- | Großbritannien 2010 | 101 Minuten

Regie: Chris Morris

Vier islamistische Möchtegern-Selbstmordattentäter im englischen Sheffield bereiten einen Anschlag in London vor. Dabei stellt sich das Quartett so dämlich an, dass der Erfolg der geplanten Aktion mehr als fragwürdig ist. Als "Terror-Komödie" an der Grenze zum Zynismus entlangbalancierend, entwickelt der Film als Farce über Fanatismus und Hysterie gelegentlich treffenden schwarzen Humor. Insgesamt bleibt die Satire über das Phänomen fundamentalistischen Terrors aber zu oft beim fragwürdigen Witz um in die Luft fliegende Körper stehen, anstatt sich mit Hintergründen zu befassen.
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Filmdaten

Originaltitel
FOUR LIONS
Produktionsland
Großbritannien
Produktionsjahr
2010
Produktionsfirma
Warp Films
Regie
Chris Morris
Buch
Jesse Armstrong · Sam Bain · Christopher Morris
Kamera
Lol Crawley
Schnitt
Billy Sneddon
Darsteller
Kayvan Novak (Waj) · Nigel Lindsay (Barry) · Riz Ahmed (Omar) · Adeel Akhtar (Fessal) · Preeya Kalidas (Sophia)
Länge
101 Minuten
Kinostart
21.04.2011
Fsk
ab 16; f
Externe Links
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Heimkino

Die Standardausgabe (DVD) enthält keine erwähnenswerten Extras. Die BD enthält neben diversen Kurzinformationen u.a. ein Feature mit sieben im Film nicht verwendeten Szenen (19 Min.). Die schön aufgemachte "3-Disc Limited Collector's Edition" enthält den Film auf BD und DVD sowie, neben den bereits erwähnten Features, noch den Kurzfilm "My wrongs" von Chris Morris (12 Min.) sowie ein informatives 24-seitiges Booklet.

Verleih DVD
Capelight (16:9, 1.85:1, DD5.1 engl./dt.)
Verleih Blu-ray
Capelight (16:9, 1.85:1, dts-HDMA engl./dt.)
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Diskussion
Kunst darf alles. Das ist der Common Sense, auf den sich westliche Demokratien nach den faschistischen Ideologien des letzten Jahrhunderts weitgehend verständigt haben. Seit dem 11. September 2001 und den weltpolitischen Folgen gibt es eine Stoßrichtung aus Richtung Süd-Ost, die damit weniger einverstanden ist. Die dänischen Mohammed-Karikaturen verursachten vor sechs Jahren Diskussionen und Drohungen. Günter Wallraffs geplante Lesung von Salman Rushdies „Die Satanischen Verse“ in einer Kölner Moschee, Zack Snyders wenig schmeichelhafte Darstellung der Perser in „300“ (fd 38 094) oder die umstrittene, ab- und wieder angesetzte „Idomeneo“-Aufführung an der Oper Berlin 2006: Die Liste der Provokateure ist lang und gefürchtet. Dementsprechend gern schalten sich politische Instanzen ein, um mittels Zensur terroristischen Gegenschlägen vorzubeugen und dabei die Freiheit der Kunst zu beschneiden. So auch die von einem CSU-Abgeordneten angestoßene Diskussion um „Four Lions“, einen Film um eine Gruppe muslimischer Selbstmord-Attentäter, die ihr terroristisches Ziel dermaßen grenzdebil verfolgen, dass Islamisten das wahrscheinlich gar nicht komisch finden werden. Die paradox fusionierte, satirische „Terror-Komödie“ begibt sich mitten in das Herz einer realistischen Bedrohung, die die westliche Welt umtreibt. Thema waren Selbstmordattentäter schon öfter, sei es als direkte Verfilmung von 9/11 in Paul Greengrass „Flug 93“ (fd 37 628) oder als die Begleitung zweier junger Attentäter und ihrer letzten Tage im palästinensischen Drama „Paradise Now“ (fd 37 247). Bei „Four Lions“ geht es jedoch nicht um das tiefe Schürfen in den Wunden einer zweigeteilten Welt, sondern um eine satirische Variation, die von den einen unkritisch als komödiantisch, von anderen als zynisch empfunden werden könnte. Die vier „Löwen“, die sich im kleinen Großstadtdschungel Sheffield mit heimisch gedrehten Bekenner-Videos und explosiven Sprengstoffgürteln auf ihren eigenen Selbstmord vorbereiten, sind als so doof gezeichnet, dass ein Gelingen ihres Terroranschlags nahezu unmöglich scheint. Omar, Faisal, Waj und Barry sind keineswegs die intellektuell ebenbürtigen Gegner der fried- und lebensliebenden Gesellschaft. Vielmehr schrammen zwei der Löwen gerade so an der Idiotie vorbei, einer der Anführer leidet unter chronischem Verfolgungswahn, dem er mit noch abstruseren Vertuschungsstrategien begegnet, der andere fühlt sich für seine Jungs verantwortlich, weniger jedoch für seine Familie. Omar ist die stilisierte Identifikationsfigur des in eine absurde Position abgestellten Zuschauers. Seine Ehefrau begegnet den Plänen des Unzufriedenen mit erstaunlichem Gleichmut, als würde sie in den Erfolg des Vorhabens so viel Vertrauen setzen wie der Zuschauer. Zu kompliziert erscheint die Planung, zu gefährlich das Hantieren mit dem Sprengstoff, geradezu unmöglich die Ausführung dieses chaotischen Quartetts des Terrors. Diesen kann man indes gar nicht ernst genug nehmen; dementsprechend gehen die Bombenanschläge der „Four Lions“ so kräftig und tödlich ins Auge wie zuvor die Terrorcamp-Ausbildung in der pakistanischen Wüste und die Verlagerung des Sprengstoffs über eine britische Schafsweide. Es lässt sich nicht abstreiten, dass viele Szenen in Chris Morris’ Satire durchaus funktionieren. Diese haben am wenigsten mit der komödiantischen Ausschlachtung von urplötzlich sich in Schall und Rauch auflösenden menschlichen Körpern zu tun, dafür aber viel mit Seitenhieben auf die Hysterie und den Fanatismus diesseits und jenseits der „Achse des Bösen“. Witzig ist etwa die abstruse Strategie der Möchtegern-Terroristen, aus Angst vor scharfen Fotos der Überwachungssatelliten ständig den Kopf zu schütteln. Rabenschwarz auch die Diskussion über das geeignetere Terror-Ziel: eine Moschee mit muslimischen „Kollateralschäden“, die die Glaubensbrüder aufrütteln sollen, oder doch lieber die Rush-Hour in der Mitte der Ungläubigen? Am Ende fällt die Wahl des Terror-Ziels auf den kostümierten Londoner Marathonlauf. Karneval-Ganzkörperanzüge sollen die Sprengstoffgürtel verdecken, sorgen aber nur für Verwirrung auf Seiten der überrumpelten Polizei. Der Film hat sich zu diesem Zeitpunkt längst für die Zerstörung seiner muslimischen Objekte der Schaulust entschieden – ob Mensch oder Döner-Bude. Letztendlich steht am Ende angesichts einer wortwörtlich verpuffenden Gefahrenlage die Frage im Raum, was überhaupt Kunst ist. Was ist lustig, was einfach nur Provokation? Die Freiheit, das beim eigenen Kinobesuch entscheiden zu können, ist gegeben, und dies ist vielleicht wichtiger als die ästhetische Beurteilung einer Satire, die mit ihrer abgestumpften Klinge der Komik nicht besonders feinfühlig an der Situation ihrer observierten „Problemmuslime“ schabt.
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