Der Mond und andere Liebhaber

Drama | Deutschland 2008 | 103 (TV 89) Minuten

Regie: Bernd Böhlich

Nach dem Verlust ihrer Arbeit rappelt sich eine 50-jährige resolute Berliner Lagerarbeiterin auf und hält unverdrossen an ihrer Lebensfreude fest. Als jedoch ihre Tochter bei einem Unfall ums Leben kommt, droht sie zu zerbrechen. Ein Drama voller Gefühle und Passionen, das teilweise als tragikomisches Sozialmärchen funktioniert und dabei den Eindruck erweckt, als wäre er der temperamentvollen Hauptdarstellerin auf den Leib geschrieben. Das Porträt einer mutigen (Über-)Lebenskämpferin wandelt sich zunehmend zur pathetischen Passionsgeschichte, auch weil dessen Protagonistin zu schauspielerischen Kraftakten neigt, die die Anlage der Rolle unterlaufen. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2008
Regie
Bernd Böhlich
Buch
Bernd Böhlich
Kamera
Florian Foest
Musik
Silly
Schnitt
Esther Weinert
Darsteller
Katharina Thalbach (Hanna) · Birol Ünel (Gansar) · Fritzi Haberlandt (Dani) · Steffen S. Scheumann (Knuti) · Andreas Schmidt (Siggi)
Länge
103 (TV 89) Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama

