Dokumentarfilm | USA 2007 | 217 Minuten

Regie: Frederick Wiseman

Frederick Wisemans Dokumentarfilm verfolgt die Arbeit der Legislative des US-Bundesstaats Idaho während der Sitzungsperiode 2004, wofür von 720 Stunden Sitzungen, Debatten, Beratungen und Abstimmungen der Volksvertreter 168 mit der Kamera festgehalten und später achronologisch geschnitten wurden. Im Geist des Direct Cinema durch unbeteiligte Beobachtung und minutiöse Montage gelingt eine eminent spannende Reflexion über das Wesen der Demokratie, in der Menschen ihr Zusammenleben verantwortlich miteinander gestalten. - Sehenswert ab 16.
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Filmdaten

Originaltitel
STATE LEGISLATURE
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2007
Produktionsfirma
Idaho Film
Regie
Frederick Wiseman
Kamera
John Davey
Schnitt
Frederick Wiseman
Länge
217 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.
Genre
Dokumentarfilm
Externe Links
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Diskussion
Es ist bezeichnend, dass ein herausragender, aber viel Geduld abverlangender Dokumentarfilm, der 2007 ein Höhepunkt im Forum-Programm der „Berlinale“ war, erst zwei Jahre später ins Kino kommt. Andererseits kann man froh sein, dass er es überhaupt auf die Leinwände schafft – angesichts der Herkules-Aufgaben, die der neuen US-Administration unter Barak Obama bevorstehen, und dem Dauerwahljahr 2009 in Deutschland liefert „Der Gesetzgeber“ durch seine strukturelle Dramaturgie Einblicke und Einsichten in Sachen Demokratie. In Anspielung auf Montesquieu könnte im Untertitel der neue Film von Frederick Wiseman „Vom Geiste der Gesetze“ heißen: ein dokumentarisches Mammutwerk von 217 Minuten Länge, das einem Krimi über die Wirkungsmechanismen und Determinanten von Recht und Gesetz nahe kommt. Ein Krimi, weil es dem Altmeister des Direct Cinema gelungen ist, durch unbeteiligte Beobachtung und minutiöse Montage den Geist der Demokratie so einzufangen, dass der Film trotz seiner spröden Materie und ausufernder Länge einen unerklärlichen Sog entwickelt. Debatten, Beratungen, Ausschusssitzungen, Abstimmungen – Demokratie erweist sich hier als ein unaufhörlicher Prozess der Entscheidungsfindung, an dem viele Akteure beteiligt sind. Dabei werden nicht nur komplexe Zusammenhänge erkennbar, sondern auch viele Standpunkte, Perspektiven und Sachzwänge, die sie bedingen. Komplexität ist das Schlüsselwort, sowohl für das trockene Sujet als auch die erhellende Herangehensweise der Regie. Über die gesamte Sitzungsperiode des Jahres 2004 begleitete Wiseman die Legislative im Kapitol des Bundesstaats Idaho, der gerade mal 1,4 Mio. Einwohner zählt. Ein Bürgerparlament, dessen Volksvertreter nebenberuflich, gegen geringe Aufwandsentschädigungen, ihren Job machen und dafür nur drei Monate benötigen. 720 Stunden im Jahr, wovon Wiseman 168 Stunden auf Film festgehalten und später achronologisch geschnitten hat, 14 Monate lang, um dem Film eine erzählerische Form zu verleihen. Ebenso polemikfrei wie parteilos destilliert er aus dem Material eine eminent spannende Reflexion über das Wesen der Demokratie, in der Menschen ihr Zusammenleben verantwortlich miteinander gestalten. Kein Wunder, betreffen ihre Entscheidungen alle Bereiche des öffentlichen Lebens, indem sie Regeln, Normen und Werte festlegen, die für staatliche Institutionen wie Polizei, Schule, Armee, Gesundheits- und Rechtswesen verbindlich sind. Institutionen, deren Prozesshaftigkeit Wiseman seit den 1960er-Jahren seine wegweisenden Dokumentationen gewidmet hat. Viele Fragen und Themen werden erörtert: das Verhältnis von Kirche und Staat; das Recht auf freie Meinungsäußerung; die staatliche Gewaltenteilung; Rechte und Pflichten der Bürger; Bildungswesen; Einwanderungsfragen; Verbrechen; die Umwelt und die Rolle der Lobbyisten, deren Einflussnahmen auf die Politik nicht nur Übergriffsversuche des Kapitalismus auf das Gemeinwohl, sondern auch legitime Interessen widerspiegeln. Die Kamera als Protokollant registriert den Ernst und die Hingabe der Volksvertreter bei der Gesetzgebung, ohne ihre beobachtende Anwesenheit zu verschleiern. Wisemans Montagetechnik feiert die Vielfalt der Werte, der ideologischen Positionen und der gesellschaftlichen Belange, die ein Parlament bedenken und berücksichtigen muss; offenbart die Prosaik der Fragen, die Durchschnittlichkeit der Menschen, die sich deren Lösung annehmen, die Dramatik eines Prozesses, in dem verschiedene, zum Teil konträre Meinungen integriert und Entscheidungen ausgehandelt werden, die unser Alltagsleben später immens beeinflussen. Ein fulminantes Institutionen-Porträt einer gesetzgeberischen Versammlung, die für drei Monate im Jahr zusammentrifft, um die Arbeit des Staats zu verrichten, als Beispiel und Metapher für das Prinzip der Demokratie. Umso mehr verwundert es, dass der Co-Produzent arte glaubte, sich während der Uraufführung während der „Berlinale“ von Wisemans Langfassung öffentlich distanzieren zu müssen.
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