Zeit der Unschuld

Drama | USA 1993 | 138 Minuten

Regie: Martin Scorsese

New York um 1870. Kurz vor seiner Hochzeit mit einer Frau aus vornehmer Familie verliebt sich ein junger Anwalt in deren unkonventionelle Cousine. Die unerfüllte Liebe überschattet seine Ehe über Jahre hinweg und stürzt ihn selbst immer wieder in Konflikte. Grandios fotografiertes und inszeniertes Drama um den Konflikt von Sehnsucht und Verantwortung in einer von starren gesellschaftlichen Konventionen und engen Moralvorstellungen geprägten Welt. Schauspielerisch sehr zurückhaltend, offenbart sich das innere Drama der Hauptfiguren über die Zeichen- und Symbolsprache einer auf Äußerlichkeiten reduzierten Umwelt. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
THE AGE OF INNOCENCE
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
1993
Regie
Martin Scorsese
Buch
Jay Cocks · Martin Scorsese
Kamera
Michael Ballhaus
Musik
Elmer Bernstein
Schnitt
Thelma Schoonmaker
Darsteller
Daniel Day-Lewis (Newland Archer) · Michelle Pfeiffer (Ellen Olenska) · Winona Ryder (May Welland) · Miriam Margolyes (Mrs. Mingott) · Richard E. Grant (Larry Lefferts)
Länge
138 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 6; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.
Genre
Drama | Liebesfilm | Historienfilm | Literaturverfilmung

Heimkino

Verleih DVD
Columbia TriStar Home (16:9, 2.35:1, DD5.1 engl., DS dt.)
Verleih Blu-ray
Sony (16:9, 2.35:1, dts-HDMA engl., DD2.0 dt.)
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Diskussion
New York. New York. "Wie konnte ich vergessen, daß hier alles gut ist", zieht Ellen Olenska ihr bitteres Fazit. Ihr, die nach der gescheiteren Ehe mit einem europäischen Grafen in die Heimat zurückgekehrt ist, schlägt eine Welle der Ablehnung entgegen. New Yorks High Society in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts: eine Welt der gesellschaftlichen Konventionen, Hierarchien und Symbole. Eine Welt, die die zahlreichen Seitensprünge eines ihrer Protagonisten stillschweigend duldet, während Ellens vermeintliche Affäre mit dem Sekretär ihres Mannes kaum verziehen werden kann. Doch Ellen hat Glück. Die bevorstehende Ehe ihrer Cousine May mit dem jungen Anwalt Newland Archer bedeutet moralische "Rückendeckung" durch zwei der angesehensten Familien der Stadt. In der Tat setzt Newland alle Hebel in Bewegung, um Ellens Integration zu beschleunigen. Er initiiert einen Empfang zu ihren Ehren bei den van Luydens, der einflußreichsten New Yorker Familie. Und er überredet Ellen als ihr Rechtsbeistand, von ihren Scheidungsplänen Abstand zu nehmen, um jedwedem öffentlichem Gerede vorzubeugen. Mit einem Mal aber sieht sich Newland, der die Partitur gesellschaftlicher Konventionen so perfekt beherrscht, selbst im moralischen Dilemma: er liebt die warmherzig-naive May, die den Moralkodex ihrer Umgebung nicht im Traum hinterfragen würde, kann aber seine heftige Leidenschaft für die "rebellische" Ellen nicht länger leugnen. Ein Handkuß, ein Blumenstrauß ohne Absender, die Gefühle angesichts einer Abschiedsszene auf der Opernbühne - Newlands tiefgreifende Verwirrung manifestiert sich in kleinen Details. Newland folgt Mays Familie in den Winterurlaub, weil er weiß, daß sich Ellen in der Nähe aufhält. Und er sucht seinen Gewissenskonflikt zu lösen, indem er klare Fakten schaffen, also May so schnell wie möglich heiraten will. Schon während der Flitterwochen in Europa aber sieht sich Newland in seinen Hoffnungen getäuscht. Weder ist May in der Lage, ihr geordnetes Weltbild unter den neuen Eindrücken zu überprüfen, noch lösen sich seine eigenen Zweifel mit der Trauung ins Nichts auf. Fortan führt Newland im Inneren ein Doppelleben als treuer Ehemann und verhinderter Liebhaber. Es folgen Monate der Beinahe-Begegnungen mit der nun ständig reisenden Ellen, der schmerzhaften Erinnerungen, der ehelichen Lügen und aufgeschobenen Bekenntnisse. Ein Besuch Ellens in New York bringt beider Leidenschaft erneut zum Aufflammen. Newland läßt Ellen heimlich seinen Schlüssel zukommen. will May endlich mit der Wahrheit konfrontieren. Zu spät. May ist schwanger und Ellen (von May zur rechten Zeit mit dieser Neuigkeit konfrontiert) bereits auf dem Weg zurück zu ihrem Ehemann in Europa.

