Klang der Stille

Biopic | USA/Deutschland 2006 | 105 Minuten

Regie: Agnieszka Holland

Künstlerporträt und Geschlechterdrama um das angespannte Verhältnis zwischen dem nahezu tauben Komponisten Ludwig van Beethoven und seiner Kopistin Anna Holtz, die dem Genie trotz aller ihr entgegengebrachten Frauenverachtung stets die Treue hält. Die Filmbiografie reiht zeithistorische Anekdoten aneinander und versieht sie mit viel Lokalkolorit, wobei es nicht gelingt, zum Wesen der Kunst vorzudringen. Auch darstellerisch kann der sich ambitioniert gebende Film nicht überzeugen. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
COPYING BEETHOVEN
Produktionsland
USA/Deutschland
Produktionsjahr
2006
Regie
Agnieszka Holland
Buch
Stephen J. Rivele · Christopher Wilkinson
Kamera
Ashley Rowe
Musik
Ludwig van Beethoven
Schnitt
Alex Mackie
Darsteller
Ed Harris (Ludwig van Beethoven) · Diane Kruger (Anna Holtz) · Matthew Goode (Martin Bauer) · Ralph Riach (Wenzel Schlemmer) · Joe Anderson (Karl van Beethoven)
Länge
105 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Biopic

Heimkino

Die Extras umfassen u.a. einen Audiokommentar der Regisseurin und des Darstellers Ed Harris sowie ein kommentiertes Feature mit vier im Film nicht verwendeten Szenen (8 Min.).

