Gleißendes Glück

Liebesfilm | Deutschland 2016 | 102 Minuten

Regie: Sven Taddicken

Einer sanftmütigen Hausfrau entgleitet angesichts der gewalttätigen Ader ihres Ehemanns ihr Gottvertrauen. Unter Schlafstörungen leidend, stößt sie auf die Ratgeber eines Selbsthilfe-Professors, den sie auf einem Kongress zu einem persönlichen Gespräch überredet und mit dem sie den Abend verbringt. Als der zunächst freundliche Mann offenbart, dass er an extremen Sexualfantasien leidet, reagiert sie verstört, fühlt sich dann aber berufen, ihn von seinen Obsessionen zu befreien. Von langen, ausgezeichneten Dialogszenen lebende Romanverfilmung über eine gefährliche Liebschaft, die ihre Protagonisten durchweg mit Sympathie zeichnet. Die ruhige Inszenierung vermeidet dramatische Beschleunigungen und konzentriert sich ganz auf die glänzenden Hauptdarsteller. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2016
Regie
Sven Taddicken
Buch
Sven Taddicken · Stefanie Veith · Hendrik Hölzemann
Kamera
Daniela Knapp
Musik
Riad Abdel-Nabi · Wouter Verhulst
Schnitt
Andreas Wodraschke ()
Darsteller
Martina Gedeck (Helene Brindel) · Ulrich Tukur (Eduard E. Gluck) · Johannes Krisch (Christoph Brindel) · Hans-Michael Rehberg (Reitinger) · Dietrich Brüggemann (Polizist)
Länge
102 Minuten
Kinostart
20.10.2016
Fsk
ab 16; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Liebesfilm | Literaturverfilmung | Tragikomödie

Heimkino

Verleih DVD
Wild Bunch
Verleih Blu-ray
Wild Bunch
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Glänzende Romanadaption nach A.L. Kennedy

Diskussion
Helene glaubt nicht mehr an Gott, den sie einst in jeder noch so unscheinbaren irdischen Erscheinung zu spüren meinte. Die Ehe mit ihrem gewalttätigen Mann hat ihr den Glauben genommen. Trotz ihres Martyriums verlässt sie ihn nicht, dafür ist ihre Sehnsucht nach Kontrolle und geregelten Tagesabläufen zwischen Einkaufen, Putzen und gelegentlichem Beischlaf zu groß. Die regelmäßigen Wutanfälle, die sie gleichmütig erträgt, gehören fast schon dazu. Als ihre Schlafstörungen stärker werden, sucht die still leidende Hausfrau nach einem spirituellen Ersatz. Der Optimismus verbreitende Fernsehauftritt des Professors Eduard E. Gluck macht sie neugierig. Sie kauft sich sein populärwissenschaftliches Buch „Neue Kybernetik“ und reist unter dem Vorwand, ihre Schwester besuchen zu wollen, zu einem Kongress nach Hamburg, wo sie ihn um ein Gespräch bittet. Eine Romanze unter intellektuell scheinbar ungleichen Partnern bahnt sich an, bis Eduard auf seine Obsession zu sprechen kommt. Er ist nicht nur Pornografie-süchtig, sondern hat auch eine Affinität für extreme Sexualpraktiken. Helene reagiert verstört auf sein Geständnis und bricht den Kontakt ab. Irgendwann aber beantwortet sie dann doch seine selbstkritischen und zugleich humorvollen Briefe. Als ihr Gatte die heimliche Beziehung entdeckt, schlägt er sie halbtot, erreicht damit aber nur, dass Helene zu Eduard nach Berlin fährt und ihn dazu bringt, mit ihr normgerechten Sex zu wagen. Es scheint so, als hätte das Paar im Verständnis um das sonderbare Leid des Anderen endlich so etwas wie Glück gefunden. Wenn da nicht Helenes Bedürfnis wäre, ihrem Mann endlich die Stirn zu bieten. Die Verfilmung von A.L. Kennedys gleichnamigen Roman konzentriert sich ganz auf die Strahlkraft ihrer Darsteller Martina Gedeck und Ulrich Tukur. Ihnen ist es zu verdanken, dass man dieser gefährlichen Liebschaft folgt, die unfreiwillig zwischen Kitsch und Voyeurismus balanciert. Regisseur Sven Taddicken urteilt nicht, hält Distanz und lässt die künstlich ausgeleuchteten, seltsam aus der Zeit gefallenen Räume sprechen, in denen sein einsames Personal an den eigenen Widersprüchen zu ersticken droht. Wie in einem Modell spielen diese Versuchspersonen mögliche Handlungsmuster durch. Helene tendiert zur Selbstaufopferung, sucht den Glauben im Masochismus, wandelt sich dann aber urplötzlich zur abgeklärten Amazone und schlägt mit einem psychologischen Schachzug zurück, auf den ihr Mann, der zwischen Larmoyanz und Selbstherrlichkeit keinen Ausgang findet, nur noch mit Selbstdestruktion reagieren kann. Eduard geht den umgekehrten Weg. Er kostet in seinen Fantasien und vor dem Bildschirm von jeder erdenklichen sexuellen Entgleisung, um schließlich Trost in der Softerregung der menschlichen Nähe zu finden, deren sanften Zauber er wie ein überraschtes Kind genießt. Ob die inneren Wandlungen dieser schuldig Erlösten glaubwürdig sind, für die der Film, der jede allzu dramatische Beschleunigung vermeidet, eine Überdosis Toleranz bereithält, spielt am Ende keine Rolle mehr. Für Gedeck und Tukur ist die Adaption jedenfalls ein Glücksfall, auch wenn sie nicht in jeder Szene auf gleicher Wellenlänge agieren. Wo sie nur schaut und ausdrucksstark schweift, stammelt er sich seine Egozentrik vom chronisch stimulierten Leib. Ein anstrengendes, schwieriges Traumpaar, das man im deutschen Film nicht missen möchte.
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