Janis: Little Girl Blue

Musikdokumentation | USA 2015 | 103 Minuten

Regie: Amy J. Berg

Sorgfältig gestalteter Dokumentarfilm über die US-amerikanische Blues- und Rock-Sängerin Janis Joplin (1943-1970), angereichert mit umfangreichem Archivmaterial und vielen Interviews. Dabei zwängt er die Künstlerin in keine Klischees, macht vielmehr differenziert den Zwiespalt zwischen ihrer inneren Einsamkeit und ihrer enormen Bühnenpräsenz nachvollziehbar. In der chronologischen Rekonstruktion ihrer unglücklichen Biografie werden nicht nur die Widersprüche ihres Lebens, sondern auch jene der damaligen Zeit sichtbar. - Sehenswert ab 14.
Zur Filmkritik

Filmdaten

Originaltitel
JANIS: LITTLE GIRL BLUE
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2015
Produktionsfirma
Disarming Films/Jigsaw Prod./Thirteen Prod.
Regie
Amy J. Berg
Buch
Amy J. Berg
Kamera
Francesco Carrozzini · Paula Huidobro · Jenna Rosher
Musik
Joel Shearer
Schnitt
Billy McMillin · Garret Price · Joe Beshenkovsky
Länge
103 Minuten
Kinostart
14.01.2016
Fsk
ab 0; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Musikdokumentation
Externe Links
IMDb | TMDB | JustWatch

Heimkino

Verleih DVD
good! movies
DVD kaufen

Sorgfältig inszenierte Doku über die Hippie-Ikone Janis Joplin

Diskussion
Es ja schon einige Zeit her, als das Album „Pearl“ von Janis Joplin in jeder besseren Plattensammlung nicht fehlen durfte. Hört man die aus dem texanischen Port Arthur stammende Sängerin heutzutage einmal im Radio, handelt es sich zumeist um „Me And Bobby McGee“, ihre fulminante Interpretation des Kris-Kristofferson-Klassikers. Oder um „Mercedes Benz“. Oh, Lord! Ist es also hohe Zeit, die große Blues- und Rocksängerin, die am 4. Oktober 1970 im Alter von 27 Jahren an einer Überdosis starb, in Erinnerung zu rufen? Bereits die Dokumentation „Janis – Die Janis Joplin-Story“ (fd 23 596) aus dem Jahr 1974 kam hierzulande ja erst mit deutlicher Verspätung in die Kinos. Kann die Sängerin als exemplarisches Beispiel für eine selbstbewusste Künstlerin gelten, die in den 1960er-Jahren in dem von Männern dominierten Musikbusiness Karriere machte? Ganz sicher ist sich die sorgfältig gearbeitete Dokumentation von Amy Berg auch da nicht, zumal sie die Künstlerin auf eine angenehme Weise zurückhaltend auf Distanz hält und sie nicht zu einer Repräsentantin für irgend etwas zu machen („the quintessential middle-class-misfit“, wie Joplin einmal in einer Fernsehdokumentation genannt wurde). Janis Joplin hatte das große Glück, dass ihr die prosperierende Gegenkultur der Hippie-Zeit einen Platz bot, an dem sie ungewöhnliches Talent zumindest für kurze Zeit ausleben konnte, wenngleich sie selbst in ihrer Selbstwahrnehmung der „All American Girl“-Idee verhaftet blieb und ihren Eltern brav Briefe nach Hause schrieb, in denen sie um Anerkennung kämpfte. Joplins Biografie, wie sie der Film unter Einbezug von reichlich Archivmaterial und mit teilweise widersprüchlichen Interviews überlebender Zeitzeugen wie Bob Weir, Dick Cavett oder Country Joe McDonald rekonstruiert, ist durchaus schmerzhaft und zeugt von großen Verletzungen und Verunsicherungen. Ihre Jugend in der texanischen Provinz muss wohl als traumatisch bezeichnet werden. Joplins unkonventionelles Verhalten eckte an und wurde mit offenem Sexismus gekontert. Auf dem College, wo sie bereits ein Faible für den Blues und Beatnik-Literatur entwickelte, wählten sie ihre Kommilitonen zum „hässlichsten Jungen des Jahrgangs“. Doch ein erster Versuch, in Kalifornien eine Boheme-Existenz zu führen, endet als Desaster. Ihre Freunde schicken sie nach Hause zurück, weil sie dabei war, sich mit Drogen und Alkohol zu ruinieren. Erst beim zweiten Anlauf gelang die Karriere. Doch spätestens nach ihrem legendären Auftritt beim Monterey Pop Festival 1967 war Joplin zu groß für ihre Band Big Brother And The Holding Company, mit der sie ein Star geworden war. Ihre Solo-Karriere in anderen Band-Konstellationen war ein stetes Auf und Ab, immer verbunden mit Drogen- und Alkoholproblemen. Ihre prinzipielle Unsicherheit und Einsamkeit konnte Janis Joplin anscheinend nur auf der Bühne vor Publikum ablegen. Weil der Film chronologisch erzählt wird, werden die zahllosen Verletzungen und Frustrationen sehr deutlich, wenngleich sich Joplin in der Öffentlichkeit ganz anders präsentiert als in den Briefen an die Eltern. Wer mit der Biografie der Janis Joplin vertraut ist, wird in „Janis: Little Girl Blue“ nicht allzu viel Neues entdecken, zumal das Material aus Filmen wie D.A. Pennebakers „Monterey Pop“ (fd 16 986) oder „Festival Express“ (1983) von Bob Smeaton und Frank Cvitanovich) einschlägig ist. Gleichwohl rückt die filmische Rekonstruktion von Amy Berg eine zutiefst unglückliche Biografie in den Fokus, die tatsächlich an den Verhältnissen scheiterte und auch an den Aporien des Zeitgeistes, der mehr von Befreiung schwärmte, als er de facto einzulösen vermochte. Das Glück, das Janis Joplin auf der Bühne mit ihrer Performance zu teilen verstand, war jenseits der Öffentlichkeit für sie nicht zu haben.
Kommentar verfassen

Kommentieren