Verleih DVD
Concorde (16:9, 2.35:1, DD5.1 engl./dt., dts dt.)
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Diskussion
Man schreibt das Jahr 1824; Titanendämmerung. Der große Ludwig van Beethoven hat sein Œuvre fast fertig komponiert, nur der gewaltige Schlusschor der 9. Sinfonie ist noch nicht fertig. Die junge und hochtalentierte Konservatoriums-Absolventin Anna Holtz ist eigens nach Wien gekommen, um die Partitur des bewunderten Meisters von Hand zu vervielfältigen. Was nicht so schwierig wäre, wäre der egomane Beethoven nicht so ein ausgemachtes Ekel. Im Bewusstsein, durch seine Musik direkt mit den Göttern zu kommunizieren, behandelt der berühmte, aber bereits etwas aus der Mode gekommene Komponist seine Zeitgenossen mit ausgesuchter Herablassung. Frauen hätten, so Beethoven, ohnehin keinen intellektuellen Zugang zu seiner Kunst. Doch so leicht lässt sich Anna Holtz nicht unterkriegen. Mit Engelsgeduld sucht sie die Nähe des mittlerweile fast tauben Genies, dessen Lebensgewohnheiten liebevoll ausgemalt werden. Beethoven verfügt nämlich nicht nur über rabiate Umgangsformen, sondern ist auch ein Chaot, der sich manchmal kurzerhand einen Eimer Wasser über den Kopf kippt, was die unter ihm wohnende Familie gar nicht amüsant findet. Als schließlich die 9. Sinfonie uraufgeführt wird, muss Anna den Komponisten beim Dirigieren bereits entschieden unterstützen, damit das Opus tatsächlich zum erhofften Triumph wird. Denn Beethoven kann aufgrund seiner Taubheit eigentlich nicht mehr dirigieren, weil er nur noch die Musik in seinem Kopf hört. „Copying Beethoven“ lautet der Originaltitel dieses Films, womit einerseits die Kopistentätigkeit der Holtz impliziert ist, andererseits aber auch der Moment dieser Aufführung, wenn Beethoven die Dirigentenbewegungen der Anna Holtz kopiert, während sie seine Partitur mit Leben erfüllt. Man kann in der Beziehung dieser beiden einmal mehr jenes (misogyne) Modell beobachten, das Klaus Theweleit im „Buch der Könige“ beschrieben hat: „Frauen, die – girlandenartig – das Wirken so vieler schöpferischer Männer zu umranken pflegen. Inspirierende, beseelende Gestalten, die unter dem Namen ‚Musen‘ oder ‚Geisteslieben‘ in den Bilanzen der Wechselfälle der Kunstproduktion geführt werden.“ Als Anna Holtz dem Meister schließlich eine eigene Komposition vorstellt, wird er sie auf Distanz halten und verspotten. Allerdings wird Beethoven sein Verhalten später bedauern und sich entschuldigen, ein einziges Mal in diesem Film. Dafür wird Anna an seinem Sterbebett sitzen. Damit die Geschichte von der Vermittlung der Ideen eines asozialen Genies durch eine sensible Frau nicht gar zu stromlinienförmig ausfällt, hat Regisseurin Agnieszka Holland einige Nebenkonflikte und -handlungen eingeflochten, die weitere Aspekte von Beethovens Kunst- und Selbstverständnis liefern. Da ist Beethovens Neffe Karl, ein verschuldeter Spieler und Tunichtgut, der seinen ihn abgöttisch liebenden Onkel bestiehlt und dies auch noch legitim findet, weil er von Beethoven in eine Pianistenlaufbahn gedrängt wurde, aber seine musikalische Talentlosigkeit nicht erträgt. Da ist Annas Verlobter Martin, ein begabter Ingenieur, der eifersüchtig beobachtet, welche Faszination das Genie auf Anna ausübt. So changiert „Der Klang der Stille“ zwischen Künstlerporträt, Geschlechterrollen-Drama, zeithistorischen Anekdoten und etwas Lokalkolorit, wobei der Film sich nie so recht entscheiden mag, was er denn nun erzählen will. Die zentrale Frage aber lautet: Kann der Prozess des Komponierens eine tragfähige Basis für einen Spielfilm sein? Der deutsche Titel von Hollands Film suggeriert bereits, dass sie keinen Schritt in die Sphäre der Kunstproduktion wollte. Beethoven, so die konventionelle Genieästhetik, ist zwar taub, aber eigentlich ist das egal, weil man das, was er in seinem Kopf an Musik hört, ohnehin nicht verstehen würde. Die katastrophale Uraufführung der visionären „Großen Fuge B-Dur op. 133“ macht dann deutlich, dass Beethoven seinen Zeitgenossen um ein gutes Jahrhundert voraus war: Die Kunst des Maestro bleibt unverstanden. In der feinen Wiener Gesellschaft hat Beethoven mit der „Großen Fuge“ seinen letzten Kredit verspielt; sein Spätwerk wird im gesamten 19. Jahrhundert auf breites Unverständnis stoßen. Man fragt sich, auf welches Publikum „Der Klang der Stille“ wohl zielt? Wer sich mit Beethovens Musik eingehender beschäftigt hat, dem wird Hollands stilisierter Künstlerquark gewiss zu trivial sein. Wer aber überhaupt keine Ahnung von E-Musik hat, dem werden einige Anekdoten und etwas Geraune („B-Dur statt b-Moll!“) auch nicht auf die Sprünge helfen. Dabei muss man gar nicht erst Huillet/Straubs meisterliche „Die Chronik der Anna Magdalena Bach“ (fd 15 517) bemühen, um zu unterstreichen, wie mittelmäßig und unentschieden Hollands Film geraten ist. Beethovens Kunst wird aus der Retrospektive immer schon als „wertvolles, kulturelles Erbe“ präsentiert. Wenn Anna Beethoven zum ersten Mal begegnet, sitzt dieser am Klavier und spielt, natürlich, gerade einen „Hit“: „Seid umschlungen, Millionen!“ Auch später gibt es stets Musik auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner zu hören – oder nicht einmal das: Die „Mondscheinsonate“ dient lediglich als Anlass für einen derben Scherz Beethovens. Letztlich wird der Komponist nur als kulturelle Chiffre angerissen; bis auf den Schlusschor der 9. Sinfonie, der natürlich Tränen in die Augen treibt, muss sich der Zuschauer gar nicht erst von Beethovens Musik belästigt fühlen. Es bleibt bei einer visuellen Tautologie: Siehe da, der Komponist komponiert! Und zwar gerade seine größten Erfolge! Vielleicht locken ja die Stars dieses letztlich doch eher missratenen Films einige Zuschauer in die Kinos: Ed Harris als Beethoven chargiert „den getriebenen Künstler“, was das Zeug hält und pendelt zwischen anrührend und lächerlich. Seine exaltierte Performance ist umso erstaunlicher, wenn man sich erinnert, wie präzise Harris seinerzeit den Maler Jackson Pollock zu porträtieren wusste. Allerdings scheiterte auch „Pollock“ (fd 35 446) an der entscheidenden „Leerstelle“, am Künstlermythos des begrifflich nicht zu fassenden kreativen Akts. Diane Kruger als Anna Holtz fungiert als freundlicher Widerpart des Genies und löst ihre Aufgabe mit der gebotenen und durchaus angenehm anzuschauenden Zurückhaltung.
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