Komödie | Norwegen/Deutschland/Frankreich 2014 | 91 Minuten

Regie: Bent Hamer

Eine pflichtbewusste Physikerin, die nicht nur beruflich, sondern auch privat alles sehr genau nimmt, wird beim norwegischen Eichamt mit den Aufgaben ihres schwerkranken Vaters betraut. Dafür reist sie zweimal nach Paris, um das norwegische Maß am Ur-Kilo eichen zu lassen, worüber sie mit einer anderen Lebensweise in Berührung kommt. Warmherzig-skurrile Komödie, die aus der Kontrastierung von abstrakter Wissenschaft und beschwingter Lebenskunst ironische Funken schlägt. Die „Carpe diem!“-Botschaft überlagert dabei zunehmend die diskrete Ironie der Inszenierung. - Ab 14.
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Filmdaten

Originaltitel
1001 GRAM
Produktionsland
Norwegen/Deutschland/Frankreich
Produktionsjahr
2014
Produktionsfirma
Bulbul Films/Pandora Filmprod./Slot Machine/ZDF/Arte
Regie
Bent Hamer
Buch
Bent Hamer
Kamera
John Christian Rosenlund
Musik
John Erik Kaada
Schnitt
Anders Refn
Darsteller
Ane Dahl Torp (Marie Ernst) · Stein Winge (Ernst Ernst) · Laurent Stocker (Pi) · Hildegun Riise (Wenche) · Per Christian Ellefsen (Moberg)
Länge
91 Minuten
Kinostart
18.12.2014
Fsk
ab 0; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Komödie
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Diskussion
Zu Beginn sieht man die Hauptfigur mehrfach beim verstohlenen Rauchen. Dabei ist offensichtlich, dass Marie in dem zugigen Spalt zwischen zwei Gebäudetrakten, in den sie in kurzen Arbeitspausen hinaustritt, ihre Zigaretten unmöglich genießen kann. Es zeugt geradezu von Selbstverleugnung, wenn die introvertierte Physikerin sich am Feierabend an den unbenutzten Kamin zuhause setzt, um den Zigarettenqualm vorsichtig in den Abzug zu pusten. Die Protagonistin strahlt auf diese Weise eine strenge Verkniffenheit aus, die von der spröden Inszenierung überdies betont wird. Die nüchterne Beobachtung ihres Alltags verleitet allerdings zu anfänglichen Trugschlüssen über ihre private und berufliche Situation. So dauert es eine Weile, bis klar wird, dass zu Maries Kollegen am Nationalen Norwegischen Eichamt auch ihr Vater gehört und dass sie unlängst von ihrem Ehemann verlassen wurde. Gleichzeitig aber mischen sich Anflüge leiser Ironie in die reizvolle Mehrdeutigkeit. In der angestrengten Konzentration, mit der die Wissenschaftlerin ihre Arbeit verrichtet, schwingt unweigerlich der Eindruck von Verschrobenheit mit. Regisseur Bent Hamer forciert diesen Humor jedoch erst, als er seiner Hauptfigur einen Schicksalsschlag zugemutet hat. Nachdem Maries Vater einen Herzinfarkt erlitten hat, wird sie an seiner Stelle nach Paris entsandt, um das norwegische Referenz-Kilogramm neu kalibrieren zu lassen. Wenn die kühle Blonde dabei auf Physiker aus aller Welt trifft, wirkt deren Kauzigkeit zunächst wohldosiert; den zart angedeuteten Flirtversuch eines Wissenschaftlers lässt die Inszenierung diskret versanden. Doch der Regisseur, der auch für Drehbuch und Produktion verantwortlich zeichnet, kann es sich nicht verkneifen, die steife Ehrfurcht, mit der die versammelten Wissenschaftler dem so genannten Ur-Kilo von 1889 begegnen, etwas langatmig zu zelebrieren. Und wenn er die Physiker im Gänsemarsch, jeder einzelne mit einem Regenschirm bedeckt, durch einen Park marschieren lässt, ist das der Putzigkeit irgendwann doch zu viel. Wenn man der gelegentlichen Gespreiztheit solcher Skurrilitäten müde wird, liegt das auch daran, dass diese romantische Dramedy sich auf eine „Carpe diem!“ Botschaft versteift, die aufs im Filmtitel angeführte Gramm genau kalkuliert ist (und zwar buchstäblich, da in einer Schlüsselszene der Inhalt einer Urne gewogen wird). Nachdem Maries Vater gestorben ist, muss sie ein weiteres Mal nach Paris reisen, um ein professionelles Malheur ungeschehen zu machen. Dabei bekommt sie Gelegenheit, die Bekanntschaft zu einem Mann namens Pi zu vertiefen, den sie beim ersten Besuch kennenlernte. Die Entdeckung, dass Pi den abstrakten Physikerberuf zugunsten der bodenständigeren Arbeit als Gärtner aufgegeben hat, markiert symbolisch, wie hier Gegensatzpaare dramaturgisch in Stellung gebracht werden. So steht dem skandinavischen Schmuddelwetter mildes Abendlicht über der Seine gegenüber, auf den spartanischen Modernismus von Maries Bungalow antwortet der behagliche Bauernhof, auf dessen Heuboden Maries Vater Nickerchen zu machen pflegte. Vor allem aber wird das zögerliche Aufblühen der Hauptfigur von einer Farbdramaturgie begleitet, die das anfangs dominante kühle Blau zunehmend mit warmem Rot kontrastiert. Aufmerksame Zuschauer vermögen deshalb treffsicher vorherzusagen, wann Maries blauer Kleinwagen, der bei einem Unfall kaputt ging, durch ein neues rotes Gefährt ersetzt wird.
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