78 Jahre zählt der britische Regisseur Ken Loach inzwischen, und wenn es nach ihm geht, soll „Jimmy’s Hall“ sein letzter großer Film sein. Darin wiederholt er die Themen, die ihn als Filmemacher ein Leben lang beschäftigt haben. Das Drehbuch stammt aus der bewährten Feder von Paul Laverty, mit dem Loach schon viele Filme, unter anderem auch vielfach ausgezeichneten „The Wind That Shakes the Barley“ verwirklicht hat.
Wie „The Wind That Shakes the Barley“ spielt auch „Jimmy’s Hall“ im Irland der 1930er-Jahre: Der Protagonist Jimmy Gralton kehrt ein Jahrzehnt, nachdem er ins amerikanische Exil geflüchtet ist, in seine irische Heimat zurück, um sich um seine Mutter zu kümmern. Junge Menschen und ältere Arbeiter, die sich überwiegend den Kommunisten zurechnen, bitten ihn, sein altes Gemeindezentrum wieder zu eröffnen. Bald lesen, lernen und tanzen sie dort zusammen, fernab der Weisungsbefugnis der Kirche und argwöhnisch beobachtet von den ortsansässigen Faschisten. Pater Sheridan, Graltons ärgster Widersacher, verdammt die angebliche Vergnügungssucht der Jugend, hetzt gegen Jimmys Unternehmen und lässt lange Listen der Besucher aufschreiben.
Doch der Demagoge Sheridan ist alles andere als dumm. Loach schildert ihn als im Kern ängstliche Persönlichkeit, der die Menschen seiner Kontrolle entgleiten sieht und mit dieser Entwicklung nicht umzugehen weiß. Derweil nähert sich Jimmy wieder seiner ehemaligen Freundin Oonagh an und bringt den Heranwachsenden den Charleston bei, während er unter den Arbeitern wegen seiner leidenschaftlichen Reden zur Gallionsfigur im revolutionären Kampf avanciert.
Loach ist hier nicht mehr so radikal in der Darstellung der Konfliktparteien, wie er es noch in „The Wind That Shakes the Barley“ war, und er nutzt diese Milde, um wundervolle Szenen von berührender Zartheit und intimer Zweisamkeit zu inszenieren, wie den Tanz von Jimmy und Oonagh – ein Tanz im Gemeindezentrum, ohne Begleitmusik und in der Schwärze der Nacht.
Doch Gralton ist eine historische Figur – und dementsprechend ist sein Schicksal vorgezeichnet. Jimmys Appell an die Vernunft, an die Aussöhnung und die Solidarität wird von der Jugend mit Beifall aufgenommen; doch für seine Gegner ist es gerade die Entfachung öffentlicher Debatten, die Gralton in ihren Augen so gefährlich machen. Während der Pater Gralton nur jenen Respekt zollt, den sich auch die Generäle zweier Heere auf dem Schlachtfeld gönnen würden, lässt Loach an anderer Stelle Hoffnung keimen: ein deutlich jüngerer Priester erkennt die Ungerechtigkeit, auch wenn er zunächst ohne Ergebnis gegen sie argumentiert.
Als „letzter“ Film einer langen Karriere wirkt „Jimmy’s Hall“ wie ein Querschnitt durch Loachs Methoden und Tugenden: eine manchmal fast theaterhafte Dialoginszenierung, eine Fotografie, die ihre Schönheit im vorgeblich Schlichten findet, und eine starke politische Haltung, die sich mit der Lebenswelt des „einfachen“ Mannes solidarisiert, um ihm eine Stimme zu geben. Wenn Gralton vom Polizeiwagen aus der zurückbleibenden Jugend winkt, um wenig später der einzige Ire zu werden, der je aus Irland deportiert wurde, dann wirkt es auch so, als wäre es Loach selbst, der hier voller Zuversicht seinem Publikum zuwinkt. „Jimmy’s Hall“ ist ein Abschied voller Würde und Aufrichtigkeit.