Die Auserwählten

Drama | Deutschland 2014 | 89 Minuten

Regie: Christoph Röhl

Eine junge, idealistische Biologielehrerin beginnt in den späten 1970er-Jahren ihren Dienst an der Odenwald-Internatsschule. Rasch macht sie irritierende Entdeckungen, kümmert sich als einzige Lehrerin um einen tief verstörten 15-jährigen Jungen und ist schockiert, als sie hinter der „Freiheitspädagogik“ der Schule das abgründige, teils verschwiegene, teils ideologisch verbrämte System der päderastischen Übergriffe erkennt. Brillant gespieltes (Fernseh-)Drama, das mit beklemmender Eindringlichkeit die Mechanismen des Verdrängens, Verschweigens und der Einschüchterung an einer Schule zeigt, die als reformpädagogische Vorzeigeanstalt galt. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2014
Regie
Christoph Röhl
Buch
Sylvia Leuker · Benedikt Röskau
Kamera
Peter Steuger
Musik
Ali N. Askin
Schnitt
Vessela Martschewski
Darsteller
Ulrich Tukur (Simon Pistorius) · Julia Jentsch (Petra Grust) · Leon Seidel (Frank Hoffmann) · Béla Gabor Lenz (Erik von der Burg) · Rainer Bock (Helmut Hoffmann)
Länge
89 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Drama

Heimkino

Die Extras umfassen ein ausführliches Booklet zum im Film thematisierten Problemkreis.

Verleih DVD
Edel Media (16:9, 1.78:1, DD2.0 dt.)
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Diskussion
Christoph Röhls brisantes, packendes Fernsehspiel beruht auf allzu wahren Begebenheiten. Es dramatisiert den Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule, der 2010 durch das mutige Engagement von Betroffenen öffentlich bekannt wurde. Souverän meidet Röhl den voyeuristischen Blick auf das Unfassliche (zwischen 1965 und 1995 wurden mindestens 132 Odenwaldschüler Opfer sexueller Übergriffe) und konzentriert sich mit aufklärerischem Elan auf die Frage: Wie ist es möglich, dass ein pädophiler Schulleiter seine fatalen Machenschaften so lange unerkannt hinter der Fassade einer sich freiheitlich und antiautoritär gebärdenden Pädagogik verstecken konnte? Von der Rahmenhandlung im Jahr 2010, also von der mit Protestaktionen erzwungenen Veröffentlichung des Skandals, springt die Erzählung zurück in die späten 1970er-Jahre. Eine junge, idealistisch gesonnene Biologielehrerin (Julia Jentsch, diesmal mit goldblondem Engelshaar) beginnt ihren Dienst an der Internatsschule. Rasch macht sie irritierende Entdeckungen, kümmert sich als einzige Lehrerin um einen tief verstörten 15-jährigen Jungen. Sie ist schockiert, als sie hinter der „Freiheitspädagogik“ der Schule das abgründige, teils verschwiegene, teils ideologisch verbrämte System der päderastischen Übergriffe erkennt. Schroff wird sie zurückgewiesen und eingeschüchtert, als sie das im Lehrerkollegium zur Sprache bringen will. Wie das Hexenhaus im „Hänsel und Gretel“-Märchen erscheint die idyllisch gelegene Schule: nach außen zuckersüß und verlockend, doch drinnen werden die Kinder, vor allem die Jungs, „gemästet und verspeist“, das heißt, mit der Ideologie antiautoritärer Freizügigkeit gefüttert, um sie den pädophilen Obsessionen des Schulleiters und anderer Lehrer gefügig zu machen. Ulrich Tukur verleiht der Figur des Schulleiters Simon Pistorius mephistohafte Bannkraft, konturiert sie als smarten und verschlagenen Meister der Blendung. Christoph Röhl war zwischen 1989 und 1991 als Englisch-Tutor an der Odenwaldschule tätig. 2011 drehte er die Dokumentation „Und wir sind nicht die Einzigen“, in der ehemalige Odenwaldschüler ihre Leidenswege als Missbrauchsopfer zur Sprache bringen. Sein Spielfilm, getragen von der brillanten Darstellungskunst des Duos Jentsch/Tukur, zeigt mit beklemmender Eindringlichkeit die Mechanismen des Verdrängens, Verschweigens und der Einschüchterung an einer Schule, die als reformpädagogische Vorzeigeanstalt galt. Am Ende stellt sich auch die Frage: Hätte diese Pädagogik der Entgrenzungen, die im Namen von Freizügigkeit und „Charakterbildung“ auftrat, nicht bereits konzeptuell als Angriff auf die körperliche und seelische Integrität der Schüler erkannt werden müssen?
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