Schindlers Häuser

Dokumentarfilm | Österreich 2007 | 99 Minuten

Regie: Heinz Emigholz

Starre Einstellungen von 40 Villen und Strandhäusern, die zwischen 1921 und 1953 erbaut wurden, machen mit der Kunst des österreichisch-amerikanischen Architekten Rudolph Schindler (1887-1953) vertraut, der seine Auffassung von Architektur jenseits aller gängigen Baustile entwickelte. Der betont ruhige Film lenkt den Blick auf das Wesentliche und führt den aufmerksamen Betrachter in die Kultur des Wohnens ein. - Ab 16.
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Filmdaten

Originaltitel
SCHINDLERS HÄUSER
Produktionsland
Österreich
Produktionsjahr
2007
Produktionsfirma
Amour Fou
Regie
Heinz Emigholz
Buch
Heinz Emigholz
Kamera
Heinz Emigholz
Schnitt
Heinz Emigholz
Länge
99 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 0
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Dokumentarfilm
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Heimkino

Die Extras umfassen u.a. ein informatives Booklet (16 Seiten).

Verleih DVD
Filmgalerie451 (FF, DD5.1 dt.)
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Diskussion
„Der Punkt ist, ob einem mehr daran liegt, dass ein Haus auch wirklich ein Haus ist, oder dass es aus Stahl, Glas, Kitt oder heißer Luft besteht.“ Der Mann, der nach dieser Maxime 400 Gebäude entworfen und 150 Häuser gebaut hat, ist der österreichisch-amerikanische Architekt Rudolph Schindler (1887-1953). Der Wiener Loos-Schüler wirkte vor allem in Südkalifornien und begründete mit seinen unorthodoxen Raumkonzepten einen eigenen Zweig der architektonischen Moderne. Was heute als richtungsweisend für eine neue Architekturauffassung abseits von Bauhaus-Normen und materialverliebten „International Style“ gilt, erscheint in Heinz Emigholz’ filmischer Bestandsaufnahme als unprätentiöse Montage starrer fotografischer Kameraeinstellungen, die nur durch das Fliegen der Insekten, das Fahren eines Autos oder das Flattern eines Windspiels bewegt werden. Der fast hundertminütige Film stellt in chronologischer Reihenfolge 40 private Villen und Strandhäuser aus den Jahren 1921 bis 1953 vor. Emigholz gelingt es, einzelne „Porträts“ von Gebäuden des Architekten zu skizzieren, ganz ohne filmische Raffinessen, einzig durch die Kraft statisch aneinander gereihter Bilder. Den Beginn markiert Schindlers eigenes Wohnhaus auf der Kings Road in West Hollywood, das er als 35-jähriger Büromitarbeiter von Frank Lloyd Wright entwarf. Das zu seinen Lebzeiten wenig beachtete Haus gilt heute in Hinblick auf Grundriss und räumliche Struktur als Ikone experimenteller Architektur. In Form einer monotonen, fast kontemplativen enzyklopädischen Annäherung arbeitet sich Emigholz Bild für Bild und Haus für Haus vor. Eigenartig verschachtelte Innenräume verschmelzen mit Außenräumen, die von wuchernder Vegetation beherrscht werden. Emigholz lenkt den Blick wie beiläufig auf banale und exzentrische Details, die auf Schindlers Weitsicht hindeuten, so hat er einen Giebel ausgespart, durch den im Lauf der Jahrzehnte ein Baum gewachsen ist. Ein anderes Haus nimmt die Rillenstruktur eines Bambuswaldes auf, der zur Bauzeit nur auf dem Papier existierte. Aber auch Alters- und Gebrauchsspuren wie Risse im Stahlbeton werden sichtbar gemacht. Jedes Haus ist anders, keine stilistische Handschrift dominiert, aber immer sind die Natur und das Haus zu einem unteilbaren Ganzen verschmolzen. Schindler beachtete die komplexe und zuweilen extreme Topografie der natürlichen Gegebenheiten, die meisten Häuser haben eine starke Hanglage. Die ineinander greifenden Innenräume sind in ihrer Grundrissstruktur nicht nachvollziehbar und gehen mit dem Außenraum eine Wechselbeziehung ein. Wesentlich bei Emigholz’ Bildkompositionen sind die Übergänge, die unterschiedlichen Perspektiven und immer wieder die grandiosen Durchblicke – Einblicke von außen ins Innere und Ausblicke aus den gediegen eingerichteten Wohnbereichen nach draußen. Der visuelle Reiz der statischen Bilder wird verstärkt durch die leicht aus der Vertikalen gekippten Rahmung, die so verschobene Wahrnehmung der Bilder bricht mit dem Illusionismus des Authentischen. Die eigentliche Bewegung bringt erst der Betrachter durch das Suchen und Abtasten seines Blickes in den Film. Mit nur wenigen Einstellungen arbeitet Emigholz die charakteristischen Eigenschaften der Einrichtung heraus, sodass der Betrachter ahnt, wie entspannt es sich in ihnen leben und arbeiten lässt. Emigholz, der auch als bildender Künstler, Autor und Produzent tätig ist, geht es nicht um das einzelne repräsentative Bild, sondern um einen filmischen Zusammenhang, eine Abfolge einzelner Bilder, die durch den Schnitt und in der Erinnerung des Betrachters den Zusammenhang einer räumlichen Situation erzeugen. Vieles was nicht im Bild zu sehen ist, „reicht ins Filmbild hinein“ (Emigholz); so zeugt die originale Tonkulisse von der Abwesenheit und Geschäftigkeit der Menschen und von den vielfältigen Geräuschen der Natur. Im Film selbst werden die Bewohner nur in weinigen Szenen zum lautlosen Bestandteil des Interieurs. Der Regisseur verzichtet auf historisches Filmmaterial, alle Aufnahmen wurden im verregneten Mai 2006 gemacht. Damit wird der Film auch zu einer aktuellen atmosphärischen Zustandsbeschreibung urbanen Wohnens in und um Los Angeles. In der Summe der Bilder vermittelt sich ein präziser Einblick in die singuläre Formen- und Materialsprache Schindlers, der das menschliche Maß und die Gegebenheiten der Natur in seine Planung mit einbezog. Das Haus im Kontext, als Ergebnis seiner gelebten Existenz ist wichtiger als die Originalität und das Ego eines Architekten. Auf diese „gesamtgesellschaftliche Autorenschaft“ verweist der gesprochene Prolog in der ersten Einstellung des Films. „Schindlers Häuser“ gehört zu einer Trilogie; zwei weitere Filme der Serie „Photographie und Jenseits“ sind kurz vor der Fertigstellung. Auch sie widmen sich zwei legendären österreichischen Architekten, Adolf Loos („Loos Ornamental“) und Friedrich Kiesler („Kieslers Projektionen“), die grundlegende Gestaltungsprinzipien von Räumen neu erfanden. Ab September 2007 zeigt das Berliner Museum Hamburger Bahnhof eine große Einzelausstellung mit dem Werkkomplex „Die Basis des Make-Up“, eine enzyklopädische Zeichenserie, die Emigholz 1974 begonnen hat.
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