Der Wert des Menschen

Drama | Frankreich 2015 | 91 Minuten

Regie: Stéphane Brizé

Ein gelernter Maschinist Anfang 50 hat seit eineinhalb Jahren keinen Job mehr. Obwohl er vom Arbeitsamt zu Fortbildungen genötigt und in zahllosen Kursen für alles Mögliche trainiert wird, findet er keine Anstellung. Erst als er sich mit einer einfacheren Tätigkeit zufriedengibt, wird er als Kaufhausdetektiv eingestellt. Mit geradezu ethnologischem Interesse seziert das in ruhig beobachtenden CinemaScope-Bildern fotografierte Drama die Demontage eines starken Charakters, der die vielen Demütigungen stoisch-demütig über sich ergehen lässt, ohne seine Würde zu verlieren. Die dokumentarisch anmutende Kamera fokussiert dabei durchgängig auf das verwitterte Gesicht des großartigen Hauptdarstellers, das ohne viele Worte von seinen inneren Kämpfen und Verletzungen erzählt. Eine formal strenge, fast philosophische Meditation über menschlich-moralische Kosten unseres Wirtschaftssystems. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
LA LOI DU MARCHÉ
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2015
Regie
Stéphane Brizé
Buch
Olivier Gorce · Stéphane Brizé
Kamera
Éric Dumont
Schnitt
Anne Klotz
Darsteller
Vincent Lindon (Thierry Taugourdeau) · Karine de Mirbeck (Thierrys Frau) · Matthieu Schaller (Thierrys Sohn) · Yves Ory (Berater im Arbeitsamt) · Xavier Matthieu (Gewerkschaftskollege)
Länge
91 Minuten
Kinostart
17.03.2016
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama

