Dokumentarfilm | USA/Großbritannien 2012 | 145 Minuten

Regie: Kevin Macdonald

Dokumentation über den Reggae-Musiker Bob Marley (1945-1981). Aus teils bisher unveröffentlichtem Archivmaterial, darunter seltene Aufnahmen von Marley-Songs und Live-Auftritten, sowie Interviews entsteht ein facettenreiches Bild, das die Lebensgeschichte Marleys, seine Rolle als Identifikationsfigur politischer Befreiungsbewegungen und seine Musik beleuchtet. Auch musikgeschichtliche Kontexte und Hintergründe zu Marleys Heimat Jamaika werden nicht ausgespart. Ein differenziertes Porträt, das Marleys Bedeutung als ikonische Figur nicht demontiert, aber durchaus Brüche zwischen Person und Image zu Tage treten lässt. (O.m.d.U.) - Ab 12.

Filmdaten

Originaltitel
MARLEY
Produktionsland
USA/Großbritannien
Produktionsjahr
2012
Regie
Kevin Macdonald
Buch
Kevin Macdonald
Kamera
Alwin Küchler · Mike Eley
Schnitt
Dan Glendenning
Länge
145 Minuten
Kinostart
17.05.2012
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 12.
Genre
Dokumentarfilm

Heimkino

Verleih DVD
StudioCanal (16:9, 1.85:1, DD5.1 engl.)
Verleih Blu-ray
StudioCanal (16:9, 1.85:1, dts-HDMA engl.)
DVD kaufen

Diskussion
Der Film beginnt nicht etwa in Jamaika, sondern in Afrika, auf der zum Senegal gehörenden Insel Goree Island. Dort befinden sich das zum Museum umfunktionierte „House of Slave“, einer der größten ehemaligen Sklavenumschlagplätze, und auch die dazugehörige „Door of No Return“, durch die die Sklaven auf die Schiffe geführt wurden – ohne Aussicht, jemals zurückzukehren. Dieser Anfang, der an den transatlantischen Sklavenhandel erinnert, ist eine programmatische Setzung, da Kevin Macdonald in seiner Dokumentation immer wieder auf diesen „Ursprung“ von Bob Marleys Identität – und der Identität Jamaikas – rekurriert. Es geht in „Marley“ nicht um die neuerliche Beschwörung eines Mythos oder die Revitalisierung eines zum Klischee geronnenen Lebensgefühls, sondern um die Annäherung an eine Figur, deren Biografie nicht von der Kolonialgeschichte ihres Heimatlandes zu trennen ist. Für Bob Marley kam zur Stigmatisierung, als Schwarzer im damals noch kolonialen Jamaika aufzuwachsen, eine zweite hinzu: Sein Vater war ein weißer (natürlich abwesender) Engländer; als Mischling war er also auch unter seinesgleichen ein Außenseiter. Für Macdonald prägte diese Nicht-Zugehörigkeit Marleys Identität: seine musikalische „Geburt“ als Reggae-Musiker wie die Hinwendung zur Rastafari-Bewegung – und nicht zuletzt seine ambivalente Rolle in den politischen Grabenkämpfen des postkolonialen Jamaikas. „Marley“ verbindet teils unveröffentlichtes Material, darunter seltene Aufnahmen von Marley-Songs und Live-Auftritten, mit zahlreichen Interviews. Vor allem die Bilder, die vor seinem musikalischen Erfolg und seinem Status als kulturelle Ikone liegen, zeigen einen schmalen, schüchternen jungen Mann mit hagerem Gesicht, der in der Musik nicht zuletzt einen Ausweg sah, dem Ghetto-Alltag von Kingston zu entkommen. Dass der Film formal konventionell aufgebaut ist (eine Montage aus Talking Heads und Archivmaterial), ist kein Nachteil; denn die Summe der detailreichen Statements, denen eine ungeheure Bandbreite an Gesprächspartnern und schillernden Auftritten zugrunde liegt, formiert sich keineswegs zur geradlinigen, widerspruchsfreien Erzählung. Vor die Kamera treten so unterschiedliche Personen wie Bunny Wailer, Gründungsmitglied der „Wailers“, Neville Garrick, ihr künstlerischer Direktor, „Scratch“ Perry (mit lilafarbenem Bart), Freunde und Verwandte des Künstlers, darunter einige von Marleys zwölf Kindern sowie seine Ehefrau Rita. Sogar seine erste Musiklehrerin und die Krankenschwester, die den schwer krebskranken Bob Marley in Rottach-Egern am Tegernsee pflegte, hat Macdonald ausfindig gemacht. Doch „Marley“ ist weit mehr als eine biografische Erzählung. Macdonald betreibt auch Musikgeschichtsschreibung, wenn er der Herkunft des Reggae nachgeht, seine Bezüge zu Ska und Jazz wie auch seine subkulturellen Bedeutungen erforscht; besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den Texten, die oft ganz konkrete Beschreibungen des jamaikanischen Ghetto-Lebens mit sozialkritischem Tenor sind. Der Film zeichnet ein komplexes Bild von Jamaika, das so gar nichts mit dem viel beschworenen Kiffer-Paradies zu tun hat. Auch Marleys Rolle als Identifikationsfigur politischer Befreiungsbewegungen erscheint in einem differenzierteren Licht. Von einer konsequenten politischen Positionierung war der Musiker jedenfalls weit entfernt. Bei ihrem Auftritt im afrikanischen Gabun, so erinnert sich ein ehemaliger Band-Kollege, wussten sie nicht einmal, dass der damalige Staatspräsident Omar Bongo ein Diktator war; diese Information hielt sie aber auch nicht davon ab, den Auftritt zu absolvieren. Dass das Projekt „Marley“ auch dem familiären Umfeld einiges abverlangte, wird in den Interviews mit Marleys Kindern und ehemaligen Frauen deutlich. Während seine „offizielle“ Ehefrau Rita Marley mit großer Gelassenheit der quasi-polygamen Lebensweise ihres verstorbenen Manns gegenübersteht, zeugen die verletzten Kommentare von Cedella, seiner Tochter, von einem vergeblichen Kampf um Sichtbarkeit. „Marley“ ist dennoch keine Demontage einer ikonischen Figur. Macdonald zeigt vielmehr, wie sich die Person Bob Marley und ihr Image gegenseitig bedingen – das eine ist von dem anderen nicht zu trennen.
Kommentar verfassen

Kommentieren