Drama | Großbritannien/Frankreich 2007 | 123 Minuten

Regie: Joe Wright

Auf einem englischen Landsitz beobachtet die 13-jährige Tochter des Hauses das nicht standesgemäße Liebesspiel ihrer älteren Schwester mit dem Sohn des Verwalters. Das fantasiebegabte Mädchen mit schriftstellerischen Ambitionen bezichtigt den Mann der Vergewaltigung und zerstört damit das Leben der Liebenden. Erst als Erwachsene und erfolgreiche Schriftstellerin sieht sie ihr Fehlverhalten ein. Im ersten Teil virtuos entwickelte Literaturverfilmung mit einer faszinierenden Hauptdarstellerin, in der Szenerien, Stimmungen und Motive perfekt aufeinander abgestimmt sind. Die Geschichte franst heillos aus, sobald sie die hermetische Abgeschiedenheit des Landsitzes verlässt. - Ab 16.
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Filmdaten

Originaltitel
ATONEMENT
Produktionsland
Großbritannien/Frankreich
Produktionsjahr
2007
Produktionsfirma
Working Title Films/Relativity Media/Studio Canal
Regie
Joe Wright
Buch
Christopher Hampton
Kamera
Seamus McGarvey
Musik
Dario Marianelli
Schnitt
Paul Tothill
Darsteller
Keira Knightley (Cecilia Tallis) · James McAvoy (Robbie Turner) · Romola Garai (Briony mit 18) · Saoirse Ronan (Briony mit 13) · Brenda Blethyn (Grace Turner)
Länge
123 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Literaturverfilmung
Externe Links
IMDb | TMDB | JustWatch

Heimkino

Die Extras umfassen u.a. einen Audiokommentar des Regisseurs sowie ein kommentiertes Feature mit sieben im Film nicht verwendeten Szenen (7:30 Min.).

Verleih DVD
Universal (16:9, 1.85:1, DD5.1 engl./dt.)
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Diskussion
Die schriftstellerische Selbstbefragung beginnt stilecht mit dem Hämmern einer Schreibmaschine. Jeder Tastenhieb drückt sich dem Papier wie ein unwiderrufliches Urteil ein, beinahe lässt sich das Fallbeil der Justiz erahnen. Noch treibt nur die erhitzte Fantasie eines 13-jährigen Mädchens die Maschine voran, bald wird es der Wunsch nach Wiedergutmachung sein: eine „Abbitte“ im Medium der literarischen Fiktion. In Ian McEwans Roman geht es nicht zuletzt um die Frage, was Menschen zum Schreiben drängt – mit der Antwort darauf lässt sich der Autor alle Zeit der Welt. Joe Wright verrät hingegen schon mit den ersten Bildern, warum er sich nach Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ (fd 37279) wieder die Verfilmung eines literarischen Meisterwerks vorgenommen hat: Es ist der Ehrgeiz, den Zwängen der Literaturverfilmung mit einem ebenbürtigen Gestaltungswillen zu begegegnen und McEwans virtuoses Montageprinzip als genuin filmisches Stilmittel zu reklamieren. Das Hämmern der Tastatur erfüllt einen feudalen englischen Landsitz. Der Hausherr ist in der Stadt, die Dame des Hauses pflegt ihre Migräne, eine gelangweilte Jeunesse dorée nimmt das Anwesen in Besitz. Das literarisch begabte Nesthäkchen Briony bereitet mit gleichaltrigen Gästen die Aufführung ihres neuesten Stücks vor. Zwischen den Akten entdeckt sie die unstandesgemäße Liaison zwischen ihrer großen Schwester Cecilia und Robbie, dem Sohn des Hausverwalters. Was die überspannte Briony gesehen und was sie nicht gesehen hat, wird am Ende des Tages noch von entscheidender Bedeutung sein, weshalb es mehr als eine Spielerei ist, wenn Wright die Episoden der Liebeshandlung wiederholt – einmal durch die Augen des Mädchens, einmal aus der Perspektive der beiden Liebenden. Dann geschieht ein Verbrechen, für das Robbie aufgrund einer Aussage Brionys vermutlich unschuldig ins Gefängnis muss. Diesen ersten Teil von „Abbitte“ muss man zu den großen Leistungen der Filmgeschichte zählen, so versiert sind Szenerien, Stimmungen und Motive aufeinander abgestimmt. Wright hat die sommerliche Abgeschiedenheit wie ein lebendes Gemälde komponiert, ein Gesellschaftsporträt, in dem der Mörder aus Standesgründen immer der Gärtner ist. Es ist ein Werk aus einem Guss, ein Juwel, dem nur noch die Fassung zur Vollendung fehlt. Doch genau damit fangen die Probleme an. Denn die Geschichte franst heillos aus, sobald sie die Grenzen ihrer hermetischen Erzählung überschreitet. Die schicksalhaft getrennten Liebenden treffen sich am Vorabend des Zweiten Weltkriegs wieder: Cecilia hat mit ihrer Familie gebrochen und arbeitet in London als Krankenschwester, Robbie durfte die Häftlingskleidung gegen die Uniform eintauschen. Nach einem tränenreichen Abschied wandert Robbie in der Normandie durch ein melodramatisches Schlachtengemälde, das am Strand von Dünkirchen mit einer verschwenderischen Kamerafahrt durch die Reihen der Geschlagenen vollendet wird. Ganz offensichtlich soll man mit dem verhinderten Liebespaar leiden – doch es führt kein Weg aus dem sommerlichen Anwesen heraus, die Figuren bleiben Behauptung, weil sich ihre ästhetische Bestimmung dort bereits erfüllt hat. Gleiches gilt für die gereifte Briony, die das Unglück, das sie über die Älteren brachte, auf ihre Weise sühnen will. Am Ende versteht man wohl, was die Geschichte antreibt, aber man sieht und fühlt es nicht. McEwan ging es um das Paradox, mit den Mitteln der Fiktion ungeschehen machen zu wollen, was in Wirklichkeit passiert ist; Wright teilt diesen Ehrgeiz nicht, und so ist sein Film im Grunde bereits nach der Hälfte der Zeit vorbei.
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