Martha Marcy May Marlene

Drama | USA 2011 | 102 Minuten

Regie: Sean Durkin

Einer jungen Frau gelingt es, sich von einer Sekte zu lösen, hinter deren verlockendem Aussteiger-Dasein sich ein perfides Zwangssystem verbirgt. Gleichwohl fällt es ihr schwer, sich von ihren Erlebnissen ganz frei zu machen, und auch bei ihrer Schwester und deren Mann, wo sie Unterschlupf findet, fühlt sie sich unwohl. Der verstörende, atmosphärisch dicht inszenierte Debütfilm formt aus der Verschränkung der Zeitebenen das eindrucksvolle Drama einer tiefen Identitätskrise. Dabei fesselt er ebenso durch seine durchdachte Bildsprache wie durch seine vorzügliche Hauptdarstellerin. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
MARTHA MARCY MAY MARLENE
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2011
Regie
Sean Durkin
Buch
Sean Durkin
Kamera
Jody Lee Lipes
Musik
Saunder Jurriaans · Danny Bensi
Schnitt
Zac Stuart-Pontier
Darsteller
Elizabeth Olsen (Martha) · Sarah Paulson (Lucy) · John Hawkes (Patrick) · Christopher Abbott (Max) · Brady Corbet (Watts)
Länge
102 Minuten
Kinostart
12.04.2012
Fsk
ab 16; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.
Genre
Drama

