Komödie | Schweden 2014 | 98 Minuten

Regie: Maria Blom

In der schwedischen Stadt Falun wird eine unsichere, gehemmte Krankenschwester Mitte 40 von ihrem Ehemann verlassen und lernt nur mühsam, dass sie sich nicht nur um andere, sondern sich auch um sich selbst zu kümmern hat. Die Komödie skizziert mit warmherzigem Galgenhumor ein psychologisch fein austariertes Porträt, das vor Pathos und großen Gefühlen nicht zurückschreckt, aber auch Platz für Slapstick und sozialkritische Töne lässt. Getragen wird der Film von seiner glänzenden Hauptdarstellerin, die die Atmosphäre zwischen Tragik und Komik wunderbar ausbalanciert. - Sehenswert ab 12.
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Filmdaten

Originaltitel
HALLÅ HALLÅ
Produktionsland
Schweden
Produktionsjahr
2014
Produktionsfirma
Memfis Film
Regie
Maria Blom
Buch
Maria Blom
Kamera
Ari Willey
Musik
Anders Nygårds
Schnitt
Kristin Grundström
Darsteller
Maria Sid (Disa) · Johan Holmberg (Kent) · Calle Jacobsson (Laban) · Gunilla Nyroos (Ditte) · Ann Petrén (Irene)
Länge
98 Minuten
Kinostart
19.11.2015
Fsk
ab 0; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 12.
Genre
Komödie
Externe Links
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Warmherzige schwedische Komödie und ein psychologisch fein austariertes Frauenporträt

Diskussion
Ihr „Hallo Hallo“ ist mehr eine Frage als ein Gruß. Man sieht ihr die Unsicherheit schon an, bevor Disa überhaupt etwas von sich gibt. Nette Sachen sagt die Frau Mitte 40 gerne zweimal, schon zur Selbstvergewisserung und damit sie vielleicht doch jemand hört; sie geht vorsorglich in die Defensive, selbst wenn es keinen Grund dafür gibt. Selbstbestimmtheit, Meinungsstärke oder gar die Offensive sind nichts für Disa. In ihrem vierten Spielfilm entwirft die schwedische Regisseurin Maria Blom das Bild einer zutiefst verunsicherten Figur, von der selbst ihre beiden kleinen Töchter nicht viel halten. Disa ist eher soziophob; Freunde hat sie keine. Die Trennung vom Mann ihres Lebens, den sie seit der Schulzeit kennt, hat sie schwer beschädigt. Sie arbeitet als Krankenpflegerin, aufopferungsvoll; sie ist Mutter, aufopferungsvoll, aber abwesend; sonst hat sie nichts. „Hallo Hallo“ ist dennoch ungeheuer unterhaltsam und komisch, denn Blom inszeniert den von ihr auch geschriebenen Film wie schon „Zurück nach Dalarna!“ (fd 37 468) als einfühlsame Komödie und nicht als Drama. Sie etabliert so etwas wie warmherzigen Galgenhumor. Zugleich sind alle Figuren psychologisch fein austariert und in der Realität verankert. Die Inszenierung verweigert sich gängigen Erwartbarkeiten und schafft auf diese Weise eine, insbesondere im Rahmen einer Komödie, ungewöhnlich wahrhaftige Identifikationsfläche. Die Dialoge sind, ebenso wie die Beziehungen, aus dem Leben gegriffen: Etwa wenn Disas überkritische Mutter auf Besuch kommt und den Wischlappen in einem nicht goutierbaren Zustand vorfindet. „Den musst du wenigstens einmal die Woche heiß waschen! Ich schmeiß’ ihn jetzt weg.“ So geht das in einem fort. Ihr Nordic-Walking-Ausflug mit der Mutter in eine pittoreske Kupfermine markiert dann den Wendepunkt: Hier wehrt sich Disa zum ersten Mal, sie schubst ihre Mutter in einer herrlich giftig-komischen Szene einfach von sich weg – mit Worten geht das noch nicht so gut. Als Nebenschauplatz fungieren das Krankenhaus und das Pflegepersonal, mit dem Disa zusammenarbeitet. Die Angestellten kennen sich schon lange; zotige Witze und Kalauer sind also an der Tagesordnung, insbesondere, da die Nerven blank liegen. Es muss gespart werden, Kündigungen sind nur eine Frage der Zeit. Hier schlägt die Regisseurin auch sozialkritische Töne an. Die Begegnung mit einer alten Patientin fungiert als Innenschau. In diesem Zusammenhang fallen auch pathetische Sätze, was jedoch überhaupt nicht deplatziert oder überlebensgroß wirkt, da der Humor bald als Bruch zur Stelle ist. Slapstick kommt auch nicht zu kurz: Disa entscheidet sich spontan für einen Selbstverteidigungskurs in der israelischen Kampftechnik Krav Maga; sie vermöbelt dort mit Zahnschutz und Boxhandschuhen die anderen Kursteilnehmer, bis sich ihr Lehrer als Ziel für die aufgestaute Wut zur Verfügung stellt. Gespielt wird Disa von der Finnin Maria Sid, die in ihrer Heimat ein Star ist und sehr sexy und extrovertiert auftritt. Es bereitet ihr sichtlich Freude, die kontrapunktische Rolle auszugestalten und Schritt für Schritt (oder Schlag für Schlag) die Wandlung der Protagonistin nachvollziehbar zu machen. Sid trägt den Film; sie balanciert die Atmosphäre zwischen Tragik und Komik. Die anderen Figuren, vom attraktiven Single mit Kinderschar und vier Ex-Frauen bis zur kichersüchtigen Freundin, sind eher auf der Komödienseite angesiedelt, aber keineswegs eindimensional. „Hallo Hallo“ spielt in Falun in der Provinz Dalarna. Hier finden regelmäßig Skiweltmeisterschaften statt. So steht Disa am Anfang auf der Skischanze und schreit ihren Frust in den Himmel über der Stadt, in der sie eigentlich nie leben wollte. „Hallo Hallo“ ist ein hoffnungsfroher Film. Deshalb fällt dann am Ende auch Mal ein „Hallo“.
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