The Woman Who Left

Drama | Philippinen 2016 | 226 Minuten

Regie: Lav Diaz

Eine Frau wird nach 30 Jahren als unschuldig aus einem philippinischen Gefängnis entlassen, weil die wahre Täterin ein Geständnis abgelegt hat. Zunächst fällt sie in Ohnmacht und irrt auf der Suche nach ihrem verschollenen Sohn verloren umher. Bis es sie zu jenem Mann treibt, der sie aus Eifersucht fälschlicherweise hinter Gitter gebracht hatte. Auf der Suche nach Rache lernt sie einen Händler, eine Obdachlose und eine Prostituierte kennen; außerdem schreibt sie mit großen Regelmäßigkeit in ein Buch. In kunstvollen schwarzweißen Tableaus umkreist der vierstündige Film mit großer Empathie eine um ihr Leben betrogene Frau beim Versuch, sich aus dem Schatten des Vergangenen zu lösen. Der lose auf einer Erzählung von Tolstoi beruhende Film entwickelt sich darüber zu einem berührenden Panorama der Verlierer innerhalb der philippinischen Gesellschaft.

Filmdaten

Originaltitel
ANG BABAENG HUMAYO
Produktionsland
Philippinen
Produktionsjahr
2016
Regie
Lav Diaz
Buch
Lav Diaz
Kamera
Lav Diaz
Schnitt
Lav Diaz
Darsteller
Charo Santos-Concio (Horacia / Renata) · John Lloyd Cruz (Hollanda) · Michael de Mesa (Rodrigo) · Shamaine Centenera-Buencamino (Petra) · Noni Buencamino (Magbabalot)
Länge
226 Minuten
Kinostart
04.02.2018
Fsk
Genre
Drama
Diskussion
Den ganzen Film über ist Horacia damit beschäftigt, ein Buch zu verfassen. Wieder und wieder sieht man sie an einem Tisch sitzen und konzentriert Zeile um Zeile niederschreiben. Eine Stimme aus dem Off liest dazu den Text. Es scheint sich um einen Roman zu handeln, dessen genaues Thema man aus den kurzen Exzerpten aber nicht erschließen kann. Die Arbeit am Buch stellt eine Kontinuität her zwischen dem Gefängnis, in dem sie sich zu Filmbeginn befindet, und der Freiheit, in die sie nach 30-jähriger Haft entlassen wird – weil die wahre Täterin aus heiterem Himmel den Mord gesteht, der Horacia in die Schuhe geschoben wurde. Während man also den Weg dieser Frau verfolgt, bleibt das Buch, das sie schreibt, das Geheimnis der Autorin. Sein Sinn besteht vielleicht vor allem darin, dass Horacia in den Szenen, in denen sie schreibt, ganz bei sich und für sich selbst ist, sich nur vor sich selbst zu verantworten hat. Diese Autonomie steht in harschem Kontrast zum Rest ihres Lebens, das sich, ob sie es will oder nicht, an den Menschen ausrichtet, die sie umgeben. Die ersten Szenen zeigen sie im Gefängnis, nicht als vereinzelte, isolierte Gefangene, sondern als integralen Teil einer Gemeinschaft: Sie liest ihren Mitgefangenen Geschichten vor oder unterrichtet sie in Grammatik und Chemie. In diesen wenigen, ruhigen, seltsam harmonisch, aber gleichzeitig sediert anmutenden Einstellungen gelingt es dem philippinischen Regisseur Lav Diaz, die 30 Jahre spüren zu lassen, die Horacia hier verbracht hat. Jede Geste ist genau so schon hundertmal gemacht, jedes Wort tausendmal gesprochen worden. Es verwundert nicht, dass Horacia erst einmal in ein Loch beziehungsweise in Ohnmacht fällt, als sie von ihrer baldigen Entlassung hört. Mit leerem Gesicht sitzt sie neben einer an ihrer Stelle in Tränen ausbrechenden Wärterin im Gefängnishof. Dann sieht man sie in Freiheit, zunächst in der Stadt, am Rand einer belebten Straße, später in ihrem ehemaligen Haus, das ihr fremd