Die Frau, die sich traut

Drama | Deutschland 2013 | 98 Minuten

Regie: Marc Rensing

Als bei einer 50-jährigen Frau eine Krebserkrankung diagnostiziert wird, erinnert sich die ehemalige DDR-Leistungsschwimmerin an ihren Jugendtraum, den Ärmelkanal zu durchschwimmen. Ohne sich ihrer Familie zu offenbaren, bricht sie mit ihren bisherigen Lebensgewohnheiten, entzieht sich allen Ansprüchen und stürzt sich in ein hartes Training, was ihr Umfeld als brüske Zurückweisung empfindet. Ein ambivalentes Drama, das die Rückbesinnung auf die eigenen Bedürfnisse mit der Wiederentdeckung von Leistungsbereitschaft und Askese verknüpft. Die überzeugende Hauptdarstellerin bewahrt den Film vor dem Absturz in ein ermüdendes Martyrium. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2013
Regie
Marc Rensing
Buch
Annette Friedmann · Marc Rensing · Alexander Steimle
Kamera
Tom Fährmann
Musik
Steffen Kahles · Christoph Blaser
Schnitt
Florian Drechsler
Darsteller
Steffi Kühnert (Beate) · Jenny Schily (Henni, Beates beste Freundin) · Christina Hecke (Rike, Beates Tochter) · Steve Windolf (Alex, Beates Sohn) · Lene Oderich (Lara, Beates Enkelin)
Länge
98 Minuten
Kinostart
12.12.2013
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama

Diskussion
Eine ehemalige DDR-Leistungsschwimmerin, die Anfang 20 ihre vielversprechende Karriere aufgab, um eine Familie zu gründen, sieht sich drei Jahrzehnte später mit der Diagnose Krebs konfrontiert. Die inzwischen erwachsenen Kinder brachte sie mit einem Job in einer Großwäscherei alleine durch. Der studierenden Tochter hilft sie bei der Erziehung der Enkelin, außerdem beherbergt sie ihren Sohn samt dessen Freundin. Zeit, um darüber nachzudenken, was der Anabolika-Konsum in ihrem Körper angerichtet haben könnte, hatte sie nie. Umso größer ist der Schock, als die Erkrankung Erinnerungen an die Träume ihrer Jugend weckt, die offenbar rein sportlicher Natur waren. Anstatt die Chemotherapie in Angriff zu nehmen, geht sie Ärzten und besorgten Freundinnen aus dem Weg und fokussiert alle ihre Kräfte auf einen langgehegten Wunsch: den Ärmelkanal zu durchqueren. Was als existenzielle Krise einer aus der Umlaufbahn ihrer Pflichten hinauskatapultierten Frau beginnt, entwickelt sich prompt zu einer Emanzipationsgeschichte, die allerdings erst des ultimativen Anstoßes bedarf, um in Gang zu kommen. Ohne den anklopfenden Tod keine Rückbesinnung auf die eigenen Bedürfnisse. Auf der Flucht vor dem lebensbedrohlichen Tumor und den klammernden Kindern entdeckt die Heldin dieser befremdlichen Erbauungslehrstunde im Feel-Good-Gewand ausgerechnet ihre leistungsbetonte Seite wieder und trainiert sich, ohne ihrem ahnungslosen Nachwuchs den wahren Grund für ihr exzentrisches Tun zu verraten, in eine Phase zurück, als alle Wege offen standen und Medaillen zum Greifen nahe waren. Zu Recht empfindet das Umfeld den kräftezehrenden Egotrip als Zurückweisung. Die zu Höherem berufene Seniorensportlerin, die offenbar kein großes Vertrauen in eine Aussprache hat, meint sich im Endspurt ihres Lebens den letzten Kick verpassen zu müssen. Fortan füllt sie ihre Badewanne mit Eiswürfeln, quält sich durch tägliche Muskelaufbaueinheiten und wehrt die selbstzentrierten Quengeleien ihrer Nächsten ab. Ein ermüdendes Martyrium, das auch vor dem Zuschauer nicht Halt macht, der zunehmend auf den Triumph der Zukurzgekommenen hofft, damit das eigentliche Drama endlich beginnen kann. Das aber scheut Regisseur Marc Rensing wie der autistische Marathon-Junkie das Scheitern kurz vor dem Siegerpodest. Schon der Protagonist seines Vorgängers „Parkour“ (fd 39 768) zog es vor, lieber spektakulär in die Tiefe zu springen, als die ungesunden Medikamente gegen seine Schizophrenie-Erkrankung einzunehmen. Lieber stolz und fit sterben als Schwäche, Funktionsuntüchtigkeit und Hilfebedürftigkeit zuzugeben. Wäre da nicht die verlässlich überzeugende Steffi Kühnert, der man durchaus eine tragende Hauptrolle wünscht, gäbe man dem drängenden Impuls bald nach, sich von der „unterhaltsam bewegenden“ Sportromanze und neoliberalen Ode an die Eigenverantwortung ans Ufer weniger verlogener Klassiker zu schwimmen, die das Thema Lebensperspektivwechsel infolge traumatischer Erlebnisse mit mehr Empathie behandeln, wie etwa „Halt auf freier Strecke“ (fd 40 750) oder das Kriegsheimkehrerepos „Coming Home“ (fd 20 812) von Hal Ashby. Schicksal muss heute nun mal aber einen messbaren Mehrwert haben. Etwas anderes ist in Zeiten der hysterischen Selbstoptimierung gar nicht denkbar.
Kommentar verfassen

Kommentieren