Heimkino

Verleih DVD
Lighthouse (16:9, 2.35:1, DD5.1 frz./dt.)
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Diskussion
Mit einem Blick auf ein Fabriktor begann die Filmgeschichte. Das Thema Arbeit hat sie nach dieser Geburtsstunde aber weitgehend aus dem Kameraauge verloren. Zumindest wenn man bedenkt, dass der durchschnittliche Mensch die Hälfte seines wachen Tages am Arbeitsplatz verbringt. Es gibt Ausnahmen: Michael Mann ist ein aktueller Hollywood-Regisseur, der sich für das interessiert, womit seine Protagonisten ihren Lebensunterhalt verdienen. Und natürlich weiß das sozialrealistische europäische Autorenkino eines Ken Loach oder der Gebrüder Dardenne um die Bedeutung der Arbeit – und um die Folgen des Verlusts derselben. Stéphane Brizés „Der Wert des Menschen“ erinnert überraschenderweise immer wieder an einen ganz anderen Filmemacher, der regelmäßig Arbeitswelten in den Blick genommen hat, aber in keiner dieser Traditionen steht: an Harun Farocki. Viele Szenen aus „Der Wert des Menschen“ wirken wie Spielfilmversionen von Farockis Dokumentar- und Essayfilmen. Brizé und Farocki verbindet außerdem ein geradezu ethnologisches Interesse an der Beobachtung gesellschaftlicher Subsysteme. Wenn der arbeitslose Thierry, der im Mittelpunkt von Brizés Film steht, in einem Bewerbungstraining lernen soll, sich besser zu verkaufen, könnte das direkt aus Farockis Film „Die Bewerbung“ (1996) stammen. „Im Bewerbungsgespräch soll der ganze Mensch erscheinen“, hat Farocki über seinen Film geschrieben, „nicht nur seine messbare Eignung, die auf Papieren vorausgeschickt wird. Der ganze Mensch fühlt sich angenommen oder verworfen.“ Genau das zeigt „Der Wert des Menschen“: Der 51-jährige gelernte Maschinist Thierry wird von den wesentlich jüngeren Teilnehmern nach einer Bewerbungsgespräch-Übung komplett auseinandergenommen: Seine Körperhaltung sei „zu schlaff“ gewesen, das Hemd habe offen gestanden, die Stimme sei zu leise und überhaupt wirke er wenig sympathisch. Der Wert des ganzen Menschen wird hier verworfen – daher passt der deutsche Titel noch besser als der französische Originaltitel „La loi du marché“, also „Das Gesetz des Marktes“. Das ist nur eine von vielen Demütigungen, die Thierry stoisch, ja fast demütig erträgt. So wird er bei einem Skype-Bewerbungsgespräch genötigt, freudig zu bestätigen, dass er zeitlich flexibel sei und auch in einer niedrigeren Stellung für weniger Geld arbeiten würde – nur um am Ende zu hören, dass er so gut wie keine Chance auf den Job hat. Beim Arbeitsamt will sich keiner dafür verantwortlich fühlen, dass Thierry zu einer Fortbildung genötigt wurde, die ihn zwar wertvolle Zeit gekostet, aber keine Perspektive auf einen neuen Job gebracht hat. Bei der Bank wird ihm nahegelegt, seine fast abbezahlte Wohnung zu verkaufen, um liquide zu sein, wenn seine Arbeitslosenunterstützung bald auf 500 Euro gekürzt wird. Und dann will ihm die Beraterin auch noch eine Lebensversicherung aufschwatzen. Denn was wird mit seiner Frau und seinem behinderten Kind, wenn er sterben sollte? Diese Szenen wirken so aus dem Leben gegriffen, als seien sie aus einem Dokumentarfilm – wäre da nicht das bekannte Gesicht von Vincent Lindon, der für seine Leistung mit dem Schauspielerpreis in Cannes und dem „César“ ausgezeichnet wurde. Außer Lindon spielen nur Laien mit: Er agiert also mit einer echten Bankangestellten, einem echten Arbeitsvermittler und einem ebenso authentischen Jobtrainer. Die Kamera von Eric Dumont unterstützt diesen dokumentarischen Gestus: Sie scheint sich nicht immer sicher zu sein, wer als nächstes sprechen wird und beobachtet das Geschehen meist mit Abstand von der Seite. Das breite Cinemascope-Format ermöglicht es, dass in den Dialogen nicht in Schuss-Gegenschuss-Routine zwischen den Sprechenden hin und her geschnitten werden muss, sondern beide im Blickfeld der Kamera bleiben. Wenn Thierry allein im Bild zu sehen ist, wird er hingegen durch die geringe Tiefenschärfe der Bilder oft von seiner Umgebung isoliert. Es gibt nur wenige Einstellungen, in denen Lindon nicht zu sehen ist. Auch wenn er eher reagiert, statt zu agieren, bleibt die Kamera meist auf ihn fixiert. Brizé begründet das in Interviews mit dem schönen Vergleich eines Boxkampfes: Das Drama spielt sich nicht im Gesicht des Schlagenden ab, sondern in dem des Geschlagenen. Lindon muss nicht viel machen, um dieses Pathos zu erzeugen: Sein verwittertes Gesicht und die traurigen Augen erzählen genug von seinem inneren Kampf und seinen Verletzungen. Trost spendet lediglich die Familie. Die wenigen Szenen, die den Protagonisten mit seiner Frau und seinem Sohn zeigen, bieten willkommene Gelegenheiten für „comic relief“. Eine der rührendsten Szenen spielt in einer Tanzschule, in die Thierry mit seiner Frau geht – man darf annehmen, auf ihren Wunsch hin. Denn er erweist sich als ungeschmeidiger Tänzer. Er bewegt sich so hölzern, dass der Tanzlehrer irgendwann als Partner einspringt – was Thierry sichtlich unangenehm ist. Aber auch hier platzt ihm nie der Kragen. Seine Selbstbeherrschung wirkt bisweilen übermenschlich. Das ist der einzige Punkt, in dem „Der Wert des Menschen“ droht, unglaubwürdig zu werden. Erzählt die erste Filmhälfte mit selten gesehener Genauigkeit und Systematik davon, was es bedeutet, als nicht mehr junger Familienvater arbeitslos zu werden, fokussiert die zweite Hälfte auf die moderne Arbeitswelt im Niedriglohnsektor. Denn Thierry bekommt schließlich doch noch einen Job – als Kaufhausdetektiv. Von einem Kontrollraum aus bedient er die Überwachungskameras und ist dabei, wenn die überführten Diebe zur Rede gestellt werden. Er steigt also in eine Welt ein, die nichts mit seiner früheren Arbeit als Maschinist zu tun hat. Und stellt schnell fest, dass sein neues Dasein nicht weniger grausam ist als das des Arbeitslosen. Er hat lediglich die Seiten gewechselt: Jetzt muss er die drangsalieren, denen das Leben nicht gut mitgespielt hat oder die mit kleinen Gaunereien recht hilflos versuchen, ein gerechteres Stück vom Kuchen an sich zu reißen. Bald steht Thierry vor der Frage, ob das Dasein ohne Arbeit nicht vielleicht ehrvoller war als das mit dieser Art von Job.
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