Un barrage contre le Pacifique

Drama | Frankreich/Kambodscha/Belgien 2008 | 115 Minuten

Regie: Rithy Panh

Indochina 1931: Die alleinerziehende Mutter eines fast erwachsenen Geschwisterpaars solidarisiert sich mit den Einheimischen und versucht mit deren Hilfe, einen Damm zu errichten, um dem Meer Land abzuringen. Die beinahe schon zu perfekte Wiederverfilmung eines Romans vom Marguerite Duras als hervorragend fotografiertes Kolonialdrama, das der Vorlage die hysterischen und pathetischen Leidenschaften und die meisten Ecken und Kanten ausgetrieben hat. Was bleibt, ist ein harmonisches Gesamtgefüge mit geradezu überwältigenden Bildern. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
UN BARRAGE CONTRE LE PACIFIQUE
Produktionsland
Frankreich/Kambodscha/Belgien
Produktionsjahr
2008
Regie
Rithy Panh
Buch
Michel Fessler · Rithy Panh
Kamera
Pierre Milon
Musik
Marc Marder
Schnitt
Marie-Christine Rougerie
Darsteller
Isabelle Huppert (die Mutter) · Gaspard Ulliel (Joseph) · Astrid Berges-Frisbey (Suzanne) · Randal Douc (Monsieur Jo) · Vanthon Duong (Korporal)
Länge
115 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12 (DVD CH)
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Literaturverfilmung

Heimkino

Verleih DVD
Trigon (16:9, 1.85:1, DD2.0 Khmer & frz.)
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Diskussion
Wenn es Filme gibt, die zu schön sind, dann könnte „Un barrage contre le pacifique“ ein solcher sein. Auf den ersten Blick stimmt einfach alles: Der kambodschanische Regisseur Rithy Panh übersetzt Marguerite Duras’ Roman über eine alleinerziehende Mutter, die 1931 in Indochina darum kämpft, dem Pazifik ein Stück Ackerland für den Reisanbau abzutrotzen, in ein wundervoll fotografiertes Kolonialzeitdrama. Mit betörenden Landschaftsaufnahmen von grünen Wäldern, weiten Reisfeldern, in der Sonne glitzernden Flüssen und einer erdigen, von Palmen umstandenen Straße, auf der sich nur gelegentlich ein schimmerndes Automobil dem Anwesen der „weißen Frau“ nähert. Musikalisch untermalt von einem besinnlich-beschaulichen Score, taucht die Kamera die stolze, starke Mutter, ihren virilen, meist oberkörperfreien 20-jährigen Sohn und die hübsche 16-jährige Tochter mit Lolita-Charme in sanftes, wohlwollendes Licht. Die grandiose Isabelle Huppert, aber auch Gaspard Ulliel („Hannibal Rising“, fd 38 040) und Astrid Bergès-Frisbey in den Rollen der Kinder sorgen dafür, dass die Figuren nicht nur von außen, sondern auch von innen heraus strahlen. So sehr, dass man dem fröhlich-agilen Joseph nicht einmal seinen latenten Rassismus richtig übel nehmen kann. Natürlich ist das Leben am Golf von Siam, am Rande des Pazifischen Ozeans, keineswegs paradiesisch. Die kleine Familie steht vor dem finanziellen Ruin, weil das Meer ständig die Reisplantagen überflutet. Banken und Kolonialbehörden machen den Dreien zusätzlich zu schaffen. Dann müssen sie noch hilflos mit ansehen, wie die einheimische Landbevölkerung von der Kolonialmacht mit brutaler Gewalt aus ihren Dörfern vertrieben wird. Auch solche Dramen und Tragödien können zu einem gelungenen Kinoabend gehören, sofern sie entsprechend „kinoschön“ inszeniert werden, und das kann Rithy Panh zweifellos für sich beanspruchen. Die kleine Familie solidarisiert sich mit den Einheimischen und will mit ihrer Hilfe einen Damm errichten, der das Meer abhalten soll. Trotz aller Not verliert sie nie den Boden unter den Füßen, und der Film bewahrt stets das Gleichgewicht, auch wenn sich mit zunehmender Dauer immer mehr gesellschaftliche und familiäre Krisen abzeichnen: Die Mutter zieht ihren eifersüchtig geliebten Sohn der Tochter vor; die Geschwister wiederum hängen in einer fast inzestuösen Weise aneinander. Ein älterer, reicher Chinese verliebt sich in das verführerische Mädchen, und die Familie versucht, daraus Kapital zu schlagen. Der Film deutet solche Abgründe an, ohne sich von ihnen verschlingen zu lassen. Selbst als der Kopf eines Verwaltungsbeamten auf einen Stock gespießt wird und Hütten brennen, behält er seinen ruhigen, nostalgisch-gemächlichen, leicht melancholischen Erzählton bei. Auf die melodramatischen Töne, die René Clement 1957 in seiner Verfilmung des Duras-Romans („Heiße Küste“, fd 6975) anschlug, verzichtet Panh. Geduldig entfaltet er die Handlung, in deren Mittelpunkt immer mehr das Werben des chinesischen Geschäftsmanns um Suzanne rückt, die letztlich aber von der Angst der Mutter, ihr Land und ihre beiden Kinder zu verlieren, zusammengehalten wird. Erst auf den zweiten Blick zeigt sich, dass sich das epische, augen- und seelenschmeichlerische Gemälde aus einer recht kleinen emotionalen Farbpalette zusammensetzt. Nicht nur die hysterischen, pathetischen Leidenschaften hat Panh seiner Adaption ausgetrieben, sondern die meisten Ecken und Kanten, fast alles (auch formal) Beängstigende, Bedrohliche, Hässliche. Übrig bleiben pittoreskes Leid und Tod als dramaturgische Koloraturen im großen harmonischen Gesamtgefüge. Dass man diese „Kritik auf den zweiten Blick“ überhaupt üben kann, spricht freilich auch für den Film, an dem man sich kaum satt sehen mag, weil er so schön ist.
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