Santiago de Chile im Jahr 1988. Gespannt starrt eine Gruppe von Männern auf einen Fernseher. Zu sehen sind lachende Menschen im Sonnenlicht und am Ende zwei Buchstaben: NO, darüber ein Regenbogen. Eine sonore Männerstimme singt davon, dass in Chile bald Freude herrschen werde. Nach der Präsentation des Werbespots herrscht eisiges Schweigen unter den versammelten Männern. „Ist das alles, was Sie haben?“, meint einer, „Wie eine Coca Cola Werbung“, sagt ein anderer, ein Dritter vermisst die Erwähnung der Verbrechen der Diktatur, die bitteren Erfahrungen der Opfer. Aber René Saavedra (Gael Garcia Bernal) ist skeptische Kommentare gewöhnt, wenngleich er keine Erfahrungen mit politischen Kampagnen hat. Seine bisherigen Aufgaben lagen im Konsumbereich: Spots für den koffeinhaltige Softdrink „Free“, für Mikrowellenherde oder die Stars einer neuen Unterhaltungsserie: der bunte Kosmos unbegrenzten Konsums, wie er Ende der 1980er-Jahre auch in Chile unter General Pinochet beherrschte.
Angesichts des internationalen Drucks hat der Diktator eine Volksabstimmung über seinen weiteren Verbleib in der Macht zugestimmt. „Si“-Befürworter des Regimes wie die „No“-Gegner sollen im Vorfeld der Abstimmung 27 Tage lang jeweils 15 Minuten Sendezeit im staatlich kontrollierten Rundfunk bekommen. Für viele Oppositionelle ist das eine pseudodemokratische Farce, ein abgekartetes Spiel des Regimes. Aber eine Plattform von 17 sehr unterschiedlichen Parteien will sich dem ungleichen Kampf stellen. Die Fronten scheinen klar: Auf der einen Seite der Diktator, der sich als gütiger, erfolgreicher Landesvater präsentiert, dessen neoliberale Politik Wohlstand und Sicherheit verbindet; auf der anderen Seite die Opposition, die Menschenrechtsverletzungen anklagt und die Verbrechen der Diktatur an den Pranger stellen will. Steht dem Chile der Sieger nur das Chile der Opfer gegenüber? Für Saavedra ist dies der falsche Weg. Die Kampagne für das „No“ zu Pinochet müsse in erster Linie die Angst nehmen und Optimismus verbreiten. Mit dieser Überzeugung stößt er aber auf den Widerstand vieler Pinochet-Gegner, die es frivol finden, mit buntem Optimismus in den Kampf gegen die Diktatur zu ziehen.
Sein Engagement entzweit ihn aber auch mit seinem Kollegen und Arbeitgeber Lucho (Alfredo Castro). Der übernimmt die Kampagne für Pinochet und schmiedet dunkle Pläne für die Zeit nach dem Referendum. In der Spannung zwischen Saavedra, der im Exil aufwuchs und die chilenische Wirklichkeit als Außenstehender wahrnimmt, und dem älteren Lucho, der ein überzeugter Anhänger der Diktatur ist, zeichnet sich ein Antagonismus ab, der die chilenische Gesellschaft bis heute spaltet.
„No“ ist der vierte Spielfilm des eigenwilligen chilenischen Regisseurs Pablo Larraín, nach „Tony Manero“ (2008) und „Post Mortem“ (2010) eine weitere Arbeit über die Pinochet Diktatur. „No“ erzählt, wie David einen übermächtigen Goliath besiegt, wie die demokratischen Kräfte über ein medial bestens ausgerüstetes Regime triumphieren, ohne dass der Film darüber zum triumphierenden Bürgerrechtsepos á la Hollywood würde. Hinter allem Humor und aller Situationskomik bleibt die Brutalität der Diktatur stets bewusst. Die Figuren sind vielschichtig, fast gebrochen. Saavedra wirkt fast wie ein ewiges Kind, ein Peter Pan, der mit seinem eigenen Sohn um die Modelleisenbahn streitet und für den die Kampagne gegen Pinochet ein großes Spiel bleibt. Aber auch Lucho, der Freund der Mächtigen, ist letztlich einsam; am Ende der Kampagne wird er nicht einmal zur Feier eingeladen.
Larraín gelingt eine berührende Rekonstruktion der Zeitgeschichte, die wenig mit den versöhnlichen Hochglanzerinnerungen anderer Arbeiten zu tun hat. Gedreht wurde mit den gleichen analogen Videokameras, die vor knapp 25 Jahre den Gestaltern der Kampagne für das Referendum zur Verfügung standen. Die Archivaufnahmen von damals fügen sich deshalb nahtlos in den Film ein. Auch die damaligen Protagonisten sind mit dabei, beispielsweise der Christdemokrat Patricio Aylwyn, der 1989 der erste frei gewählte Präsident Chiles wurde. 1988 ist er in einem Spot zu sehen; in „No“ als prominenter Nebendarsteller. „No“ ist ein dynamischer Film über Zeitgeschichte, über Umbrüche und verlorene Illusionen. Am Ende der Kampagne geht Saavedra einsam durch die jubelnden Pinochet-Gegner auf den Straßen Santiago de Chiles; am Schluss bereiten er wie Lucho neue Kampagnen für andere Produkte vor.
Die Frage, ob Demokratie ein „Produkt“ oder doch eher ein „Konzept“ sei, wirde bereits eingangs von „No“ gestellt.