Simons Geheimnis

Drama | Kanada 2008 | 100 Minuten

Regie: Atom Egoyan

Ein Schüler gibt die Story einer schwangeren Frau, die von ihrem Mann als Selbstmordattentäterin mit einer Bombe in ein Flugzeug gesetzt wird, als seine eigene Familiengeschichte aus und provoziert damit eine bald außer Kontrolle geratene Kettenreaktion. Atom Egoyan spielt virtuos mit den verschiedenen Zeit- und Realitätsebenen, um die Konstruiertheit von Identitäten, aber auch von Geschichte im Allgemeinen zu beleuchten. Die Vielfalt der politischen wie philosophischen Bezüge, die sich dabei auftun, grenzt zwar an Überfrachtung, stets aber bleibt der Film dank seiner suggestiven Bildsprache und überzeugender Darsteller emotional fesselnd und intellektuell anregend. (Kinotipp der katholischen Filmkritik) - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
ADORATION
Produktionsland
Kanada
Produktionsjahr
2008
Regie
Atom Egoyan
Buch
Atom Egoyan
Kamera
Paul Sarossy
Musik
Mychael Danna
Schnitt
Susan Shipton
Darsteller
Arsinée Khanjian (Sabine) · Scott Speedman (Tom) · Rachel Blanchard (Rachel) · Noam Jenkins (Sami) · Devon Bostick (Simon)
Länge
100 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama

