Biopic | USA 2012 | 98 (24 B./sec.)/94 (25 B./sec.) Minuten

Regie: Sacha Gervasi

Als dem britischen Filmregisseur Alfred Hitchcock der Roman "Psycho" von Robert Bloch in die Hände fällt, will er den Stoff gegen alle Widerstände adaptieren. Seine Frau Alma unterstützt ihn dabei, obwohl Hitchcock den Film aus eigener Tasche finanzieren muss und die Ehe an kleinen Eifersüchteleien Schaden zu nehmen droht. Eine überzeugend gespielte Hommage an Alfred Hitchcock (1899-1980) und seine spezifische Art des filmischen Erzählens, konzipiert als anspielungs- und anekdotenreich inszenierte Ausstattungskomödie. Diese erweist sich vor allem auch als späte Hymne auf Alma Reville. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
HITCHCOCK
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2012
Regie
Sacha Gervasi
Buch
John J. McLaughlin
Kamera
Jeff Cronenweth
Musik
Danny Elfman
Schnitt
Pamela Martin
Darsteller
Anthony Hopkins (Alfred Hitchcock) · Helen Mirren (Alma Reville) · Scarlett Johansson (Janet Leigh) · Danny Huston (Whitfield Cook) · Toni Collette (Peggy Robertson)
Länge
98 (24 B.
sec.)
94 (25 B.
sec.) Minuten
Kinostart
14.03.2013
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Biopic | Komödie

Heimkino

Die Standardausgabe (DVD) enthält zwar diverse Kurzfeaturettes, die aber nicht weiter erwähnenswert sind. Die BD enthält eine Audiodeskription für Sehbehinderte, allerdings nur in englischer Sprache. Die Extras der umfangreicheren BD umfassen u.a. einen dt. untertitelbaren Audiokommentar des Regisseurs und des Autors, ein Feature mit einer im Film nicht verwendeten Szene (2 Min.) sowie die Kurzdokus "Hopkins wird zu Hitchcock" (12 Min.) und "Besessen von Hitchcock: Die Entstehung des Films" (29 Min.). Nur die BD ist mit dem Silberling 2013 ausgezeichnet.

