Tragikomödie | USA 2011 | 94 Minuten

Regie: Jason Reitman

Eine Frau Mitte 30 in Minneapolis hat nie den Sprung ins Erwachsensein geschafft und lässt in Groschenromanen, die sie als Ghostwriter verfasst, ihre Vergangenheit als High-School-Queen aufleben. Als ein Ex-Geliebter von ihr ein Kind erwartet, reist sie in ihre Heimat in der Provinz, um den jungen Vater für sich zurückzuerobern. Die in der Hauptrolle vorzüglich und differenziert gespielte Tragikomödie zeichnet einfühlsam und vielschichtig das Porträt einer um sich selbst kreisenden Frau, deren Selbstbild längst nicht mehr mit der Wirklichkeit im Einklang steht. - Ab 14.
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Filmdaten

Originaltitel
YOUNG ADULT
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2011
Produktionsfirma
Paramount Pic./Denver and Delilah Prod./Indian Paintbrush/Mandate Pic./Mr. Mudd/Right of Way Films
Regie
Jason Reitman
Buch
Diablo Cody
Kamera
Eric Steelberg
Musik
Rolfe Kent
Schnitt
Dana E. Glauberman
Darsteller
Charlize Theron (Mavis Gary) · Patton Oswalt (Matt Freehauf) · Patrick Wilson (Buddy Slade) · Elizabeth Reaser (Beth Slade) · Jill Eikenberry (Hedda Gary)
Länge
94 Minuten
Kinostart
23.02.2012
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Tragikomödie
Externe Links
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Diskussion
Mal ehrlich: Erwachsenwerden ist Quälerei. Mit gemischten Gefühlen denkt man an die Zeit zurück, da man anfing, die Dinge in die Hand zu nehmen, Verantwortung für Job, Partner, Familie oder auch nur sich selbst zu übernehmen. Adoleszenz nennen Psychologen die Sturm-und-Drang-Zeit zwischen Pubertät und Erwachsensein, und dass sich diese Übergangsphase allgemein ausdehnt, spiegelt nicht zuletzt die Kulturindustrie. Das Mainstream-Kino setzt weitgehend auf jugendliche Zuschauer, und auch die Verlage haben sich fest auf das Lesepublikum zwischen zwölf und 23 Jahren eingestellt. „Young Adult“ – die Gruppe der Heranwachsenden bildet das Zielpublikum für die populäre High-School-Romanserie, an der Mavis Geary als Ghostwriter mitwirkt. Obwohl ihr Name auf keinem Buchdeckel steht, gefällt sich Mavis in der Rolle der Star-Autorin. Wenn sie einen „ihrer“ Romane von einem Buchstapel nimmt und signiert und kleinkarierte Buchverkäufer das als Sachbeschädigung werten, dann hat Mavis dafür nur Verachtung übrig. Was das Selbstbild irritieren könnte, wird ausgeblendet. So funktioniert auch Mavis’ Alltag in einem Luxusapartment hoch über Minneapolis. Freundschaften werden über Facebook verwaltet, Besuch kommt nur zwecks One-Night-Stand über die Schwelle, für zärtliche Anwandlungen ist der kleine Terrier da, bei Frust wird der Alkoholpegel angehoben. Die Tragikomödie „Young Adult“ ist die zweite Produktion des Teams Diablo Cody (Buch) und Jason Reitman (Regie). Die Hauptfigur verhält sich dabei nahezu komplementär zur schwangeren 16-Jährigen in „Juno“ (fd 38 618). Während Juno allzu früh das Erwachsensein erproben musste, steckt Mavis Geary mit Mitte 30 noch im Stadium der Adoleszenz fest. Deshalb kann sie sich auch problemlos in die Lebenswelt ihrer jugendlichen Romanfigur einfühlen, deren erlebte Rede mehrmals aus dem Off zu hören ist, gesprochen von Mavis selbst. Inwieweit die Fließbandautorin selbst Wirklichkeit und Billigroman noch auseinander halten kann, ist fraglich. Per E-Mail erfährt sie, dass ihr Ex-Freund Buddy Slade Vater geworden ist, und sie beschließt, in die alte Heimat zurückzufahren. Die Idee entspringt dem puren Wahn: Mavis glaubt, für ein Leben mit Buddy sei es noch nicht zu spät. Und tut sie dem in Mercury, Minnesota, versackten Ex nicht einen Gefallen, wenn sie ihn verführt? So steckt sie ihr Hündchen in die Handtasche und eine Musikkassette ins Autoradio, um in der Provinz alte Bande neu zu knüpfen. Über dem Vorspann ist der Song „The Concept“ von Teenage Fanclub zu hören, während die Kamera in die wiedererweckte Mechanik der Kassette schaut – ein altes Geschenk von Buddy: Das Magnetband fließt durch ein Herz voller Plastikrädchen – ein passendes Bild für die Surrogatwelt, in der Mavis um sich selbst kreist. Die spannende Frage des Films lautet, inwieweit das trughafte Selbstkonzept der Heldin am Zielort Risse bekommt. Zweifel an ihren Entwicklungsmöglichkeiten sind angebracht. In Mercury angekommen, bemüht sich Mavis nach allen Regeln der Verführungskunst um den doch recht glücklich verheirateten Buddy. Dabei kommen ihr lauter frühere Bekanntschaften in die Quere. Bei einigen kann sie mit ihrem Status als ehemalige High-School-Schönheitskönigin und erfolgsverwöhnte Städterin punkten; sie trifft aber auch den wenig attraktiven Außenseiter Matt Freehauf, der einst für Mavis schwärmte, doch jetzt ihre Pläne durchschaut. Schicksale wie das von Matt kommen in ihren Büchern nicht vor: Während der High-School-Zeit wurde er Opfer einer brutalen Attacke von Mitschülern, die ihn für homosexuell hielten. An den Folgen trägt er immer noch schwer, ist gehbehindert, neigt zu Zynismus und verbringt die meiste Zeit in seiner Garage, wo er Superheldenfiguren herstellt und, zu Mavis’ Entzücken, Schnaps brennt. Eine durchweg bessere Alternative zum anonymen Großstadtleben gibt die Provinz in „Young Adult“ also nicht her. Auch die Bewohner von Mercury, wo jeder über jeden Bescheid zu wissen meint, verdienen nicht den (uneingestandenen) Neid der Hauptfigur. So wird auch Buddy in ein unsympathisches Licht gerückt, wenn er äußert, Matt sei wegen seines angeblichen Schwulseins unglücklich – als wäre der Überfall nie passiert. Patton Oswalt verleiht dem untersetzten Matt eine grimmige Würde. Matt und Mavis, ständig im Streit und gerade deshalb verbunden, bilden das eigentliche Paar des Films, wobei Matt halb als Komplize, halb als Kritiker ihres Vorhabens auftritt. Da Mavis nicht davon abzuhalten ist, sich Buddy an den Hals zu werfen, mündet eine Taufparty im Haus der frischgebackenen Eltern Buddy und Beth Slade in einen Eklat – und in einer Enthüllung, die Hauptfigur betreffend. Die etwas angestrengte psychologische Unterfütterung hat Charlize Theron eigentlich nicht nötig; mit präzisem Spiel macht sie die Manie ihres Charakters glaubhaft. Mavis könnte komplett lächerlich wirken, doch dank Theron erregt sie immer wieder Mitleid. Wie die Schauspielerin eine künstliche Figur zum Leben erweckt, das ist die Hauptattraktion von „Young Adult“.
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