Epilog. Newlands Kinder sind erwachsen, seine Frau May verstorben. Bei einer Reise nach Paris erfährt Newland von seinem Sohn Ted. daß May während ihrer langen Ehe von seiner Leidenschaft für Ellen - und von seinem Verzicht - wußte. Während Ted der verwitweten "Gräfin" einen Besuch abstattet, zieht es Newland vor, mit seinen Erinnerungen zu leben.

Der Film beginnt mit einem Opernbesuch, dann folgt ein Ball, wenig später der Empfang bei den van der Luydens. Opulente Höhepunkte im Leben einer Gemeinschaft, die über ein ausgeklügeltes System äußerlicher Zeichen kommuniziert. Opulente Höhepunkte auch im Film, der sich (mit Recht) viel Zeit nimmt, die "Spielregeln" dieser Gemeinschaft unter die Lupe zu nehmen. Während sich in der Opernloge das Drama um Liebe und Entsagung anbahnt, das auf der Bühne bereits vorweggenommen wird, sucht die Kamera nach den kleinen Manifestationen jenes pompösen Spektakels, das "die Oper" - und hier die Besucher mindestens im selben Maß wie die Sänger und Musiker - an diesem Abend bietet. Ein "unpassendes" Kleid, eine unangemessene Verspätung, der eigenmächtige Wechsel des Gesprächspartners bei einem Empfang -die Fallstricke für "Uneingeweihte" sind zahlreich und gefährlich. Scorsese und sein Kameramann Ballhaus betreiben in der ersten halben Stunde "Ethnologie", vergleichbar ihrer letzten Zusammenarbeit in "Good Fellas" (fd 28 549). Was dort für die Welt der Mafiosi galt, funktioniert auch hier: die Faszination des schönen Scheins, die Geborgenheit in sicheren Strukturen üben eine suggestive Wirkung aus (nicht zuletzt auf die Zuschauer). Die Katerstimmung setzt ein, wenn die Figuren nicht mehr im Sinne der Konventionen funktionieren. Wenn der Protagonist plötzlich zwei Blumensträuße verschickt oder in einem Tagtraum (für den Ballhaus einmal mehr den "Vertigo-Effekt" ausgräbt) die Umarmung mit der Cousine seiner Verlobten phantasiert. Dann spätestens gibt sich der Glanz des schönen Scheins als Symbol der Unterdrückung zu erkennen.

Daß es - dem Milieu und Geist der Geschichte entsprechend - zu heftigeren emotionalen Ausbrüchen nicht kommt, daß die Schaupieler sich radikal zurücknehmen müssen, darin liegt das für Scorsese Ungewohnte in "Zeit der Unschuld". Nicht in der Wahl eines "historischen" Stoffes (beinahe die Hälfte seiner Filme spielen in der Vergangenheit) oder gar im Thema. Newland Archer ist ein Verwandter jenes Computerfachmanns Paul Hackett in "Die Zeit nach Mitternacht" (fd 25 585), der auf den Spuren einer schönen Frau die düster-faszinierende Seite New Yorks kennenlernt. um sich nach einer langen Nacht "erlöst" an seinem vertrauten Schreibtisch wiederzurinden; oder Scorseses Jesus-Figur in "Die letzte Versuchung Christi" (fd 27 169), die nach der Vision vom ganz "normalen" menschlichen Dasein bewußt den Weg des Todes wählt -zwei Filme, deren "Happy-End"-Charakter der Regisseur ausdrücklich betont hat. Entsprechend endet auch Newland Archers "Versuchung" im entscheidenden Augenblick im Verzicht, wobei die Frage nach dem glücklichen Ende einer tiefen Melancholie weicht. In den letzten Einstellungen des Epilogs erscheint Newland als trauriger, nicht aber als gebrochener Mann; im vollen Bewußtsein des Verlusts, der nur mit einem anderen Verlust hätte vermieden werden können: dem der eigenen Integrität. Auf merkwürdige Weise erscheint Newland in dieser Schlußszene ähnlich abgeklärt wie sein scheinbar entferntester Gegenpol in Scorseses Werk. der Boxer Jake La Motta am Ende von "Wie ein wilder Stier" (fd 22 856): zwei Verlierer, die mit sich selbst im reinen sind.

Ohne sein Publikum emotional festzulegen, scheint Scorsese mit der Schilderung der letztlich "platonisch" bleibenden Leidenschaft den Nerv der Zeit getroffen zu haben. Die 90er Jahre als Zeit des Verzichts, der traditionellen Werte, der Abkehr vom Ideal der Selbstverwirklichung'? Oder anders herum: Hätte man Whartons Roman vor zehn oder zwanzig Jahren überhaupt sinnvoll auf die Leinwand bringen können? Daß sich nun ausgerechnet Scorsese des Stoffes angenommen hat, ist ein Glücksfall, gerade weil "sein" Newland Archer sich jeder voreiligen Vereinnahmung entzieht. Als tragische Figur bleibt der "anständige" Newland ebenso schillernd und mehrdeutig wie Scorseses Anti-Helden früherer Jahre.
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