Bedingungslos (2007)

Drama | Dänemark 2007 | 104 Minuten

Regie: Ole Bornedal

Ein Familienvater verliebt sich in eine Frau, die nach einem Unfall im Krankenhaus liegt und unter Amnesie leidet. Er schlüpft in die Identität ihres Geliebten und entfernt sich zunehmend von seiner Frau und seinen Kindern. Doch die Vergangenheit der rätselhaften schönen Frau wirft verhängnisvolle Schatten. Melancholisch-düsterer, bisweilen auch drastischer Neo-Noir-Film, der seine Spannung weniger aus einem originellen Plot als aus einer atmosphärisch dichten Inszenierung und überzeugenden Schauspielern gewinnt.
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Filmdaten

Originaltitel
KÆRLIGHED PÅ FILM
Produktionsland
Dänemark
Produktionsjahr
2007
Produktionsfirma
Thura Film
Regie
Ole Bornedal
Buch
Ole Bornedal
Kamera
Dan Laustsen
Musik
Joachim Holbek
Schnitt
Anders Villadsen
Darsteller
Anders W. Berthelsen (Jonas) · Rebecka Hemse (Julia) · Nikolaj Lie Kaas (Sebastian) · Charlotte Fich (Mette, Jonas' Frau) · Dejan Cukic (Frank, Jonas' Kollege)
Länge
104 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 16; f
Genre
Drama

Heimkino

Verleih DVD
Ascot/Elite (16:9, 2.35:1, DD5.1 dän./dt.)
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Diskussion
Blick aus der Vogelperspektive: Ein sterbender Mann mit weit geöffneten Augen auf nächtlichem Asphalt. Silbriger Regen vermischt sich mit dem Blut, das aus einer Wunde fließt. „Just Another Love Story“ heißt der Film im internationalen Verleih, doch dass dessen Handlung keineswegs so harmlos sein wird wie dieser Titel, macht bereits die Exposition deutlich, in der nicht Eros, sondern Thanatos regiert. Das Bild vom Sterbenden, dessen Off-Erzählerstimme den Zuschauer à la „Boulevard der Dämmerung“ (fd 1149) in eine nicht originelle, aber stimmungsvoll inszenierte Noir-Welt einführt, wird von einer weiteren rätselhaften Szene abgelöst, in der sich eine Pistole dem schwitzenden Gesicht eines anderen jungen Manns nähert. Der Schuss fällt. Die beiden szenischen Puzzlestücke mit ihren todgeweihten Hauptfiguren bilden die Pole, zwischen denen sich die Geschichte entfaltet. Was diese verbindet, wie sollte es anders sein, ist eine schöne Frau mit einem Geheimnis. In diese Frau, Julia, verliebt sich Jonas, der Erzähler und zukünftige Tote, als er indirekt einen Unfall verursacht, bei dem die Fremde schwer verletzt wird. Er will sie im Krankenhaus besuchen, wo sie auf der Intensivstation liegt, und um zu ihr gelassen zu werden, gibt er sich an der Rezeption als Julias Freund aus. Durch ein Missverständnis halten ihn bald auch die Ärzte und die Familie der Patientin für deren neuen Partner. Weil Jonas sich auf rätselhafte Weise zu Julia hingezogen fühlt, tut er nichts, um die Verwechslung richtig zu stellen – obwohl er verheiratet und Familienvater ist. Er beginnt ein Doppelleben zwischen dem Alltag mit seiner Frau und den zwei Kindern, seinem Job als Polizeifotograf und Julias Krankenbett. Als diese aus dem Koma erwacht, hat sie ihr Gedächtnis verloren, und Jonas schlüpft endgültig in die Rolle ihres Geliebten (den er nach Recherchen eines Polizisten-Kollegen für tot hält), wofür er zunehmend seine Familie vernachlässigt. Doch die geborgte Existenz erweist sich als gefährdet, denn auch wenn Julia an Amnesie leidet, ist sie kein unbeschriebenes Blatt. Ihre Vergangenheit droht das Paar einzuholen. Von klassischen „femmes fatales“ des Film noir unterscheidet sich Julia insofern, als sie nicht gezielt als Verführerin agiert (wie etwa Barbara Stanwyck in „Frau ohne Gewissen“, fd 27 364), sondern eine Art Projektionsfläche für Impulse ist, die in der männlichen Hauptfigur angelegt sind: Ähnlich wie in Sam Mendes’ „American Beauty“ (fd 34 066) ist es die Sehnsucht des Helden, die den eigentlichen Motor der Geschichte darstellt: Sehnsucht nach einem anderen Leben, nach einer wilderen, leidenschaftlicheren Welt jenseits des umzäunten Terrains einer bürgerlichen Existenz. Auch wenn sich Ole Bornedal lieber auf das etwas konstruiert wirkende, dennoch rundlaufende Räderwerk seiner Crime Story verlässt als die Implosion des gezeigten Mittelstand-Daseins mit derselben Konsequenz durchzuspielen wie Mendes, schaffen es seine Schauspieler (vor allem Andres W. Berthelsen und Charlotte Fich), eindringlich die Hilflosigkeit angesichts der Emotionen zu vermitteln, die wie eine Naturgewalt das wohleingerichtete Familienleben verwüsten. Bornedals Inszenierung weist dabei die Qualitäten seiner früheren Arbeiten auf: Mit einer dunkel getönten Bildsprache, die drastische Bilder nicht scheut, aber immer wieder zu melancholischer Poetik findet, sowie raffinierten Bild-Ton-Montagen kreiert er eine dichte Atmosphäre latenter Bedrohung, die bis zum Schluss gefangen nimmt – auch wenn man von Anfang an weiß, wie alles endet.
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