Drama | Israel 2012 | 84 (25 B./sec.)/81 (24 B./sec.) Minuten

Regie: Eytan Fox

Zehn Jahre nach dem Film "Yossi & Jagger" (2002) wird erzählt, was aus Yossi geworden ist, nachdem dessen Geliebter gestorben war. Mittlerweile Mitte 30, hat er seine Trauer noch nicht überwunden und lebt emotional mit angezogener Handbremse. In seinem Umfeld hält er zudem seine Homosexualität weiter geheim. Erst die Begegnung mit der Mutter des Geliebten sowie eine sich neu anbahnende Liebe sorgen für Bewegung. Der Film lebt von seinem charismatischen Hauptdarsteller und dessen Entwicklung, seinem Älterwerden, seinen inneren Hemmnissen und ihrer zögerlichen Überwindung. Auch wenn die Liebesgeschichte selbst oberflächlich bleibt, entsteht so doch ein fesselndes Männerporträt. (O.m.d.U.) - Ab 16.
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Filmdaten

Originaltitel
HA-SIPPUR SHEL YOSSI
Produktionsland
Israel
Produktionsjahr
2012
Produktionsfirma
United King Films/Lama Films
Regie
Eytan Fox
Buch
Itay Segal
Kamera
Guy Raz
Musik
Keren Ann
Schnitt
Yosef Grunfeld
Darsteller
Ohad Knoller (Yossi) · Oz Zehavi (Tom) · Lior Ashkenazi (Moti) · Orly Silbersatz Banay (Varda) · Ola Schur-Selektar (Nina)
Länge
84 (25 B.
sec.)
81 (24 B.
sec.) Minuten
Kinostart
24.01.2013
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama
Externe Links
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Heimkino

Verleih DVD
Pro-Fun (16:9, 1.78:1, DD5.1 hebr./dt.)
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Diskussion
Zehn Jahre nachdem der israelische Regisseur Eytan Fox in „Yossi & Jagger“ (fd 36 263) von der heimlichen und tragischen Liebe zweier Soldaten erzählte, präsentiert er eine Art Fortsetzung. Zehn Jahre sind auch in „Yossi“ vergangen, seit der erneut von Ohad Knoller verkörperte Titelheld seinen Geliebten begraben musste. Zehn Jahre, die ihre Spuren hinterlassen haben: Yossi ist älter geworden, sein Körper aus der Form geraten. Um sich übers Internet mit anderen Männern zu verabreden, verschickt er alte Fotos. Wenn die Auserwählten ihm dann gegenüber sitzen, erkennen sie ihn kaum. „Das Foto ist gut“, sagt einer dieser Gelegenheitslover – ein junger, athletischer Typ, der sich mit nacktem Oberkörper breitbeinig und selbstzufrieden auf der Couch räkelt, „aber das bist nicht du.“ In der Tat ist auf den ersten Anschein nur noch wenig geblieben von dem einst attraktiven jungen Mann. Der melancholische Blick jedoch, mit dem Yossi die abschätzigen Kommentare seines arroganten Gegenübers schweigend erduldet, erinnert sehr wohl an früher. Der Elan und die unbeschwerte Lebenslust der Jugend mögen dahin sein, von seinem Charisma hat Yossi nichts verloren. Selbstverständlich ist es Ohad Knoller, der Yossi diese Ausstrahlung verleiht. Knoller ist es auch, der mit dieser selbstverständlichen Präsenz, ohne große Gesten, mit wenigen Worten den Film trägt. Handelte „Yossi & Jagger“ von einer verbotenen Liebe, der Dynamik einer Beziehung, dreht sich bei „Yossi“ zunächst alles um eine Figur. Die Handlung folgt erst an zweiter Stelle. Anfangs ist es vor allem Stillstand, der Yossis Gefühlsalltag prägt. Mitte 30 ist er mittlerweile, arbeitet als Kardiologe in einer Klinik in Tel Aviv, und noch immer trauert er um seine große Liebe, Jagger. Dass er schwul ist, wissen seine Kollegen nicht; also muss er die Avancen einer sympathischen Krankenschwester abwehren und sich von einem frisch geschiedenen Kumpel zum Männerabend in die Disko schleppen lassen. Auch in diesen recht klischeehaft angelegten Szenen ist es Ohad Knoller, der mit seinem stillen, würdevollen Ernst verhindert, dass aus dem Drama eine Soap wird. Dann begegnet Yossi im Krankenhaus zufällig Jaggers Mutter. Obwohl sie ihn nicht erkennt, setzt das Wiedersehen in Yossi etwas in Gang. Zehn Jahre nachdem er Jaggers Eltern vom Tod ihres Sohns berichtet hatte, ohne von seiner Liebe zu sprechen, sucht er sie nun noch einmal auf, um ihnen die ganze Wahrheit zu gestehen. Dieses Aufeinandertreffen entwickelt sich zu einer der beklemmendsten und stärksten Szenen des Films. Was danach folgt, ist eine eher laue Liebesgeschichte. Im Zwangsurlaub, den der Chefarzt dem Arbeitssüchtigen verordnet hat, macht Yossi Bekanntschaft mit einer Gruppe Soldaten. Einer von ihnen bekennt sich ganz unverhohlen zu seiner Homosexualität. Auch seine Kameraden haben offensichtlich kein Problem damit. Es scheint sich etwas geändert zu haben im israelischen Militär in den vergangenen zehn Jahren. Nicht jeder Schwule dürfte in der israelischen Armee heutzutage jedoch tatsächlich so leichtes Spiel haben, wie es der Film suggeriert. Der fiktive Tom jedenfalls ist jung, selbstbewusst, fröhlich und hat schon bald ein Auge auf den älteren, traurigen und irgendwie geheimnisvollen Yossi geworfen. So sehr sich Yossi zunächst sträubt, so knurrig und wortkarg er sich gibt, am Ende kann er sich Toms Charme nicht entziehen. Betrachtet man nur die beiden Liebesgeschichten, hat „Yossi“ im Vergleich zu seinem Vorgängerfilm wenig zu bieten. Der ständig lächelnde Tom personifiziert die neue Zeit, die Jugend, bleibt als Charakter aber oberflächlich, als Partner austauschbar. Auch die Romanze zwischen den beiden entwickelt sich leidenschaftslos, flau. Doch wie erwähnt: Es ist nicht dieser Plot, nicht die neue Liebe, die im Zentrum des Films steht, es ist Yossi. Ein nicht mehr ganz junger Mann – einsam, gedanklich noch in der Vergangenheit, verbittert –, der nach zehn innerlich erstarrten Jahren endlich anfängt, seine Trauer zu verarbeiten, zögerlich ein neues Kapitel aufschlägt, noch zaghaft lächelnd, unsicher lachend. Eytan Fox schenkt seinem Protagonisten dennoch keine zweite Jugend. Yossi bleibt sich treu, seinem Tempo, seinen Erfahrungen, seinen Vorlieben. Insofern ist „Yossi“ auch ein Film über das Älterwerden und einen Neuanfang, der nichts mit kindischem Jugendwahn zu tun hat. Auch wenn sich Yossi durch den jungen Tom an seine große Liebe erinnert fühlen mag: Eine Neuauflage von „Yossi & Jagger“ wird es für Yossi nicht geben.
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