Psychothriller | USA/Großbritannien 2013 | 99 (24 B./sec..)95 (25 B./sec.) Minuten

Regie: Chan-Wook Park

Nach dem plötzlichen Unfalltod ihres Vaters sieht sich eine verstörte 18-Jährige, die mit ihrer Mutter in einem aristokratischen Wohnsitz lebt, mit einem bisher nie gesehenen Onkel konfrontiert, der ihr Seelenleben in ungeahnte Verwirrung stürzt. Ein subtiler, mit frappierendem stilistischem Feingefühl inszenierter Psychothriller, der sich viel Zeit lässt, bis sich Träume in Albträume verwandeln. Als ein ganz allmählich anschwellendes Crescendo optischer und akustischer Verführungen baut er die Handlung zunächst allein aus Andeutungen, Analogien und Zeichen auf, wobei er Elemente westlicher Filmvorbilder mit asiatischen Topoi zu einer ausdrucksstarken, bild- und symbolkräftigen Genregeschichte verknüpft. - Sehenswert ab 16.
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Filmdaten

Originaltitel
STOKER
Produktionsland
USA/Großbritannien
Produktionsjahr
2013
Produktionsfirma
Fox Searchlight/IndianPaintbrush/Scott Free Prod.
Regie
Chan-Wook Park
Buch
Wentworth Miller
Kamera
Chung Chung-hoon
Musik
Clint Mansell
Schnitt
Nicolas de Toth
Darsteller
Mia Wasikowska (India Stoker) · Matthew Goode (Charles Stoker) · Dermot Mulroney (Richard Stoker) · Jacki Weaver (Gwendolyn Stoker) · Nicole Kidman (Evelyn Stoker)
Länge
99 (24 B.
sec..)95 (25 B.
sec.) Minuten
Kinostart
09.05.2013
Fsk
ab 16; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.
Genre
Psychothriller
Externe Links
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Heimkino

Die BD enthält eine Audiodeskription für Sehbehinderte, allerdings nur in englischer Sprache. Die Extras der DVD enthalten u.a. ein Feature mit drei im Film nicht verwendeten Szenen (10 Min.). Die umfangreichere BD enthält zudem u.a. ein längeres „Making of“ (28 Min.).

Verleih DVD
Fox (16:9, 2.35:1, DD5.1 engl./dt.)
Verleih Blu-ray
Fox (16:9, 2.35:1, dts-HDMA engl., dts dt.)
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Diskussion
Der Vater der jungen, blassen India ist noch nicht lange Opfer eines Autounfalls geworden und unter der Erde, als in der Tür des aristokratischen Wohnsitzes, in dem India mit ihrer Mutter lebt, ein vielsagend lächelnder Mann in den besten Jahren erscheint. „Say hello to your Uncle Charlie!“, sagt die verwitwete Evelyn – und jeder filmhistorisch informierte Zuschauer weiß, was er zu erwarten hat. Mit denselben Worten wurde schon einmal ein berühmt gewordener Mörder dem Kinopublikum bekannt gemacht: Onkel Charlie in Hitchcocks „Im Schatten des Zweifels“ (fd 15 356). Da haben wir den einen Anker, an dem der südkoreanische Regisseur Park Chan-wook seinen ersten amerikanischen Film festmacht. Wie sich bald herausstellt, gibt es deren noch viele andere: Stoker, der Name der hier in den Mittelpunkt gerückten Familie, legt die Erinnerung an Bram Stoker, den Autor von „Dracula“, nahe; die aufwendige und zugleich minutiöse Einbettung der Story in komplexe Lebensräume ähnelt der Bilderwelt Stanley Kubricks; der versteckte Horror, der zu seiner vollen Entfaltung geradezu klinischer Detaillierung bedarf, gemahnt an Roman Polanski. Park Chan-wook hat die westliche Filmkultur in sich aufgesogen wie ein Schwamm. Aber er stellt sein Wissen nicht aus, sondern verwandelt es in ein Amalgam aus Vorbildern, die dem hiesigen Publikum vertraut sind, und den Bestandteilen seines eigenen Stils, den Kenner seiner „Vengeance“-Trilogie unschwer wiederfinden, obwohl sich Park Chan-wook sich angesichts der Schreckhaftigkeit der amerikanischen Zensur vergleichsweise große Zurückhaltung auferlegt. Mia Wasikowska, die zuletzt als Charlotte Brontes „Jane Eyre“ und Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ zu sehen war, spielt die durch den Tod des Vaters tief getroffene 18-jährige India. Hinter ihrer undurchdringlichen Trauermiene lässt sich kaum ahnen, was in dem jungen Geschöpf vorgeht. Dass es etwas nicht Alltägliches, vielleicht sogar Krankhaftes sein muss, teilt sich dem Betrachter zunächst weniger durch Indias Verhalten als durch viele subtile Hinweiszeichen des Regisseurs mit: eine Spinne zum Beispiel, die an Indias Bein hochkriecht, oder ein blutiges Ei, das mit Indias Auge zu verschmelzen scheint. Misstrauisch und ahnungsvoll beobachtet das scheinbar so zerbrechliche Wesen die Annäherungsversuche zwischen Onkel und Mutter. Und ganz langsam beginnt sie, Gefühle zu entwickeln, die sie dem geheimnisumwitterten Onkel immer ähnlicher werden lassen. „Bitte erinnere dich, dass wir dasselbe Blut teilen“, hat Charlie ihr in einem Brief geschrieben, den man ihr – wie alle seine Briefe – vorenthalten hat. Sie hat nicht einmal etwas von seiner Existenz gewusst und beginnt zu ahnen, dass sie mit ihm mehr Gefühle und Veranlagungen gemein hat als mit ihren eigenen Eltern. Von Szene zu Szene umgarnen sich die beiden wie die Spinne die Fliege – und von Szene zu Szene werden die Rollen immer mehr vertauscht. Park Chan-wook lässt sich Zeit, bis sich die Träume in Albträume verwandeln. Er kann es sich leisten, denn er ist ein Meister seines Fachs. Was minder begabten Regisseuren als Kolportagestory zwischen den Fingern zerronnen wäre, erzählt er als ein ganz allmählich anschwellendes Crescendo optischer und akustischer Verführungen, die den ahnungslosen Zuschauer unbemerkt zum Komplizen machen. Park Chan-wook hat einen Kameramann, dessen Bilder Terrence Malick mit Neid erfüllen müssen, und das Klavierstück, das Philip Glass für India und Charlie geschrieben hat, ist Klang gewordener Horror: die Vereinigung zweier kranker Seelen. Lange Zeit konstituiert sich der Film allein aus Andeutungen, Analogien und Zeichen. Bis ein Kuss zum Vampirbiss wird und ein Bleistift zur Waffe. Ob Park Chan-wook glaubte, westlichem Publikum und dessen Bedürfnis nach Erklärungen – wie Hitchcock sagte, „meinen Freunden den Wahrscheinlichkeitskrämern“ – eine „logische“ Auflösung der Geschichte zu schulden, mit der sein Film endet, ist nicht überliefert. Wer „Stoker“ verstanden hat, könnte auf das pedantische Ende gern verzichten.
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