Drama | Portugal/Frankreich/Brasilien 2016 | 118 Minuten

Regie: João Pedro Rodrigues

Ein Ornithologe gerät auf der Suche nach seltenen Schwarzstörchen mit seinem Kajak in gefährliche Stromschnellen. Nach seiner Rettung durch zwei chinesische Pilgerinnen kommt er immer mehr vom Weg ab und erlebt bizarre Begegnungen, die ihn zu einem anderen Menschen werden lassen. Der portugiesische Filmemacher João Pedro Rodrigues variiert die Legende des heiligen Antonius in Form eines surrealen Stationendramas mit queeren Motiven. Der lustvoll fabulierende Film mixt Märtyrer-, Auferstehungs- und Doppelgänger-Motive mit zärtlich-blasphemischen Gesten und feiert die wundersamen Kräfte der Transformation. - Sehenswert.

Filmdaten

Originaltitel
O ORNITÓLOGO
Produktionsland
Portugal/Frankreich/Brasilien
Produktionsjahr
2016
Regie
João Pedro Rodrigues
Buch
João Pedro Rodrigues · João Rui Guerra da Mata
Kamera
Rui Poças
Musik
Séverine Ballon
Schnitt
Raphaël Lefèvre
Darsteller
Paul Hamy (Fernando) · Xelo Cagiao (Jesus) · João Pedro Rodrigues (Antonius) · Han Wen (Fei) · Chan Suan (Ling)
Länge
118 Minuten
Kinostart
13.07.2017
Fsk
ab 16; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert.
Genre
Drama

Heimkino

Verleih DVD
Salzgeber (16:9, 1.78:1, DD5.1 port. & engl. & Latein & Mandarin & Mirandes)
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Diskussion
Seit seinem Debütfilm „O Fantasma“ (2000), in dem sich ein homosexueller Müllarbeiter über verschiedene Stadien des animalischen, fetischhaften und dinghaften Begehrens in ein anorganisches Latex-Wesen verwandelte, erzählt der portugiesische Filmemacher João Pedro Rodrigues von den Wundern der Transformation. In „Der Ornithologe“ ist die wundersame Verwandlung religiös bzw. mythengeschichtlich verankert. Der Film ist eine queere Variation auf die Geschichte des Heiligen Antonius, ein Mythos, der in der portugiesischen Kultur und Gesellschaft von großer Bedeutung ist. Schon seit langem beschäftigt sich Rodriguez mit der Legende der Antonius-Figur, unter anderem im Kurzfilm „Morning of Saint Anthony’s Day“ (2012). Über den portugiesischen Franziskanermönch, Theologen, Prediger des 13. Jahrhunderts (und Schutzpatron der Reisenden) ist überliefert, dass er auf einer Pilgerfahrt mit seinem Boot von der stürmischer See erfasst und an die Küste Sizilien getrieben wurde. Auch soll ihm eines Nachts das Jesuskind in seinen Armen erschienen sein. Die Legende sagt weiterhin, dass er mit den Fischen sprach. Zunächst aber weist nichts auf eine Heiligengeschichte hin. Rodrigues situiert die Geschichte in der Gegenwart, Hauptfigur ist Fernando, ein schwuler Ornithologe, der auf der Suche nach seltenen Schwarzstörchen mit seinem Kajak auf einem abgelegenen Fluss unterwegs ist. Der Film beginnt als imposanter Naturfilm in prächtigem CinemaScope, aber auch als kleine Abhandlung über die Schaulust. So teilt man mit Fernando den Blick durch sein Fernglas, eine Analogie zur filmischen Apparatur, und betrachtet in stiller Komplizenschaft verschiedene Vögel aus nächster Nähe im Wasser, beim Flug oder beim Balzen. Doch der scheinbar neutrale Wissenschaftsblick hat einen voyeuristischen Touch: „20. Juni, 10.30 Uhr. Die Steinadlerküken haben ihr Nest am Teufelsberg verlassen, aber sie bleiben in der Umgebung“, hält Fernando auf seinem Diktiergerät fest. Der Naturfilm gerät bald aus dem Gleichgewicht. Buchstäbliche Vogelperspektiven erschüttern Fernandos Blickautorität, zudem transformiert sich der Film nach einer wilden Passage durch lebensgefährliche Stromschnellen in einen Abenteuerfilm. Doch auch dieser rutscht bald aus seinem Rahmen, um sich nach einem kurzen Flirt mit dem Western-Genre in eine religiös-mystische Fabel zu verwandeln. Erzählt wird in Form eines mit surrealen Begegnungen durchmischten Stationendramas. Auf seiner Reise trifft Fernando Figuren, die mal mehr, mal weniger von dieser Welt sind. Etwa Lin und Fei, zwei lesbische Pilgerinnen aus China, die sich auf dem Jakobsweg verlaufen haben. Oder pinkelnde Waldgeister, Latein sprechende Amazonen und ein taubstummer Hirte mit Lockenmähne, der einem Film von Pasolini entsprungen scheint. Mit dem schönen Hirten, der auf den Namen Jesus hört, genießt er ein süßes sexuelles Glück am Flussufer. Wenig später aber ist Jesus tot, tritt jedoch in Gestalt eines Doppelgängers erneut in Erscheinung. Fernando, der anfangs alles Metaphysische als Humbug abgetan hat, muss einsehen: „Die Chinesinnen hatten Recht, hier geht etwas Seltsames vor.“ „Der Ornithologe“ ist die hinreißende Geschichte einer heidnisch-religiösen wie sexuellen Initiation, einer kathartischen Ich-Findung – von Fernando zu Antonio. Dieser Prozess hat etwas zutiefst Lustvolles: eine Katharsis durch Vermischung, nicht durch Reduktion oder Reinigung. Der Regisseur, der früher selbst Ornithologe werden wollte und Spuren seiner Autobiografie in den Film webt, mixt Märtyrer-, Auferstehungs- und Doppelgänger-Motive mit zärtlich-blasphemischen Gesten. Dabei geht es nicht um die Dekonstruktion oder Diskreditierung des einen durch das andere. Die erotisch-sexuellen Subtexte, etwa sado-masochistische Lust, sind in den Mythen und Ikonografien ohnehin schon angelegt, etwa im Motiv des Heiligen Sebastian (eine schwule Ikone), in dessen Pose sich Fernando in Gefangenschaft der Chinesinnen wiederfindet. João Pedro Rodrigues lässt das Mythenmaterial auf seinem fantastischen Komposthaufen ungehemmt wachsen und gedeihen. Was daraus hervorgeht, ist bizarr, komisch und schön.
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