Vier Minuten

Drama | Deutschland 2006 | 111 Minuten

Regie: Chris Kraus

Eine 80-jährige Pianistin gibt in einem Frauengefängnis Klavierunterricht. Zu einer Schülerin, einer aggressiven, aber musikalisch hochbegabten jungen Mörderin, entwickelt sie nach heftigen Zusammenstößen eine fragile Freundschaft, während sie darum kämpft, diese bei einem Talentwettbewerb auftreten zu lassen. Vitales Drama um die Entwicklung von Menschen, die lernen, sich nach alten Verwundungen aus ihrer inneren Verkapselung zu befreien. Dank der brillanten Hauptdarstellerinnen sowie der furiosen visuellen Gestaltung ein herausragender Film von fast physischer Intensität. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2006
Regie
Chris Kraus
Buch
Chris Kraus
Kamera
Judith Kaufmann
Musik
Annette Focks
Schnitt
Uta Schmidt
Darsteller
Monica Bleibtreu (Traude Krüger) · Hannah Herzsprung (Jenny von Loeben) · Sven Pippig (Mütze) · Richy Müller (Kowalski) · Jasmin Tabatabai (Ayse)
Länge
111 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama

Heimkino

Die umfangreichen Extras der Special Edition (2 DVDs) enthalten u.a. Storyboards, das Schlusskonzert (separat vom Film), ausführliche Interviews und ein informatives Booklet.

