Dorf der verlorenen Jugend

Drama | Dänemark/Großbritannien 2015 | 104 Minuten

Regie: Jeppe Rønde

Eine junge Frau zieht an die Südküste von Wales, wo eine Kleinstadt von einer mysteriösen Selbstmordwelle erschüttert wird. Während ihr Vater als neuer Polizeichef den Grund dafür herauszufinden versucht, gerät sie in den Sog einer Gruppe, die im Wald obskure Gedenkrituale abhält. Obwohl der morbide Kult sie befremdet, verliebt sie sich in einen der Jungen. Fesselnder, auf wahren Begebenheiten beruhender Mystery-Thriller, der die Gruppendynamik in suggestive Bilder und Klänge fasst. Erzählt aus jugendlicher Perspektive, bleibt vieles offen, womit der Film der Wahrheit womöglich aber am nächsten kommt. - Ab 16.
Zur Filmkritik

Filmdaten

Originaltitel
BRIDGEND
Produktionsland
Dänemark/Großbritannien
Produktionsjahr
2015
Produktionsfirma
Blenkov & Schønnemann Pic./Four Sons Pic.
Regie
Jeppe Rønde
Buch
Jeppe Rønde · Torben Bech · Peter Asmussen
Kamera
Magnus Nordenhof Jønck
Musik
Mondkopf
Schnitt
Oliver Bugge Coutté
Darsteller
Hannah Murray (Sara) · Josh O'Connor (Jamie) · Adrian Rawlins (Vikar) · Patricia Potter (Rachel) · Steven Waddington (Dave)
Länge
104 Minuten
Kinostart
10.12.2015
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Jugendfilm
Externe Links
IMDb | TMDB

Mystery-Thriller aus Wales nach wahren Begegenheiten

Diskussion
Die überwucherten Schienen führen ins Nichts, in einen dunklen Wald. Ein Hund läuft auf das schwarze Loch zu, die Kamerafahrt und der leise raunende Sound suggerieren einen Sog. Das erste Bild in „Dorf der verlorenen Jugend“ von Jeppe Rønde gehört der Natur. Es wird im Laufe des Films wiederkehren. Im Original heißt der Film „Bridgend“, nach dem County an der Südküste von Wales, in dem er spielt. „Dorf der verlorenen Jugend“ beruht auf den tragischen Ereignissen, die dort im Jahr 2007 ihren Anfang nahmen: eine bis heute nicht abreißende Serie von Suiziden unter Jugendlichen, die meisten von ihnen im Alter von 13 bis 17 Jahren. 79 sind es inzwischen. Sie hinterließen in der Regel keinen Abschiedsbrief; nahezu alle haben sich erhängt. Ein Team aus Psychologen und Polizisten ermittelte; es gab ein großes, auch internationales Medieninteresse an dem Fall. Der dänische Dokumentarist Jeppe Rønde ist sechs Jahre lang immer wieder nach Bridgend gefahren, um zu recherchieren und mit den Jugendlichen zu sprechen. Der lange Zeitraum war allein schon zur Vertrauensbildung notwendig: Reporter, insbesondere der Yellow Press, seien auf der Jagd nach Zitaten in Scharen in die Stadt eingefallen, berichtet Rønde in einem Interview. Eine entsprechende Szene, bei der ein Journalist physisch daran gehindert wird, zu fotografieren, findet sich auch im Film. Für das Drehbuch, das Rønde gemeinsam mit Torben Bech und Peter Asmussen schrieb, wurden die persönlichen Erzählungen der Jugendlichen zu neuen Figuren verdichtet, allerdings nicht im Sinne des „cinéma vérité“ oder anderer dokumentarischer Mischformen. „Dorf der verlorenen Jugend“ ist vielmehr ein Genrefilm, ein fesselnder Mystery-Thriller mit Horrorelementen, der auch deshalb verstört, weil er sehr offen bleibt (und so möglicherweise der Wahrheit Raum gibt). Sara zieht mit ihrem Vater aus Bristol in ein kleines Dorf in Bridgend County. Geduckte Backsteinhäuser drängen sich dort vor dunklen Hügeln. Ihr Vater ist Ermittler, er soll ergründen, was die Jugendlichen antreibt, ob eine Verschwörung im Internet dahintersteckt. Doch Saras Vater ist erwachsen, er findet keinen Zugang zu den Jugendlichen, wie alle anderen Erwachsenen im Ort. Die Figuren der Erwachsenen bleiben eindimensional, die von Saras Vater Dave wird es, was mitnichten eine Schwäche des Films ist; der Regisseur macht sich hier die subjektive Perspektive der Jugendlichen zu eigen. Sehr deutlich thematisiert er einen Generationenbruch. Sara entfremdet sich von ihrem Vater, sie sprechen immer weniger miteinander. In einer Szene sitzt sie auf ihrem Bett, und er fragt von draußen, wie es ihr gehe; auch wenn sie sich früher danach gesehnt haben mag – jetzt ist es zu spät, Dave ist eine Stimme aus dem Off, Sara ist schon ganz woanders. Formal ist der Film sehr dicht komponiert. Der Score des französischen Musikers und Elektro-Produzenten Mondkopf und die ästhetisch choreografierten Einstellungen und Bilder, der Nebel, die gedeckten Farben, die jeden Rotton und vor allem jedes Rosa auffällig deplatziert leuchten lassen: alles fließt zusammen; der Druck der Gruppendynamik, ihr unausweichliches, dunkles Verführungspotential, der Abgrund wird spürbar. Gedreht wurde vor Ort, viele Neben- und Statistenrollen sind mit Menschen aus der Region besetzt. Die Mischung mit professionellen Schauspielern funktioniert. Hannah Murray aus „Game of Thrones“ spielt die Sara, was gut zur Genrehaftigkeit passt. Saras Wandlung, ihr „Coming-of-Age“, an dessen Beginn ein Pferdemädchen stand (Sara hat einen Apfelschimmel), interpretiert sie sehr zurückgenommen; vieles läuft über ihre Blicke, die von der Kamera aufgegriffen und damit auch zu denen der Zuschauer werden. Sara ist nun Teil der Gruppe und gerät in den Sog ihrer tödlichen Dynamik. Sie verliebt sich in den sensiblen Jamie, Sohn des bigotten Vikars. Es sind vor allem junge Männer, die sich im Wald am See treffen und rituell die Namen der Toten heulen. Das Anfangsbild der überwucherten Schienen ist wieder zu sehen. Die Kamera fährt jetzt zurück. Aus dem schwarzen Loch, dem Tunnel des Dickichts, brechen die Jugendlichen hervor, wie ein Wolfsrudel. Dazu hört man die Worte des Vikars aus einer Beerdigung: „Um Trost zu finden in diesen schwierigen Zeiten, müssen wir uns Gott zuwenden.“
Kommentar verfassen

Kommentieren