Sehnsucht nach Paris

Komödie | Frankreich 2014 | 98 Minuten

Regie: Marc Fitoussi

Die Ehefrau eines französischen Rinderzüchters lässt sich aus einer gewissen Unzufriedenheit mit ihrem Leben auf einen Flirt mit einem weit jüngeren Mann ein, der die attraktive Mittfünfzigerin aus der Normandie nach Paris lockt. Doch das Wochenende an der Seine verläuft anders als erwartet. Ein leises, in den Hauptrollen glänzend gespieltes Lustspiel über Bedauern und verpasste Chancen, Wünsche und Begierden, Auszeiten und kleine Fluchten. Inszenatorisch wandelt sich der anfängliche Realismus des Landlebens in eine mythisch überhöhte Märchenhaftigkeit, die Paris als liebens- und lebenswerte Metropole stilisiert. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
LA RITOURNELLE
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2014
Regie
Marc Fitoussi
Buch
Marc Fitoussi
Kamera
Agnès Godard
Musik
Tim Gane · Pascal Mayer
Schnitt
Laure Gardette
Darsteller
Isabelle Huppert (Brigitte Lecanu) · Jean-Pierre Darroussin (Xavier Lecanu) · Michael Nyqvist (Jesper) · Pio Marmaï (Stan) · Jean-Charles Clichet (Régis)
Länge
98 Minuten
Kinostart
12.02.2015
Fsk
ab 0; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Komödie

Heimkino

Verleih DVD
EuroVideo (16:9, 1.85:1, DD5.1 frz./dt.)
Verleih Blu-ray
EuroVideo (16:9, 1.85:1, dts-HDMA frz./dt.)
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Lustspiel um eine Bäuerin, die mit einem anderen Leben flirtet

Diskussion
Brigitte und Xavier kennen sich bereits seit ihrem Studium auf der Landwirtschaftsschule, also seit fast 30 Jahren. Nun züchten sie Rinder auf einem Hof in der Normandie. Das Geschäft läuft gut. Zu Beginn des Films nimmt Xavier einen Preis für seinen Zuchtbullen namens Ben Hur entgegen. Brigitte fotografiert ihn und die Trophäe voller Stolz. Es könnte also alles in Ordnung sein. Doch irgendetwas nagt an der attraktiven Mittfünfzigerin. Der große Sohn ist schon aus dem Haus und macht in Paris – sehr zum Unwillen des Vaters – eine Ausbildung zum Akrobaten, die Ehe selbst ist in Routine erstarrt, die Gefühle kochen auf Sparflamme. „La Ritournelle“, die alte Leier, heißt der Film darum im Original. Äußerlich wird Brigittes Unzufriedenheit in einem hässlichen Ekzem am Hals deutlich, das immer größer wird und sich nur schwer verbergen lässt. Bei einer Party im Haus nebenan lernt Brigitte Stan kennen, einen viel zu jungen Mann, der ihr charmant den Hof macht. Brigitte fühlt sich geschmeichelt, der Flirt lockt sie nach Paris. Als Vorwand dient ein Besuch beim Hautarzt. Doch das Wochenende an der Seine verläuft anders als erwartet – Stan entpuppt sich als unsensibler, zickiger Macker. Immerhin: Der nette, dänische Geschäftsmann Jesper bietet sich als Begleitung an und zeigt Brigitte Paris – Dinner, Cabaret und gemeinsame Nacht im Hotel inklusive. In der Zwischenzeit ist Xavier allerdings stutzig geworden: Der Hautarzt, den seine Frau aufsuchen wollte, ist schon lange in Pension. Und so macht er sich in seiner grünen Klapperkiste ebenfalls auf in die Großstadt, voller Furcht, seine Frau zu verlieren. Der neue Film von Marc Fitoussi, der mit der Hauptdarstellerin Isabelle Huppert bereits in „Copacabana“ (fd 41 138) zusammen gearbeitet hatte, ist ein kleines, leises Lustspiel über Bedauern und verpasste Chancen, Wünsche und Begierden, Auszeiten und kleine Fluchten sowie eine späte Emanzipation. Und das, was wirklich zählt im Leben. Huppert verkörpert dabei wundervoll perfekt, in Abkehrung ihres Images als mondäne Französin, eine unzufriedene Frau, die sich vor dem Abenteuer, das da auf sie zukommt, ein wenig fürchtet. Trotzdem findet sie an diesem Wochenende in Paris zu mehr Selbstbewusstsein und lockert nachhaltig die Fesseln ihrer Ehe und ihres Berufes. Fitoussi thematisiert auch das Versagen des Mannes, der die Bedürfnisse seiner Frau nicht erkennt und darum nicht angemessen reagiert. Es ist nicht so, dass Xavier seine Frau nicht mehr liebt. Doch sein Beruf, der Alltag auf dem Land haben ihn zum unaufmerksamen Gatten werden lassen. Fitoussi verfolgt diesen Alltag zunächst sehr realistisch. Er zeigt die Arbeit im Stall, die Geburten, die Wettbewerbe. Isabelle Huppert, die in den Filmen von Claude Chabrol zur Ikone unterkühlten Temperaments avancierte, läuft hier in Gummistiefeln über den Hof. Umso größer ist der Kontrast zu Paris, dieser leuchtenden, aufregend-lebendigen Metropole, in der alles möglich scheint, in der sich jede Sehnsucht erfüllt. Hier trägt Jesper eine Fliege, Brigitte eine russische Pelzmütze, das Riesenrad in den Tuilerien leuchtet kunterbunt – Insignien von Weltgewandtheit und Romantik. Der Realismus des Beginns wandelt sich zu einer Stilisierung, der etwas Märchenhaftes zukommt. Dazu passt auch jene Szene, in der Xavier seinem Sohn im Zirkus bei einem akrobatischen Akt zusieht und – wie der Zuschauer – verblüfft staunt: diese Geschicklichkeit, diese Eleganz und Schwerelosigkeit. Der Film endet mit einer Utopie, in der sich das Paar langsam, fast unmerklich aufeinander zu bewegt und neu findet. Doch weil diese Utopie auf einer Lüge beruht, kann man sich nicht sicher sein.
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