Dokumentarfilm | Österreich 2016 | 91 Minuten

Regie: Ulrich Seidl

Der Dokumentarist Ulrich Seidl begleitet ein knappes Dutzend wohlhabender Österreicher auf der Großwildjagd in Namibia. Mit akribischer Genauigkeit protokolliert er das Handwerk der Jagd von der Pirsch bis zum Ausweiden des Wildbrets und lässt die Jäger in Gesprächen über ihr inneres Empfinden erzählen. Dabei geht es neben dem System der Großwildjägerei vor allem um die psychische und kulturelle Disposition des Jagens sowie um das Tabu des Tötens von Tieren, während der Film das Thema Rassismus nur am Rand streift. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
SAFARI
Produktionsland
Österreich
Produktionsjahr
2016
Regie
Ulrich Seidl
Buch
Ulrich Seidl · Veronika Franz
Kamera
Wolfgang Thaler
Schnitt
Christof Schertenleib
Länge
91 Minuten
Kinostart
08.12.2016
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion
„Safari“ heißt „Reise“ auf Kisuaheli. Die Reise hier ist zunächst jene des österreichischen Filmemachers Ulrich Seidls und seiner Protagonisten, einem knappen Dutzend wohlhabender Österreicher ins südwestliche Afrika. In Namibia leben sie für einige Wochen in Lodges, die mit den Accessoires des Kolonialismus und der Jagdromantik ausgestattet sind: mit Trophäen getöteter wilder Tiere, mit farbenprächtigen Teppichen, afrikanischen Holzmöbeln und europäischen Ventilatoren. Sie ziehen khaki-farbige Kleidung an, setzen einen Hut auf den Kopf und werden in britischen Jeeps, chauffiert von schwarzen Bediensteten, und angeleitet von weißen Jagdführern, zu Plätzen geführt, wo sich ihnen die Gelegenheit bietet, Großwild zu schießen. Die titelgebende Safari meint hier also die Großwildjagd. Wobei Seidl auf eine gespielte oder inszenierte Handlung verzichtet; in diesem Sinn ist sein Film eindeutig dokumentarischer als seine „Paradies“-Trilogie. So akribisch der österreichische Filmemacher dabei auch das System der Großwildjägerei beschreibt – bestimmte Tiere kann man zum Abschuss regelrecht bestellen, nichts ist garantiert, vieles aber wahrscheinlich, und der Preis variiert mit der Seltenheit des Tiers –, so deutlich geht es ihm zuallererst um psychologische Dispositionen des Jagens, um die Bereitschaft zum Töten oder die Lust daran, auch um die reichhaltigen kulturhistorischen Implikationen, die damit einher gehen. Wobei sofort klar wird, dass all dies gar nicht voneinander zu trennen ist. Der Film setzt mit einer Szene ein, die einen Jäger mit seinem Führer zeigt. Gelassen vermittelt er ein Gefühl für die Zeit, die Dauer und die Mühe des Heranpirschens ans Tier. Man sieht Blicke durchs Fernglas, hört den Atem des Jägers, und mit seiner Erregung wächst auch die Spannung des Zuschauers. Als dann der Schuss fällt, verfehlt der Jäger das Tier, erst der zweite Versuch gelingt, und auch dann ist es nicht sofort tot – gerade dieses Unperfekte lässt diese Exploration so brachial wirken. Zugleich macht die Inszenierung im Porträt des Schützen und seiner Erleichterung durch das Erfolgserlebnis aber auch etwas von jener früheren Alltagserfahrung spürbar, Herr über Leben und Tod (zumindest von Tieren) zu sein, die der durchschnittliche Europäer vollkommen verlernt hat. Es muss eine Sehnsucht nach dieser Erfahrung geben, die universal menschlich ist. Dies mag moralisch verdammenswert erscheinen und im Prozess der Zivilisation ein retardierendes, archaisches Element verkörpern, aber sie ist da, hat etwas mit uns allen zu tun. Dieser Rekurs auf das Publikum, dem der Film unangenehme, gleichwohl aber auch faszinierende Bilder präsentiert, liegt offenkundig im Zentrum des filmischen Interesses. Wie immer bei Seidl ist auch hier das Interessanteste das, was er schlicht zeigt: wie gejagt und geschossen wird, wie offen erotisch erregt die Jäger auf das Heranschleichen, den Schuss und das Glückerlebnis des Tötens reagieren, wie die toten Tiere zum Foto drapiert werden, wie sie in die Lodge transportiert werden – und vor allem, wie man sie ausweidet. In diesem blutigen Geschäft, bei dem die Eingeweide beseitigt werden, das Blut weggespült, das zur Trophäe Taugliche gereinigt und gesichert, das Fleisch an die Knechte verteilt wird, findet Seidl so etwas wie die Substanz der Jagd. Der Film beschreibt das Handwerk der Jagd naturalistisch, mit subjektiver Handkamera, und zugleich voller Künstlichkeit in den gewohnten symmetrischen Tableaus, gefilmt in statischen Einstellungen. Gebrochen werden diese durch Interviews, die ebenfalls nur wenig Inszeniertes enthalten. Noch nie sei es so schwierig gewesen, Protagonisten zu finden, sagt Seidl; denn nicht extreme sexuelle oder religiöse Praktiken (wie in Seidls früheren Filmen) sind das wahre Tabu der Gegenwart, es ist das Töten von Tieren. Seidl präsentiert die wenigen Protagonisten, die bereit waren, sich offen über ihre Beweggründe zu äußern, fair; in ihren Äußerungen wird deutlich, dass der Moment des Schießens als erhabenes Erlebnis wahrgenommen wird, als Evidenz im Augenblick, dass es aber selbstverständlich auch um die Lust am Töten geht. Zugleich wird deutlich, wie Sprache dieses Töten verdrängt: Man „erlöst“ und „erlegt“ die Tiere, die „Stücke“ genannt werden, der Kadaver wird getätschelt: „Guter Kämpfer, mein Freund.“ Vergleichsweise ausgeblendet ist das Thema „Rassismus“. Es sind nur Schwarze, die hier niedere Tätigkeiten vollziehen, aber Seidl gibt ihnen im Unterschied zu allen Weißen keine Stimme, er lässt sie stumm in die Kamera blicken. Auch fast stumm, gegenüber dem Übrigen aber wie die Intermezzi des Buffo in der Comedia dell’arte wirken die Porträts zweier Bier saufender korpulenter Jäger im Schießstand. Ihr Dösen, Rülpsen und Ächzen ist der Soundtrack einer Freakshow, die daran erinnert, dass Seidls Filmreisen immer auch ein sehr spezielles Spektakel bedeuten: brutal und aufklärend, misanthropisch und burlesk.
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