Verfehlung (2014)

Drama | Deutschland 2014 | 95 Minuten

Regie: Gerd Schneider

Die Freundschaft dreier katholischer Priester gerät unter extremen Druck, als einer von ihnen wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch inhaftiert wird. Als sich die Vorwürfe erhärten, will der eine Freund die Angelegenheit unter den Tisch kehren, während der andere mit einer Strafanzeige ringt. Das visuell und inszenatorisch sehr ambitionierte Drama fokussiert auf den Zwiespalt zwischen Freundschaft, Loyalität und moralischer Integrität, lässt aber auch die Opfer und ihre Angehörigen nicht außen vor. Hervorragend gespielt und recherchiert, überzeugt der Film durch seinen differenzierten Blick auf den kirchlichen Umgang mit dem Missbrauchsskandal. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2014
Regie
Gerd Schneider
Buch
Gerd Schneider
Kamera
Pascal Schmit
Musik
John Gürtler · Jan Miserre
Schnitt
Uta Schmidt
Darsteller
Sebastian Blomberg (Jakob) · Kai Schumann (Dominik) · Jan Messutat (Oliver) · Sandra Borgmann (Vera Rubin) · Valerie Koch (Susanne Weihe)
Länge
95 Minuten
Kinostart
26.03.2015
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama
Diskussion
„Verfehlung“ ist ein Film aus dem Inneren – dem des Protagonisten, der katholischen Kirche, des Spielfilm-Debütanten Gerd Schneider, der vor dem Regiehandwerk selbst Priesteramtskandidat war. Noch vor allen Bildern hört man den Protagonisten aus dem Off beim Stundengebet, das sich, fragmentarisch gebrochen, immer wieder hörbar in den Lauf der Handlung schiebt. Erst dann öffnet sich in der schwarzen Leinwand eine schmale Spindtür, durch die man den Priester Jakob sieht, wie er sich für ein Fußballspiel mit seinen Freunden Dominik und Oliver umkleidet. Die beiden sind ebenfalls Priester; der eine macht gerade Karriere in der Bistumsverwaltung, der andere leitet eine Gemeinde in einer Hochhaussiedlung, Jakob ist Gefängnispfarrer. Drei sympathische, umgängliche Männer in der Mitte ihres Lebens, die sich Gott und den Menschen, aber auch der katholischen Kirche zutiefst verbunden fühlen. Bis die Polizei Dominik verhaftet; er soll einen Jungen sexuell missbraucht haben. Während Oliver sogleich den Skandal und die Öffentlichkeit im Blick hat und dienstbeflissen abwiegelt, ist Jakob wie vom Donner gerührt, auch weil der Freund in dem Gefängnis einsitzt, in dem er tagaus, tagein mit Vergewaltigern und Gewaltverbrechern zu tun hat. Er sucht Kontakt zur Mutter des Jungen, grübelt, zweifelt – und bedrängt Dominik so lange, bis der „Es war ja eigentlich gar nichts“ murmelt. Ein knapper, kurzer Satz, der Jakob in der Tiefe erschüttert und den der Film in nachtschwarze, bedrückend leere CinemaScope-Bilder transferiert, wie die Inszenierung überhaupt die dunkelblaue Farbpalette von gedämpfter Kühle bis metallisch-düsterer Schwere geschickt auszuspielen weiß. Mit beeindruckender Konsequenz gelingt es im ersten Drittel, die Handlung aus der Sicht von Jakobs Verdacht zu skizzieren, ohne darüber in eine reine Ich-Perspektive abzugleiten. Denn es geht dem Regisseur in gewisser Weise um alle drei Figuren und über sie um das System Kirche, in das sie eingebunden sind. Als sich der Anfangsverdacht nicht weiter bestätigt, Dominik freigelassen wird und an seine alte Wirkungsstätte zurückkehrt, will Jakob nicht so tun, als sei nichts gewesen. Er kommt anderen Missbrauchsfällen auf die Spur und erkennt, dass Dominik auch früher schon sexuell übergriffig war. Doch Oliver und der Kardinal speisen ihn mit dem Verweis auf das Ansehen der Kirche ab und versuchen den Skandal mit Geld unter den Tisch zu kehren. Jakob aber stellen seine Erkenntnisse vor eine einsame Entscheidung. Sebastian Blomberg verleiht diesem zwischen Freundschaft, Loyalität und moralischer Aufrichtigkeit Hin- und Hergerissenen eine gequält-grüblerische Dimension, wie es auch den beiden anderen Darstellern, Jan Messutat und Kai Schumann, überzeugend gelingt, ihre Figuren jenseits aller Schablonen aus Fleisch und Blut zu konturieren. Die Vertrautheit des Regisseurs mit dem Stoff spielt hier sicherlich auch eine große Rolle, wie auch das Fehlen kirchentypischer Klischees und „genre“-immanenter Elemente sehr positiv auffällt. Die große Stärke des Films bedingt in gewisser Weise allerdings auch seine Schwäche. Im Bemühen, die Eigenart der kirchlichen „Schweigespirale“ darzustellen, die interne Missstände oder Vergehen so lange es geht ignoriert oder schlimmstenfalls so kanalisiert, dass nichts nach außen dringt, verliert sich das anfangs so stringente Drama zunehmend in Nebenfiguren und -schauplätzen, die Jakobs Ringen um ein angemessenes Verhalten zu einem Thema unter vielen machen. Darüber geht auch die eingangs so eindrucksvoll anklingende spirituelle Dimension der Priesterexistenz verloren, wie dem Drehbuch auch das katholische Reizthema Nummer Eins, der Umgang mit der menschlichen Geschlechtlichkeit, nur zwei dürre Dialogzeilen wert ist. Unterm Strich ein redliches, visuell und inszenatorisch überraschend ambitioniertes Drama, das in der zweiten Hälfte allerdings dem Hang zur Breite erliegt.
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