Drama | Deutschland 2008 | 115 Minuten

Regie: Marcus H. Rosenmüller

Bilderbuchhafte Rekapitulation des kurzen Lebens von Mathias Kneißl, der es als Räuber im bayerischen Volksgut zu einiger Popularität brachte. Eine Mischung aus Chronik und Ballade, nahe an den historischen Fakten, aber mit märchenhaft-burleskem Gestus inszeniert. Das in Ausstattung und Setdesign um Historizität bemühte Drama meidet frühere sozialkritische Interpretationen, fügt der durchweg positiv gezeichneten Figur aber keine neue Deutung hinzu. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2008
Regie
Marcus H. Rosenmüller
Buch
Karin Michalke · Christian Lerch
Kamera
Stefan Biebl
Musik
Gerd Baumann
Schnitt
Georg Söring
Darsteller
Maximilian Brückner (Matias Kneißl) · Maria Furtwängler (Theresia Kneißl) · Brigitte Hobmeier (Mathilde) · Florian Brückner (Alois Kneißl) · Isabella Brückner (Cilli Kneißl)
Länge
115 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Abenteuer | Historienfilm

Diskussion
Der Räuber Kneißl ist eine der widerspenstigeren Figuren aus dem süddeutschen Legendenschatz. Warum sie eine gewisse Popularität genießt, lässt sich nicht so einfach ergründen. Zwar zählt auch die Wilderei zu den Delikten, die Mathias Kneißl (1875-1902) mit der Staatsgewalt in Konflikt brachten und Figuren wie den Jennerwein oder den „bayrischen Hias“ berühmt machten. Doch das Beiwort „Räuber“ deutet kriminellere Aktivitäten an. Kneißl entstammte einer verarmten Gastwirtsfamilie nordwestlich von München, die es mit dem Gesetz nicht so genau nahm. Sein Vater starb 1892 an den Folgen einer Verhaftung, die Mutter saß wegen Hehlerei im Gefängnis, und auch der jugendliche Kneißl musste 1893 für knapp sechs Jahre hinter Gitter, weil bei seiner Festnahme ein Polizist ums Leben kam. Seine Versuche um die Jahrhundertwende, in einer bürgerlichen Normalität Fuß zu fassen, scheiterten. Der Tod zweier Ordnungshüter nach einem Schusswechsel kostete ihm dann den Kopf: Kneißl wurde 1902 in Augsburg mit dem Fallbeil hingerichtet. Dennoch galt er schon zu Lebzeiten als Volksheld, in dessen räuberischer Existenz sich eine Art Widerstand gegen die Obrigkeit manifestierte und dessen Mythos in Spottgedichten und Kneißl-Moritaten Niederschlag fand. Aus heutiger Sicht entschlüsselt sich die „Räuber“-Biografie freilich nicht mehr als Drama eines rebellischen Outlaws, wie es 1970 Reinhard Hauff mit „Matthias Kneißl“ (fd 17 377) interpretierte oder in Liedern von Ringsgwandl oder Biermösl Blosn bis in die Gegenwart fortlebt. Kneißls kurzes Leben verlief vielmehr in einer tragischen Abwärtsspirale, in der Armut, Ausgrenzung und eine repressive Ordnung den Sturz ins Nichts wechselseitig beschleunigten. Der weitgehende Verzicht auf sozialkritische Deutungen kennzeichnet denn auch die neuerliche Verfilmung durch Marcus H. Rosenmüller, der sich den Stoff für seine Version eines bayerischen Unterhaltungskinos aneignete. Sein Kneißl, von Maximilian Brückner mit feinem Understatement verkörpert, ist ein aufrechter, grundehrlicher Charakter, der 1899 den Knast als geläuterter Optimist verlässt und von krummen Geschäften endgültig die Finger lassen will. Lieber nimmt er beschwerliche Wege in Kauf nimmt, um sein (Schiffs-)Billett in die Neue Welt, nach Amerika, auf ehrliche Weise zu erwerben. Dass er in seiner Cousine Mathilde auch noch die große Liebe findet, passt in die Aussicht auf ein besseres Leben. Angesichts von so viel Charme und Strebsamkeit scheint die Umwelt zunächst auch gewillt, ihm keine Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Doch es genügt ein einziger Gegenspieler, um die Ressentiments zu reaktivieren und den „Zuchthäusler“ ins Aus zu katapultieren. Ohne Lohn und Brot bleibt Kneißl wenig mehr, als sich seinen Traum mit der Waffe in der Hand zu ertrotzen. Rosenmüller erzählt dies als Mischung aus Chronik und Ballade, nahe an den Fakten und doch mit märchenhaftem, bisweilen komödiantischem Gestus, was ein eigenartiges Changieren bedingt, in dessen Zwielicht nicht nur die Figuren ihre Bodenhaftung verlieren. Der Trick, mit dem eingangs eine scherenschnittartige Schwarz-Weiß-Aufnahme ins Farbige und Dreidimensionale geweitet wird, droht sich als eine Art Anti-Spiegel gegen den Film zu kehren, dessen hoher Aufwand und Detailfreudigkeit am Ende zu wenig mehr als einem traurigen Schicksal zusammenschnurren. Auch findet die regionale Grundierung der Geschichte, die bis ins oberbayerische Idiom ausbuchstabiert wird und in Ausstattung und Kostümen eine respektable Historizität erreicht, in der Inszenierung kaum Widerhall. Der Regisseur scheut nicht vor berühmten Anleihen zurück, etwa der Fahrradsequenz aus „Butch Cassidy und Sundance Kid“ (fd 16 411), und auch die gitarrenlastige Filmmusik von Gerd Baumann nährt bisweilen den Eindruck, Kneißl sei schon im Western angekommen. Auch mag so manches seltsame Detail wie die ockergelben Stiefel, mit denen Kneißl augenfällig durch die Landschaft irrt, einen Aufhänger in der Wirklichkeit haben, stört aber doch den Anschein der Authentizität. Lässt man die historische Figur und die Frage ihrer Interpretation allerdings außen vor und übergeht den verstolperten ersten Akt, der atemlos die komplizierte Vorgeschichte skizziert, entfaltet sich ein anregend-amüsantes, mitunter burleskes Drama, das durch seine lokalen Eigenheiten zumindest dort für sich einnimmt, wo man diese dekodieren kann. Nicht übersehen werden sollte aber, dass Rosenmüllers unbeschwerter Ausflug in die Gefilde des historischen Heimatfilms an eine grundsätzliche Grenze stößt: die der Typisierung. Kneißls Gegenspieler Förtsch ist verschlagen, der Handlanger des städtischen Ermittlers im Gesicht von Schmissen entstellt, die Bauern sind herrisch, die Knechte dumpf. Nur Maria Furtwängler als Kneißls Mutter bleibt sie selbst, auch wenn sie noch so überzeugend in tiefstem Bayerisch parliert.
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