Diskussion
Ein wenig scheint es, als hätte Bernd Böhlich die Rolle der resoluten Frau Moll aus seinem Film „Du bist nicht allein“ (fd 38 239) weitergesponnen. Katharina Thalbach spielte vehement diese Ostberlinerin, die einst Wurstverkäuferin war und nun für einen Wachdienst, sinnigerweise, eine leere Halle bewachte. Jetzt, in Böhlichs zweitem Kinofilm, verkörpert Katharina Thalbach Hanna, die zu Beginn aus einer ähnlichen Halle ihres bankrotten Arbeitgebers gerade noch die letzten Kartons ihres Lieblingsparfüms „Silverlady“ retten kann. Dann ist sie ihren Job los, die Lagerhalle wird gesprengt. „Das ist jetzt vorbei, und jetzt kommt was anderes“, tröstet die 50-Jährige ihre weit jüngere Arbeitskollegin Dani, und man spürt, dass dies bei weitem nicht die erste Niederlage in Hannas Leben ist. Die kleine, energische, in ihren Empfindungen spontane, extrovertiert zu großen Gesten (und Risiken) neigende Frau ist ein „Stehaufweibchen“ voller Leidenschaft und Lebensgier, das zu kämpfen gelernt hat: für seine Würde und Unabhängigkeit, gegen Einsamkeit, Enttäuschungen und Niederlagen, aus denen Hanna immer wieder einen Ausweg sucht und findet – mag da auch manche Blessur an Seele und Körper bleiben. Auch diesmal scheint es weiter zu gehen: ein neuer Job an einer Tankstelle, ein stiller, beharrlicher Verehrer, der Hanna eigentlich zu langweilig ist, um ihn ernst zu nehmen, der Hauptgewinn in einer Tombola während eines Rockkonzerts – eine Reise in die Türkei, wo Hanna mit ihrer 19-jährigen Tochter im ersten Dauerregen strandet, der dort seit 30 Jahren niederprasselt. Und doch sieht sie auch darin noch das Gute, genießt Alkohol, Musik und Männer, freilich nicht, ohne ein Stoßgebet zum Himmel zu schicken: „Lieber Gott, das kann doch nicht alles gewesen sein, da muss doch noch was kommen.“ Es kommt tatsächlich noch etwas, freilich bitterer und grausamer, als es Hanna je hätte befürchten können: Zurück in Berlin, stirbt ihre Tochter bei einem Unfall. Alles in Hanna zerbricht. Nichts ist mehr zu reparieren, jede Suche nach dem Besonderen, dem Ausnahmezustand im Leben, wird zur Qual. Vielleicht könnte sie noch die ganz große, späte Liebe retten, das ganz große Gefühl – doch das taucht in der Gestalt von Gansar nur kurz auf: für eine Fahrt ans Meer, eine gemeinsame Liebesnacht, für eine ungestillt bleibende, am Ende sogar betrogene Sehnsucht. Mit großer Bewunderung für Katharina Thalbach, die dieses märchenhaft-traurige Dramolett in jeder Sekunde prägt und beherrscht, feiert Bernd Böhlich einmal mehr einen seiner mutigen Lebenskämpfer, die nicht nur in „Du bist nicht allein“, sondern bereits in seinen schönen, stimmigen Fernsehfilmen während der letzten knapp 20 Jahre gegen jede Vernunft nach einer positiven Veränderung suchten, nach dem noch so kleinen Erfolg in ihrem Dasein, der sie hoffen und weitermachen ließ. „Irgendwie geht es immer weiter im Leben“, sagt Hanna, und das klingt ein wenig wie „Etwas Besseres als den Tod finden wir allemal“, dem Credo der Bremer Stadtmusikanten, aber auch nach einer Textzeile aus einem Kult-Song der ostdeutschen Rockband „Silly“: „Alles wird besser, alles wird besser, aber nichts wird gut“, intonierte einst Tamara Danz. Letztere Assoziation kommt nicht von ungefähr und ist durchaus beabsichtigt, haben doch die neuen „Silly“ für Böhlich die Filmmusik komponiert und treten in einer Konzert- (mit ihrer neuen Frontfrau Anna Loos) sowie in einer Spielszene (mit Uwe Hassbecker) selbst auf. Ein „Silly“-Song ist sogar passgenau auf Katharina Thalbachs Hanna zugeschnitten: „So ’ne kleine Frau / Und so ’ne große Stadt / Und so ’ne gute Bluse / Die kaum noch Farbe hat / Doch so ’ne fahle Sehnsucht / Schmerzt in ihrer Brust.“ Und die intensivste Sequenz des Films, die Liebesnacht mit Gansar am Meer, in der die Leidenschaft in Qual, Schmerz und Selbstaufgabe umschlägt, wird vom „Silly“-Klassiker „Flieg“ kommentiert: „Mach die Fenster auf / zieh alle Stecker raus / streich die Wände bunt / und mal Dir’n feuerroten Mund / schrei Deine Wut hinaus / leck Dir die Wunden aus.“ Solche großen musikalischen Gesten, die bei den „Sillys“ oft und gerne das Pathos und auch den (schönen) Kitsch streifen, setzen auch im Film die Akzente. Dafür verzichtet Böhlich mitunter auf einige seiner früheren Qualitäten, seine lakonischen Dialoge (die aber immer noch aufscheinen), seine feinen Gesten, leisen Blicke und Zwischentöne. Der eindrucksvolle Kraftakt von Katharina Thalbach gerät des öfteren zwischen die Stühle: Mal erscheint der Film als tragikomisches Sozialmärchen, das durchaus seine Verankerung in der Realität sucht, dann wieder will er überhöhte (Lebens-)Hymne sein, große Gefühle und „Passionen“ illustrieren. Dafür aber wurden die Emotionen, all die Sehnsüchte, die Trauer und auch die Liebes- wie Lebenslust nicht konsequent genug verdichtet. Womöglich hätte der Film dafür noch rigoroser auf die Musikalität der „Silly“-Songs setzen und eine Erzählweise finden müssen, die einer so schönen „Silly“-Textzeile wie „Meine Uhr ist eingeschlafen, ich liege lose in der Zeit...“ ein filmisches Äquivalent hätte sein können. In der jetzigen Form gerät Hannas Schicksal in der Häufung von Schicksalsschlägen zunehmend zur allzu pathetischen Leidenspassion, was die Absicht des Films unterläuft.
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