Verleih DVD
Piffl (16:9, 1.78:1, DD2.0 dt., dts)
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Diskussion
Meistens bedarf es nur einer guten Exposition, um einen sogartig in eine Geschichte hineinzuziehen und sich mit ihr auf einen Schlag zu verbünden. In der Literatur kann dies im Extremfall mit einem einzigen lakonischen Satz geschehen: „Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum.“ Oder: „So nennt mich denn Ismael.“ Auch im Kino braucht es oft nur weniger Bilder, um einen mühelos in eine fremde Welt eintauchen zu lassen, und Chris Kraus gelingt dieser dramaturgisch wichtige Einstieg so intensiv, wie man es nur selten im Kino erlebt. Ein Tag bricht an. In der Morgendämmerung am Himmel: Zugvögel in Kraft sparender V-Formation auf dem Weg in den Süden. Es wird kalt im Land. Irgendwo läuten Kirchenglocken, die Kamera aber verweilt auf einem Stacheldrahtzaun, der ein Gefängnis sichert: einen wuchtigen, abweisenden Gebäudekomplex in morgendlicher Stille, kurz bevor die Alltagsroutine einsetzt. In einer Zelle erwacht eine junge Gefangene. Hinter ihr, am Kopfende, baumelt ein Frauenkörper. Man sieht die Erhängte nur als Ausschnitt. Die Gefangene nimmt der Toten eine Zigarettenpackung aus der Tasche, raucht, wartet, sammelt sich. Dann erst geht es Schlag auf Schlag. Wie ein aufgeschreckter Vogel „flattert“ die Kamera aus dem Zellenfenster, erhebt sich über die Dächer und Türme des Gefängnisses, zeigt nur noch von Ferne, aus der Vogelperspektive, wie hier und dort Licht aufflammt, bettet das Gefängnis in die umliegende Landschaft ein. Es sind hart aneinander geschnittene Bilder ohne jeden Dialog, getragen allein von der Kraft des Visuellen, intensiviert durch die akustische Ebene, auf der sich die anfängliche Stille ins Chaos der Klänge steigert, in einen Alarmzustand, der programmatisch wird für den pendelnden Erzählrhythmus des gesamten Films: Von der Ruhe zum Aufruhr, von der Stagnation zur Bewegung, vom Gefangensein zum (inneren) Ausbruch, von der Verkapselung verletzter Seelen hin zu neuem Empfinden, zu Gefühl und Mitgefühl, zu Verstehen und Verständnis. Die junge Frau, die ihre erhängte Mitgefangene findet, heißt Jenny. Eine wegen Mordes verurteilte „Neue“ im Frauengefängnis, widerspenstig, aufbrausend-wild, das Gesicht ist gezeichnet von vorausgegangenen Kämpfen. Zur Totenmesse in der Anstaltskapelle offenbart sie indes noch einen anderen Wesenszug: Während die Orgel Mozart in A-Dur anstimmt, gleiten Jennys Hände in der Kirchenbank selbstvergessen über eine imaginäre Tastatur, sicher Ton für Ton anschlagend. Dies fällt auch der 80-jährigen Pianistin Traude Krüger auf. Die alte Dame gibt seit nahezu 60 Jahren Klavierunterricht im Frauengefängnis, nun ist sie mit einem neuen Flügel gekommen und wirbt für ihre Anfängerinnenkurse. Die erste Begegnung der beiden wird zur Katastrophe. Die strenge, introvertierte greise Lehrerin, geprägt von preußischer Selbstdisziplin, und ihre unberechenbare, (selbst-)zerstörerische Elevin, die einst als musikalisches Wunderkind galt, prallen in ungebremster Wucht aufeinander – auf Kosten des stillen Wärters Herr Mütze, der Traude Krüger bewundert und nun von Jenny krankhausreif geprügelt wird. Durch den ausbrechenden Tumult auf den Gängen bewegt sich Traude Krüger wie in Trance, doch in Wahrheit lauscht sie der Musik, die Jenny spielt – eine höchst eindrucksvolle Szenenfolge und ein weiteres Kunst-Stück des Films, gefertigt aus mitreißenden Klängen, virtuosen Kamerafahrten und -einstellungen sowie präzisen Schnittfolgen: fragile Raum-Zeit-Gefüge, in denen innere und äußere Wahrnehmungen bruchlos ineinander fließen. Während sich die Gefängnis-„Realität“ knapp in den gerade nötigsten Bildchiffren vermittelt, vernetzen sich die visuellen Fragmente und Assoziationen in mutigen Erzählellipsen und deuten weit mehr an: ein auf dem Rücken liegender, mit den Flügeln schlagender Falter auf dem Klavierdeckel, das Blut von Jennys verletzten Fingern auf den Tasten – hier geht es um tief sitzende Verletzungen, die zwei grundverschiedene Frauen aus unterschiedlichen Generationen mit sich tragen. Traude setzt sich gegenüber der Anstaltsleitung für Jennys Teilnahme an einem Klavierwettbewerb mit hohem öffentlichen Stellenwert ein; scheinbar unpersönlich, lediglich der Sache dienend, ihre Vorgabe gegenüber Jenny scheint klar: „Ich halte Sie für niederträchtig, aber Sie haben eine Gabe, und damit eine Pflicht, die Gabe zu bewahren. Meine Hilfe wird sich nicht auf Ihre Person beziehen; ich kann Ihnen helfen, damit Sie besser spielen, nicht dass Sie besser werden.“ Daraus resultiert ein intensiver Machtkampf zwischen zwei willensstarken Frauen, die geprägt sind durch grundverschiedene, aber durch Leiden verbundene Lebenswege. Traudes unverarbeitetes, mühsam verdrängtes Schicksal durchstößt immer wieder die Chronologie der Erzählung und perforiert ihren seelischen Panzer: ihre unerfüllte Liebe als junge Krankenpflegerin und Klavierlehrerin in den letzten Kriegstagen des Jahres 1945 zu einer Gefangenen, die als „Volksschädling“ ein grausames Ende fand. Jenny indes braucht keine Erinnerungsbilder, sie beginnt zögerlich, von ihren Wunden zu sprechen: vom Druck des Elternhauses, einem Missbrauch durch den eigenen Vater, dem Verlust ihres Babya. Aus dem Duell wird so ein Ab- und Angleichen von Lebens- und Liebeserfahrungen; aus spielerischen Rollenannäherungen, aus kleinen Gesten wie einem beiläufigen Brillentausch, aus aufmerksamem Zuhören erwächst zarte Freundschaft, die freilich immer wieder zu zerbrechen droht. Wie in seinem Erstling „Scherbentanz“ (fd 35 662) erzählt Chris Kraus von einer Rückkehr und seelischen „Reinigung“ angesichts von Wunden, die in der Vergangenheit geschlagen wurden. Manches ist noch etwas unausgereift; vor allem die Rolle Vadim Glownas als Jennys schwacher Vater irritiert, während andere Nebenrollen zwar auch plakativ, aber weit prägnanter gezeichnet sind und ein markantes Eigenleben entwickeln, mit dem sie dem virtuos auftrumpfenden Paar Monica Bleibtreu und Hannah Herzsprung spannungsreich zuarbeiten. Vor allem den beiden Hauptdarstellerinnen ist zu verdanken, dass sich die Fabel so schillernd und intensiv zum glaubwürdigen, moralisch-ethisch grundierten Diskurs vertieft, der spürbar macht: Hier leben zwei Frauen zwar im Jetzt und zugleich doch auch in den langen Zeiten, aus denen wir kommen und die wir in uns tragen. So existieren wir, um mit Alexander Kluge zu sprechen, in einem Babylon verschiedener Realitäten. In jedem Moment: Tür an Tür mit einem anderen Leben. Dass daraus im Idealfall Verständnis, Zuneigung und tiefer Respekt erwachsen, signalisiert Jenny ganz am Ende, wenn sie Traude den lange verweigerten Knicks zubilligt. Ein bewegendes Schlussbild für einen Film, der nicht nur über zwei brillante Hauptdarstellerinnen verfügt, sondern auch die Kraft zu visuell „tiefem“ Kino hat und von einer geradezu physischen Intensität getragen wird, die mitreißt und berührt.
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