur ein dummer Zufall? Fragen über Fragen, die Drehbuchautor Zach Helm natürlich nicht einmal andeutungsweise beantwortet, die aber auch nicht vergleichbar tiefe Abgründe aufreißen wie etwa die verwandten Arbeiten Charlie Kaufmans. Tatsächlich scheinen weder „Being John Malkovich“ (fd 34 219) noch „Adaptation“ (fd 35 857) Helms Vorbilder zu sein, sondern eher Komödien wie „Meine Braut ist übersinnlich“ (fd 7 765) oder „Verliebt in eine Hexe“ (fd 37 210), in denen der ahnungslose Filmheld von höheren Frauenmächten zu seinem Glück gezwungen wird. Auch Marc Forsters Regie ist so geradeheraus und locker, als wollten er und sein Autor es nur nicht übertreiben mit der existenziellen Düsternis ihrer Geschichte. Letztlich geht es in „Schräger als Fiktion“ vor allem darum, sein Leben zu ändern und das Glück zu finden, bevor es zu spät ist. Das Schicksal kann einem immer einen Strich durch die Rechnung machen. Selten genug kündigt es sich vorher an.
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