Diskussion
Es gibt Momente in „Martha Marcy May Marlene“, da möchte man sich schlicht dazu setzen und auf der Veranda dem Gitarrenspiel lauschen, den bärtigen Jungs beim Holzhacken helfen, Unkraut jäten oder sonst irgendwie am Landleben dieser Gruppe von Aussteigern teilhaben. Jeder kennt wohl die Sehnsucht, die eine Hand voll junger Leute in eine abgeschiedene Farm getrieben hat. Allerdings ist die Mischung aus Natur, Gemeinschaft und freier Liebe nur ein Lockstoff. Die Farm erweist sich als Falle, denn die Gruppe ist eine Sekte, die ein charismatischer Führer namens Patrick nach seinem verengten Weltbild geformt hat. Mit der Gleichheit ist es nicht weit her. Die Hälfte der Farmbewohner schläft auf dem Boden und ernährt sich von den Resten, die die Privilegierten übrig lassen. Wie verlockend ist das Gefühl von Macht? Wie lange dauert es, den menschlichen Willen zu brechen? Wie viel Kraft ist nötig, um aus einem hermetischen Kreis doch noch auszubrechen? Die ersten Szenen handeln Marthas Flucht aus dem archaischen Mikrokosmos knapp ab. Doch der Film, dessen Titel eine tiefgreifende Identitätskrise markiert, erzählt von psychischer Abhängigkeit. In seinem packenden ersten Spielfilm legt Sean Durkin den Fokus nicht auf körperliche Gefangenschaft, sondern auf ein Wahnsystem, das sich im Kopf der Hauptfigur festgesetzt hat. „Du musst ein Teil von uns werden“, hatte der Guru gesagt, „du bist meine Marcy May.“ Ein Teil von Martha bleibt bei der Sekte. Von ihrer Spaltung erzählt der Film. In der Hauptrolle debütiert die 1989 geborene Elizabeth Olsen. Allein die Szene, in der die verwirrte junge Frau mit ihrer Schwester telefoniert, zeigt, wie intensiv sich die Schauspielerin ihre Rolle erarbeitet hat. Sie klammert sich förmlich an den Münzfernsprecher, und ihre Seitenblicke verraten, wie sehr sie sich verfolgt fühlt. Zugleich ist ein ungeheurer Mut zu spüren, Marthas Entschlossenheit, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben. Der Bildhintergrund, in dem vieldeutig eine US-Flagge platziert ist, verliert sich in Unschärfe, wie häufig in diesem Film. Das Gefühl von Klaustrophobie, das Wittern von Gefahr, die Fortbewegung auf unsicherem Terrain prägen den visuellen Stil. Freiheit ist hier ein relativer Wert. Die Telefonschnur, der Draht zur Außenwelt, gleicht einem seidenen Faden, der jederzeit reißen kann. Das ändert sich auch dann nicht, als Martha bei ihrer Schwester untergekommen ist. Martha und Lucy haben sich seit Jahren weder gesehen noch gesprochen. Lucy fühlt sich für ihre jüngere Schwester verantwortlich und ist zugleich von ihrem merkwürdigen Verhalten irritiert. Martha schwankt zwischen Zerbrechlichkeit und Überlegenheitsgefühlen. Über die Sekte verliert sie kein Wort. Lucy ist verheiratet mit Ted. Das Paar hat sich ein Nest gebaut, ein hübsches Ferienhaus am See – für Martha kaum mehr als eine Kulisse. Der Kontrast zur verwitterten Farm in den Catskill Mountains könnte nicht größer sein, aber die Inszenierung betont die Ähnlichkeiten: den sozialen Druck, der an beiden Orten herrscht, die Hoffnung auf Akzeptanz, die jederzeit in Ablehnung umschlagen kann. Martha darf nicht nackt im See baden. „Wir haben Nachbarn“, sagt Lucy. Wie frei ist der Mensch? „Martha Marcy May Marlene“ spielt an zwei Orten und auf zwei Zeitebenen. Keine ist gegenwärtiger als die andere, denn Martha treibt zwischen den Welten hin und her. Auch als Zuschauer ist man verunsichert. Einmal springt Martha von Teds Motorboot ins Wasser – um nach einem unerwartet langen Sprung in einem Fluss zu landen, der am Fuß eines Felsens liegt. An einem Wasserfall tummelt sich Marthas „Familie“. Abenteuer liegt in der Luft. Angesichts dessen können Lucy und Ted nur spießig wirken. Im weiteren Verlauf dringt der Film tiefer in die Schattenzonen des Sektenlebens vor. Martha wird von Patrick vergewaltigt, um anschließend von einer Genossin davon überzeugt zu werden, dass sie etwas Wunderbares erlebt habe. Patricks Lust an der Manipulation ist unersättlich; der Sektenführer will seine Untergebenen sogar zu Mordtaten abrichten. Eine Szene, in der eine Katze erschossen wird, erinnert an das subtile Gewaltkino von Michael Haneke. Eine spätere, recht explizite Mordszene wirkt dagegen aufgesetzt und fällt aus dem ansonsten durch Auslassungen und Atmosphärisches überzeugenden Film heraus. Die Sekte bricht in bürgerliche Häuser ein. Statt sich durch Diebstähle zu bereichern, geht es den Eindringlingen offenbar um die willkürliche Ermordung der Bewohner. Auch hier scheint Haneke Pate gestanden zu haben, namentlich „Funny Games“ (fd 32 731). Es ist wohl kein Zufall, dass die rechte Hand des Sektenchefs mit Brady Corbet besetzt ist, der in Hanekes eigenem Remake „Funny Games U.S“ (fd 38 738) einen der Killer mimte. Zudem spielt der Film auf die mörderische „Family“ von Charles Manson an, der sich wie Patrick als Folkrock-Musiker hervortat. Die kriminalhistorische Anleihe hat der Film in dieser Deutlichkeit eigentlich nicht nötig, denn Marthas Trauma geht auch so unter die Haut, da die Titelfigur das Erlebte in sich trägt und die Inszenierung eindrucksvolle Bilder für ihre tiefe Verunsicherung findet. Martha kann Marcy May nicht abschütteln, und so schlittert auch die Dreisamkeit am See in eine Beinahe-Katastrophe. Marthas zwischen Härte und Empfindlichkeit wechselndes Verhalten und die (nachvollziehbare) Verständnislosigkeit von Lucy und Ted bilden eine fatale Mischung. Trotz kleinerer Einschränkungen ist „Martha Marcy May Marlene“ ein nachhaltig verstörender Film über die Verletzbarkeit der Seele – und den Wankelmut der psychisch Gesunden, die Grenzen ihrer Geduld.
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