geworden ist. In diesen Bildern ist das Kino von Lav Diaz ganz bei sich: Figuren, die sich langsam und ohne klares Ziel durch unwirtliche, unlesbare Schwarz-Weiß-Tableaus bewegen und vom Gewicht der Welt erschlagen zu werden drohen. In gewisser Weise sind bei Diaz alle Figuren unbehaust, immer und überall. Horacia versucht erst gar nicht, in ihrem alten Leben Fuß zu fassen. Stattdessen macht sie sich auf eine doppelte Mission. Zum einen möchte sie ihren verschollenen Sohn finden, zum anderen will sie sich an dem Mann rächen, dem sie die Haftstrafe verdankt. Ihr Ex-Freund Rodrigo Trinidad hatte ihr damals den Mord angehängt. Jetzt lebt er, ein reicher, krimineller Geschäftemacher, von schwer bewaffneten Wachen beschützt, in einem teuren Anwesen. Horacia hängt in der Nachbarschaft ab und beginnt ihn zu beschatten. Eine einzelne Hauptfigur, die den Film von Anfang bis Ende dominiert und die über eine vergleichsweise stabile, nachvollziehbare Motivation verfügt. Im Vergleich zu seinen jüngsten Filmen, in denen sich die Figuren teilweise stundenlang in ihren Privatobsessionen oder im visuell undurchdringlichen philippinischen Dschungel verirrten, scheint Lav Diaz hier eine geradlinige Geschichte zu erzählen; als Vorlage diente, zumindest streckenweise, die Tolstoi-Erzählung „Der Verbannte“. Auf „The Woman Who Left“ passt freilich dessen englischer Titel besser: „God Sees the Truth But Waits“. Denn entscheidend ist für Diaz nicht die Rache, sondern das Warten auf die Rache, beziehungsweise das, was der Rache dazwischen kommt. Dazwischen kommen Horacia vor allem andere Menschen. In den Straßen vor Trinidads Haus macht sie die Bekanntschaft mit einem buckligen Straßenhändler, der seine Ware mit Vorliebe in fast menschenleeren, schlecht beleuchteten Straßenzügen verkauft; sie lernt eine verwahrloste Obdachlose auf der Flucht vor Dämonen kennen sowie eine Transgender-Prostituierte, die von epileptischen Anfällen heimgesucht wird und in einer denkwürdigen Szene mitten auf der Straße zu tanzen beginnt, unsicher stolpernd und doch seltsam elegant. Die meisten der Menschen, mit denen sich Horacia zusammentut, sind Geschöpfe der Nacht, und zu einem solchen wird sie selbst, wenn sie, mit Sneakers, Karo-Hemd und Schildkappe bekleidet, durch dunkle Straßen huscht, wie ein Undercover-Agent auf geheimer Mission. Tagsüber ist sie jedoch nach wie vor eine hilflose, von aller Welt verlassene Frau fortgeschrittenen Alters. Außerdem schreibt sie ihr Buch. Horacia bleibt bis zum Schluss des fast vierstündigen, aber keinen Moment langatmigen Films eine unberechenbare Heldin. „The Woman Who Left“ ist ein Film über eine Frau, die einen entscheidenden Schritt getan hat: hinaus aus der Gesellschaft, aber auch aus ihrem eigenen Selbst. Einerseits ist sie eine in sich selbst instabile Gestalt, mal barmherzige Samariterin, mal Racheengel, mal einfach nur eine jener im großstädtischen Alltag ebenso allgegenwärtigen wie unsichtbaren Existenzen, die am Rand der Straße auf einer Bank erschöpft einschlafen; andererseits wird sie dank Diaz’ geduldigem Blick zu einer integrativen Figur, die die verschiedenen Arten von Außenseiterschaft zu einem eindrücklichen Panorama vereint, als eine Art Negativabdruck der philippinischen Gesellschaft.
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