Heimkino

Verleih DVD
X Verleih/Warner (16:9, 1.78:1, DD2.0 engl., DD5.1 dt.)
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Diskussion
Ein Junge, Simon, sitzt mit einem Laptop auf einer Wiese. Wenig später ist er mit der Kamera seines Handys am Sterbebett seines Großvaters zu sehen und befragt ihn zu der Vergangenheit seiner Eltern. Die direkte Kommunikation zwischen beiden wird durch den Bildschirm getrennt, der das Gespräch wiedergibt und als ein Filter fungiert. Moderne Technologien sind in „Simons Geheimnis“ allgegenwärtig und dabei so selbstverständlich in den Alltag integriert, dass man sie gar nicht mehr als Eingang in andere Wirklichkeitsebenen wahrnimmt. Ähnlich wie in „Exotica“ (fd 31 113) oder „Wahre Lügen“ (fd 37 459) sind in Atom Egoyans neuem Film die Grenzen zwischen „objektiver“ Realität, Erinnerungen und Vorstellungen ununterscheidbar. Nur kommt hier der virtuelle Raum des Internets als eine weitere und wirkungsmächtige Ebene hinzu. Simon, dessen Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind, kann sich sofort mit der Geschichte identifizieren, die seine Französischlehrerin Sabine als Übersetzungsaufgabe diktiert. Eine hochschwangere junge Europäerin wird auf dem Weg nach Israel von der Sicherheitskontrolle am Flughafen aufgehalten. Man findet in ihrem Gepäck eine Bombe, die dort von ihrem jordanischen Mann versteckt wurde, um die El-Al-Maschine auf ihrem Flug in die Luft zu sprengen. Simon wandelt die reale Geschichte ab, indem er sich in die Rolle des Sohnes versetzt, dessen Vater bereit war, seine Frau und das ungeborene Kind zu opfern. Sabine ist von der Glaubwürdigkeit seiner Fiktionalisierung beeindruckt. Sie sieht darin die Möglichkeit, eine Diskussion über Vorurteile gegenüber anderen Religionen und Kulturen anzuregen und ermuntert ihn, die Geschichte vor der Klasse als seine eigene vorzutragen. Es kommt zu heftigen Reaktionen, doch schnell verlagert sich die Diskussion auf den Raum jenseits des Bildschirms. Simons Erfindung, die sich erfolgreich mit Authentizität tarnt, wird zum öffentlich diskutierten Gegenstand hitziger Chatroom-Debatten. Nachdem sich zunächst Mitschüler zu Wort melden, weitet sich die Diskussion sogar auf einige Insassen des betreffenden Flugzeugs aus. Die Statements sind emotional, moralisierend, selbstgerecht und manchmal auch von rassistischen Stereotypen durchzogen, dumpfe Stammtischrhetorik bestimmt den Diskurs. Doch die Öffentlichkeit des Chatrooms bringt auch neue und extreme Formen der Selbstäußerung hervor. Eine Überlebende des Holocaust wird von ihrer Enkelin vor die Kamera gezerrt, um der ganzen Welt ihre in den Unterarm tätowierte KZ-Nummer zu zeigen. Simons Aneignung der Geschichte gerät zunehmend außer Kontrolle, die Lehrerin verliert darüber sogar ihren Job. Für Simon aber adressieren sich die im Internet kursierenden Fragen plötzlich auch an seine eigene Familiengeschichte; der Unfalltod der Eltern bleibt ein blinder Fleck. Es kommt zu einer Vermischung beider Geschichten, wobei Simons Großvater mit der verbitterten Abrechnung über Sami, seinen muslimischen Schwiegersohn („Deine Mutter war ein Engel und dein Vater hat sie umgebracht“) Parallelen zu der historischen Terrorgeschichte zusätzlich befeuert. Mit atmosphärischer Dichte und großer Intensität verwebt Egoyan die unterschiedlichen Realitäts- und Zeitebenen und suggeriert auf diese Weise Zusammenhänge, die eigentlich gar nicht existieren. So wird etwa die Aufnahme des Flugzeugs mit Bildern des explodierenden Autos montiert; die Konstruktionspläne der Geige (Simons Vater war Geigenbauer, die Mutter eine berühmte Geigerin) werden mit Suspense aufgeladen, als handle es sich dabei um geheime Pläne für den bevorstehenden Terroranschlag. Das Thema der Bombenexplosion korrespondiert plötzlich mit dem ressentimentgeladenen Verhältnis zwischen Sami und seinem Schwiegervater und der emotionalen „Explosion“, die dem Autounfall vorangeht, während die Figur des „Monsters“ sich sowohl in der des Attentäters wiederfindet als auch in der des Vaters, der sich und seine Frau in den Tod fährt. Ähnlich wie die Internet-Community wird auch der Zuschauer von Simons Geschichte eingefangen und verführt – auch wenn seine Erzählung sich durch die weich gezeichneten und fließenden Bilder als eine andere Ebene von Realität ausmachen lässt. Durch diese Verwirrungsstrategien zieht Egoyan den Glauben an eine „objektive“ Wirklichkeit vehement in Zweifel und zeigt Geschichte vielmehr als ein komplexes Gemisch aus Fakten und Fiktionen, Erinnerungen, Spekulationen und sich widersprechenden Perspektiven. Neben dem Hauptplot streut der Regisseur noch weitere Fährten, die das Geflecht aus Lüge und Wahrheit mit anderen thematischen Zusammenhängen anreichern (um nicht zu sagen überfrachten). In der konfrontativen Begegnung zwischen Sabine, deren muslimischer Hintergrund erst spät enthüllt wird, und Simons Onkel wird beispielsweise der Konflikt zwischen Islam und Christentum ausgetragen; am Ende folgt sogar ein kurzer Anriss des Nahostkonflikts. Allerdings gerät der Film hier manchmal allzu stark zur modellhaften, konstruierten Studie über das gesellschaftliche Klima nach dem 11. September; die Figuren werden zu Stellvertretern für religiöse bzw. politische Konflikte. Trotz dieser konzeptuellen Schwächen ist Egoyan mit seinem neuen Film ein kleines und fast paradoxes Kunststück gelungen. Obwohl „Simons Geheimnis“ von der Wirkungsmacht neuer Medien handelt, von digitaler Kommunikation, geborgten Identitäten und sozialen Räumen im Netz, vertraut er doch ganz auf die Kraft des filmischen Bildes.
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