Dokumentarfilm | Deutschland 2014 | 96 Minuten

Regie: Mirjam Leuze

Nach einem schwerwiegenden Giftunfall in einer kirgisischen Goldmine im Jahr 1998 gründen die Bewohnerinnen eines betroffenen Dorfs eine Umweltorganisation und ziehen trotz staatlicher Repressalien den Minenbetreiber gerichtlich zur Rechenschaft. Die späte filmische Würdigung der mutigen Frauen besticht weniger durch aufsehenerregende Aktionen als durch den Respekt gegenüber den Porträtierten. Dabei werden ihre Solidarität und wachsende Unabhängigkeit insbesondere vor einer geänderten Gesellschaftsordnung deutlich, wenngleich die Frauen sie mit den Traditionen ihrer Heimat in Einklang zu bringen versuchen. (O.m.d.U.) - Ab 14.
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Filmdaten

Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2014
Produktionsfirma
Topos Film
Regie
Mirjam Leuze
Kamera
Mirjam Leuze
Schnitt
Sandra Brandl
Länge
96 Minuten
Kinostart
26.03.2015
Fsk
ab 0; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm
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Heimkino

Verleih DVD
Bravehearts (16:9, 1.78:1, DD5.1 engl & russ. & kirgis.)
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Diskussion
„Mirjam, willst Du auch mal gucken?“, fragt Erkingül von der Umweltorganisation KAREK (Pupille) und reicht das Fernglas weiter. Es ist das einzige Mal, dass Regisseurin Mirjam Leuze ins Bild setzt, wovon bislang nur die Kolonnen von LKWs zeugten, die sich durch die staubigen Straßen pflügen. Vergrößerungsgläser und Kameralinse werden eins und zeigen, wie mehrere Trucks ihren Geröll einen Abhang hinunterstürzen, während Erkingül zu erzählen beginnt: Von den Firmen, die sich in die Gletscher ihrer Heimat Kirgistan fräsen, um das dort eingeschlossene Gold mittels Sprengladungen und hochgiftigem Zyanid herauszulösen. 1998 gelangte die Chemikalie nach einem Unfall in der Kumtor-Mine ins Trinkwasser der kleinen Ortschaft unterhalb der Berge. Sechs Menschen starben unmittelbar, unzählige später. Es ist einer jener weltweiten Skandale, die zwangsläufig auftreten, wenn die Förderung von Rohstoffen mit großen Belastungen der Umwelt einher geht und der Aufschrei der Bevölkerung durch Korruption zum Schweigen gebracht werden soll. Die KAREK-„Mädchen“ um Erkingül, die 2005 trotz aller Einschüchterungsversuche gegen die Betreiber der Kumtor-Mine demonstrierten und auf Entschädigung klagten, sind anders – schon allein darin, wie sie ihre ruhigen, in so großem Kontrast zum Krach der LKWs stehenden Stimmen erheben. Mit ihren bunten Kopftüchern sind Erkingül, Sakisch, Asel und Tamara die „Blumen der Freiheit“, die immer noch „Mädchen“ genannt werden wollen, obwohl sie eigentlich ziemliche „Spätblüher“ sind. Fest verwurzelt scheinen sie trotzdem nicht, weder im Dorf noch im Eheleben, von dem nicht einmal der Pass der Frauen erzählt. „Ledig“ steht dort, weil eine religiöse Heirat, aus Angst vor Alimenten, die staatliche oft ersetzt, wie beim Mann von Asel, der sie „gemäß der Tradition“ entführt, vergewaltigt und geschwängert, aber nicht offiziell geheiratet hat. Ob sie als „wilde Kirgisen“ dargestellt werden sollen, wird Leuze eingangs noch von zwei Dorfbewohnern gefragt. Der Ethnologin, die in den späten 1990er-Jahren in Kirgistan forschte, geht es aber nicht um „Wilde“, sondern um unzivilisierte Konzerne und um das politische Engagement der Frauen, die sie zwischen Kochen, Nähen und ihren „Männerjobs“ als Fahrerin oder Schafzüchterin einfängt – und wie nebenbei Facetten der Unterdrückung ans Licht bringt. Dass das Porträt erst im Frühjahr 2010 einsetzt, macht den Film selbst zu einer Art „Spätblüher“. Kurz nach dem Umsturz des Bakijew-Regimes bleiben nur noch Videoaufnahmen, eine Animation, in der sich die Haare der Frauen in einen unbändigen Fluss verwandeln, und die skurril anmutende öffentliche Nachstellung der blutigen Proteste, um dem Widerstand ein Gesicht zu geben. In der Post-Revolutions-Ära der ersten parlamentarischen Demokratie Zentralasiens erhalten die Dorffrauen Orden für ihre Rolle beim Umsturz, und Erkingül einen Sitz im Parlament. Raus aus der Opposition, rein in die Realpolitik. Nun sitzt sie im Büro, um die Inspektion der Kumtor-Mine in die Wege zu leiten, während draußen die Anführerin einer anderen Gruppe mit dem Megaphon einen anderen Stillstand anprangert. Zu Filmbild werden Erkingüls Bemühungen jetzt nur noch partiell. Was aber nicht weiter stört, das der Verdienst des Debütfilms nicht in den respektablen Aktionen, sondern in der respektvollen Distanz und dem damit einhergehenden Vertrauen besteht, durch das die interviewten Frauen ihre Solidarität und eine neue Selbstbestimmung offenbaren können, ohne ihren Glauben oder ihre Traditionen zu verraten. Am Ende ist es Asels Idee eines Abschiedsgrußes, der die Schönheit der kirgisischen Bräuche zeigen soll und zugleich wie eine Umkehrung ihrer aus Tradition erlittenen Zwangsheirat wirkt: „die Mädchen“ treten in traditionellen Kostümen nacheinander aus einem Jurte-Zelt, drehen sich um die eigene Achse und reiten stolz auf ihren Pferden davon – Erkingül im weiß strahlenden Hochzeitskleid ganz vorneweg.
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