Loos Ornamental

Dokumentarfilm | Österreich/Deutschland 2008 | 72 Minuten

Regie: Heinz Emigholz

Der Filmemacher Heinz Emigholz begibt sich auf die Spuren des österreichischen Architekten Adolf Loos (1870-1933) und meditiert in ausgezirkelten fotografischen Einstellungen über die Nachhaltigkeit der einst revolutionären architektonischen Visionen. Er porträtiert dabei die Gebäude von Loos in der Chronologie ihrer Entstehung. Von einem Eingangstext abgesehen, gibt es keinerlei Kommentar oder Erklärungshilfen; zu hören sind ausschließlich die Originalgeräusche. Neben dem hohen kulturhistorischen Wert, die alle Architekturporträts von Emigholz als filmische Fixierungen städtebaulicher Zustände darstellen, erfüllt sich auch hier wieder ein eigenständiger kreativer Akt. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
LOOS ORNAMENTAL
Produktionsland
Österreich/Deutschland
Produktionsjahr
2008
Regie
Heinz Emigholz
Buch
Heinz Emigholz
Kamera
Heinz Emigholz
Schnitt
Heinz Emigholz
Länge
72 Minuten
Kinostart
-
Fsk
-
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.
Genre
Dokumentarfilm

Diskussion
Der Filmtitel von Heinz Emigholz’ jüngstem Architekturfilm klingt zunächst wie eine Provokation. War es doch kein anderer als Adolf Loos, der mit seiner berühmten Streitschrift „Ornament und Verbrechen“ unnütze Verzierungen aus der modernen Baukunst auszutreiben versuchte und zu streng funktionalen Raumkonstruktionen aufrief. An diesem architekturtheoretischen Aufsatz arbeiteten sich bereits ganze Generationen von Kunsthistorikern ab; legten die Forderungen des Baumeisters immer wieder als Maßstab für Moderne- oder Antimoderne-Klassifizierungen an. Emigholz nun weist mit seinem Film fast beiläufig darauf hin, dass Loos sehr wohl auch mit ornamentalen Details arbeitete; wenn auch auf äußerst sublime Weise. Dem Filmemacher geht es ansonsten keinen Augenblick lang darum, der Polemik um den Text neue Argumente hinzuzufügen – ihm liegt einzig und allein an einer möglichst komplexen filmischen Darstellung der Bauten von Loos in deren gegenwärtiger Gestalt. Wie schon in seinen anderen Architekturfilmen findet er gerade durch höchstmögliche formale Reduktion zur Komplexität. Damit wird er in einem schönen Umkehrschuss der Forderung von Loos auf filmischem Gebiet gerecht. Adolf Loos (1870 – 1933) hat das Stadtbild Wiens nach der Jahrhundertwende wesentlich geprägt, er entwarf Wohnhäuser, Banken, Geschäfte und Denkmäler, gestaltete oft auch komplette Inneneinrichtungen gleich mit. Während eines dreijährigen Aufenthalts in den USA hatte er vorher zahlreiche Anregungen für modernes Bauen aufgenommen, die er dann in seiner österreichischen Heimat mal mehr, mal weniger ideal umsetzen konnte. Trotz wichtiger Aufträge blieb er in der von Restauration geprägten K.u.K.-Atmosphäre sowie nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Habsburger Monarchie ein Außenseiter. In der zweiten Hälfte seiner Laufbahn entstanden mehr Gebäude durch private Auftraggeber in peripheren Umgebungen als an prominenten Orten des öffentlichen Raums. Heinz Emigholz (Jahrgang 1948) unternimmt in seinem Film eine Bestandsaufnahme der noch existierenden Bauwerke von Loos; er wurde in Wien, Niederösterreich, Tschechien und Paris mit insgesamt 27 Hinterlassenschaften fündig. Diese Gebäude zeigt er in der Chronologie ihrer Entstehung, Schrifttafeln mit Hinweisen auf den Schauplatz und das Entstehungsjahr bilden die einzige traditionelle Dokumentarfilm-Orientierung. Von einem kurzen Einführungstext abgesehen, braucht es für seine spannende filmische Inventur keine Kommentare oder Interviews, erst recht keine Musik. An den Drehorten aufgenommene Originalgeräusche bilden den Soundtrack, darüber hinaus gibt es keinerlei atmosphärische Beschwörungen. Gedreht wurde auf 35 Millimeter, im klassischen Normalformat (das heute viele Kinos allerdings gar nicht mehr zeigen können). Mit der von ihm selbst geführten Kamera nimmt er zunächst einen Aufriss der einzelnen Häuser in der Totalen vor, geht dann immer weiter ins Detail, tastet sich, soweit möglich, auch in die Innenräume vor. „Die Architektur projiziert einen Raumentwurf in die dreidimensionale Welt. Der Film nimmt diesen Raum und übersetzt ihn in zweidimensionale Bilder, die uns in der Zeit vorgeführt werden. Im Kino erfahren wir so etwas Neues: einen Gedankenraum, der uns über Gebäude meditieren lässt“, umschreibt Heinz Emigholz selbst seine Methode. Sie erweist sich einmal mehr als adäquates Verfahren. Neben dem hohen kulturhistorischen Wert, die Heinz Emigholz’ Architekturporträts als filmische Fixierungen fragiler städtebaulicher Zustände inzwischen darstellen, erfüllt sich in ihnen auch ein eigenständiger, dabei höchst origineller kreativer Akt. Kadrierung und Perspektive entfalten gerade durch ihren insistierenden Blick und in Verbindung mit der musikalischen Montage eine organische Gesamtgestalt. In einer für die aktuelle Kinematografie selten gewordenen Präzision stellen sich dadurch Spannungsräume her, die über die bloße Abbildung von Bauwerken weit hinausgehen, die sich damit selbst in eigenständiger künstlerischer Dimension realisieren.
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