Verleih DVD
Fox (16:9, 2.35:1, DD5.1 engl./dt.)
Verleih Blu-ray
Fox (16:9, 2.35:1, dts-HDMA engl., dts dt.)
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Diskussion
Ein dicker Mann tänzelt durchs Foyer. Durch die geschlossene Tür des Kinosaals dringt das Aufjaulen der Streicher und das Geschrei des Publikums, in dessen Takt der Mann seine Arme auf und nieder schmettert, als wolle er mit einem Messer zustechen. Der Film „Psycho“ ist bei seiner berüchtigten „Duschszene“ angelangt – und aus dem „Meister des Suspense“, der sich gerade schelmisch über den Horror freut, ist ein „Dirigent des Schreckens“ geworden. Man schreibt das Jahr 1960, als Alfred Hitchcock nach „Der unsichtbare Dritte“ (fd 8754) und weiteren 45 Filme bereits einige Nachahmer seiner düsteren Thriller ausgemacht hat. „Hitchcock“ erzählt von dieser Zeit des Umbruchs in der Karriere eines großen Mannes, die der Film an zwei Faktoren festmacht: dem Filmstoff, der Hitchcock mit Robert Blochs gleichnamigem Roman in die Hände fiel und den er nicht mehr loszulassen bereit war; und seiner Ehefrau, der Drehbuchautorin und Cutterin Alma Reville, die ihrem Mann und seinen Filmen immer den Rücken stärkte. „Was wäre, wenn jemand wirklich Gutes einen Horrorfilm machen würde?“ Das fragt Hitchcock seine Frau Alma, die seinen Spleen für den blutigen Stoff von „Psycho“ ungefähr so „erfreulich“ findet wie die Vertreter der Paramount-Studios und die Zensoren. Hitchcock stößt auf Kopfschütteln und leere Hände, so dass er das gemeinsame Haus verpfänden muss, um „Psycho“ mit Paramount als Verleih im Rücken und der Zensurbehörde im Nacken auf eigene Faust zu finanzieren. Die prekären Szenen machen die Dreharbeiten zum Kleinstkrieg der Details, während „Hitchs“ Privatleben in einen Kalten Krieg abrutscht. Er unterhalte kleine Fantasie-Affären mit seinen „Vertragsblondinen“, in deren Leben er sich einmische. So schimpfen Vera Miles und Alma, die sich nach Grace Kelly nun mit Janet Leigh konfrontiert sieht und von den „Spleens“ ihres Mannes endgültig die Nase voll hat. Unter Hitchs misstrauischem Blick versucht Alma, selbst ein bisschen Glück beim gemeinsamen Überarbeiten eines Drehbuchs mit Hitchcocks ehemaligem Co-Autor Whitfield Cook zu finden. Auf der Terrasse von Whitfields geheimem Häuschen am Meer weht dabei eine laue Brise, während die schmeichelhafte Möglichkeit einer Romanze über den Schreibenden hängt. Bei den Hitchcocks hingegen stehen die Zeichen bald auf Sturm. Und der weht umso stärker, als der reale Serienkiller Ed Gein, auf dem Blochs Roman „Psycho“ basiert, dem Regisseur in gruseligen Visionen zu erscheinen beginnt. Dass nicht nur Whitfield ohne Almas Hilfe keinen Pfennig wert ist, sondern auch Hitchcock selbst, muss der Meisterregisseur bald einsehen und vor allem auch zugeben. Diese späte Hymne auf die starke Frau hinter dem erfolgreichen Mann im Rampenlicht ist denn auch das ganz persönliche Anliegen eines Films, der mit all seinen kleinen Anspielungen auf Hitchcocks Werk und Wirken zu mehr wird als zu einem Film über einen Filmdreh. In dieser Beziehung verläuft Sacha Gervasis Porträt ohnehin wesentlich glatter als seine fiktiv nachgestellten Chaos-Dreharbeiten am Set von „Psycho“: Die Besetzung der namhaften Schauspieler der Vergangenheit mit erfolgreichen Schauspielern der Gegenwart ist genauso gelungen wie Anthony Hopkins Darstellung des Ausnahmeregisseurs. Mit schierer Freude am Mimikry verschränkt Hopkins die Arme über dem gewaltigen Vorbau, geht ins Doppelkinn und wendet sich mit aufgeschürzten Lippen im Stil der Fernsehserie „Alfred Hitchcock präsentiert“ direkt an die Zuschauer. Köstlich spitzfindig versucht Hopkins’ Hitch dann wieder, sich durch die Zensur des Hays-Codes zu winden, wenn er von den „lieblich-lyrischen“ Streicherklängen seines Komponisten Bernard Herrmann schwärmt, oder den Verleih anzukurbeln, indem er Kinobetreiber anweist, Sicherheitspersonal bereitzustellen, falls Zuschauer Amok laufen. Hier wird nicht zuletzt auch vom Kampf für künstlerische Freiheit und gegen den finanziellen Ruin eines scharfsinnigen Onkels erzählt, der eher liebenswert verfressen als anzüglich manipulativ erscheint. Eine solche Erzählhaltung versucht zwar ansatzweise das Messer zu wetzen, schneidet dann aber nicht sonderlich tief in die damaligen Nachwehen des Studiosystems oder die nicht immer pflegeleichte Persönlichkeit Hitchcocks. Versucht wird dies allerdings mittels derart charmanter und dann wieder gruseliger Szenen, dass die Atmosphäre bisweilen an die Geschichten des humorvollen Suspense-Meisters erinnert. Das Herz dieses Ausstattungs- und Fingerzeig-Kinos schlägt dabei ohnehin für Hitchs Liebesbeziehung zu Alma, für die kleinen Kabbeleien und die verletzende Eifersucht, die es nur dort gibt, wo Liebe ist – was für Sacha Gervasis Hofknicks vor Hitchcocks Filmen ebenso gilt wie für den von Hitch vor seiner Frau Alma – keiner Vertragsblondine.
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