Drama | Mexiko/Dänemark/Frankreich/Deutschland/Norwegen/Schweiz 2016 | 98 Minuten

Regie: Amat Escalante

Eine Mischung aus schonungslosem Realismus, Science-Fiction- und Horrorelementen mit pornografischen Einschüssen um Menschen aus einer mexikanischen Kleinstadt und einen absonderlichen außerirdischen Besucher. Der unerfüllte Alltag eines Ehepaars ist von Einsamkeit und unterdrückten Trieben geprägt; auch andere Figuren aus ihrem Umfeld tragen schwer an ihren Problemen. Dann aber macht die Frau Bekanntschaft mit einem Alien, das als fleischgewordene Einheit aus Eros und Thanatos die traditionelle Ordnung auf den Kopf stellt. Der Film entwirft ein widersprüchliches Szenario über Liebe und Lust, in dem das Tentakel-Wesen als Katalysator eines ambivalenten Ausbruchs aus zivilisatorischen Zwängen fungiert. Ein raues filmisches Kuriositätenkabinett, das in einer Mischung aus Schock und morbider Neugier kulturkritische Themen auf interessante Weise anreißt, allerdings nicht ganz in den Griff bekommt.

Filmdaten

Originaltitel
LA REGIÓN SALVAJE
Produktionsland
Mexiko/Dänemark/Frankreich/Deutschland/Norwegen/Schweiz
Produktionsjahr
2016
Regie
Amat Escalante
Buch
Amat Escalante · Gibrán Portela
Kamera
Manuel Alberto Claro
Schnitt
Fernanda de la Peza · Jacob Secher Schulsinger
Darsteller
Ruth Ramos (Alejandra) · Simone Bucio (Veronica) · Jesús Meza (Angel) · Eden Villavicencio (Fabian) · Andrea Peláez (Angels Mutter)
Länge
98 Minuten
Kinostart
11.01.2018
Fsk
ab 16; f
Genre
Drama | Horrorfilm | Science-Fiction-Film
Diskussion
Ein schwarzer Meteor aus der Leere des Alls: So kommt das Ungezähmte in die Welt, ohne Vorwarnung oder Erklärung. „The Untamed“ offenbart sich in dem Horrordrama des mexikanischen Regisseurs Amat Escalante als außerirdische Tentakel-Kreatur. Eine fleischgewordene Einheit aus Eros und Thanatos, die unvorstellbare Lust bereitet, aber auch töten kann, angesiedelt irgendwo zwischen den Geschichten H.P. Lovecrafts und den erotischen Holzschnitten Hokusais. Sein Hüter nennt es einmal „die primitive Seite von allem“, und so erzählt der Film weniger von einer extraterrestrischen Invasion als vielmehr von der Rückkehr des Primordialen in die gefassten Zustände der modernen Zivilisation. Langsam dringen die Tentakel (echte wie metaphorische) in den Alltag einer mexikanischen Kleinstadt ein, deren Bewohner wie in einer Telenovela leben. Eine junge Mutter fühlt sich weder durch die Arbeit in der Süßwarenfabrik ihrer Schwiegermutter noch durch Ehe und Kinder ausgefüllt. In einer Sexszene zu Beginn des Films gerät ihr Gatte Ángel kein einziges Mal in den Fokus; die Bilder verneinen jede Vereinigung zwischen den beiden. Ángels eigentliches Objekt der Begierde ist der Krankenpfleger Fabián, der sich jedoch mit der mysteriösen Veronica anfreundet, die eine Verletzung durch die Kreatur erlitten hat. Nach einer langen Beziehung scheint das Wesen neuer Liebhaber zu bedürfen, entpuppt sich bei der Partnerwahl aber als äußerst wählerisch. Ein Wissenschaftler und seine Frau erforschen und versorgen es. Liebe und Lust werden in dieser Welt von konservativer Moral und starren Rollenbildern unterdrückt. Ángel schläft zwar mit Männern, doch er sorgt sich, dass homosexuelle Besucher seine Kinder „anstecken“ könnten; überdies verspottet er Fabiáns „unmännliche“ Tanzbewegungen. Alle Familien sind dysfunktional, Eltern verstoßen ihre Kinder wegen irgendwelcher Fehltritte, viele Freundschaften sind flüchtig. Die Inszenierung zerstört die Telenovela-Blasen, indem Elemente eines realistischen Dramas mit denen von Science-Fiction und Horror kollidieren. Bedrohlich langsame Zooms und schleichende Kamerafahrten zu dissonanter Musik unterbrechen gewöhnliche Dialogaufnahmen. Das Unheimliche, so behaupten es solche Parallelisierungen, ist auch ohne Monster zu finden, im Trivialen. Damit stellt der Film kurioserweise seine eigene Beschaffenheit in Frage: Wieso bedarf es überhaupt einer externen, übernatürlichen Kraft, wenn die Gesellschaft das Kreatürliche in sich ohnehin unterdrücken muss? Monster und monströses Leben geraten in „The Untamed“ zu keinem Zeitpunkt in Widerspruch, sondern zermahlen die Figuren zwischen sich, als wären sie freudianisches Über-Ich und Es. Handlung und Figurenentwicklung verlaufen diffus, als gäbe es jenseits der Prämisse keine klare Vision. Wie im klassischen Slasher-Film treffen die vier Protagonisten nacheinander auf die Kreatur. Mancher überleben die Begegnung, andere nicht. Der Tod scheint jedoch nie das Ziel zu sein, sondern wirkt eher wie ein Nebenprodukt der Vereinigungen, Folge einer zu hohen Intensität. Es bleibt offen, welche Hintergedanken Veronica und das Ehepaar, das die Kreatur erforscht, dazu verleiten, diese Kontakte herzustellen. Die Inszenierung häuft Aporie auf Aporie, ohne sich je wirklich den präsentierten Themen zu nähern. Sexualität wird als Gefahr, aber auch als Teil eines emanzipatorischen Projekts inszeniert, ohne dass über diesem inneren Widerspruch etwas Interessantes herausspringen würde. Mehrmals wird die Befriedigung durch das Monster in Kontrast zur alltäglichen Frustration gesetzt. Eine vage Sehnsucht nach einem instinktiven, ursprünglichen Leben scheint auf. Einmal präsentiert der Film die Natur als eine Art gewaltige Orgie. Auf einer Lichtung versammeln sich zahllose Tiere, jeweils in Paaren, wie in einem pornographischen Zerrbild der Arche-Noah-Geschichte. Ein problematisches Bild: Wer alternative Lebensentwürfe durch Naturalisierung zu rechtfertigen versucht, arbeitet eher auf dem Argumentationslevel seiner Gegner. Man könnte das Ungezähmte sicherlich auch als göttliche Strafe begreifen, um Andersartiges durch Abweichung auszulöschen. Allerdings werden nur die xenosexuellen Vereinigungen der Frauen gezeigt, bei den Männern blendet die Kamera ab. In letzter Konsequenz gleicht der Film einem Kuriositätenkabinett. Die große Faszination des Anderen liegt in seinem Schauwert, in einer Mischung aus Schock und morbider Neugier. Im Gegensatz zum Vorbild, Andrzej Żuławskis „Possession“ (1981), fehlen Escalante Radikalität und die Fähigkeit, die eigenen Ideen und Bildwelten weiterzuentwickeln. So bleibt ein unterhaltsamer Film, der mit purer Lust, Gewalt und fundamentaler Veränderung kokettiert, dann aber doch mutlos in sich verharrt.
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