Drama | Frankreich/Deutschland/Belgien 2016 | 126 Minuten

Regie: Paul Verhoeven

Als eine erfolgreiche Geschäftsfrau, Produzentin von sexuell aufgeladenen Horrorvideos, von einem Unbekannten vergewaltigt wird, lehnt sie es ab, sich als Opfer zu fühlen. Statt sich auf die Polizei zu verlassen, will sie den Täter selbst aufspüren. Ihre Rache fällt dann aber überraschend temperiert aus, weil ihre psychologisch fein gesponnene Falle auf Machtumkehr und Imitation setzt. Der schwarzhumorige, mit raffinierten Rückblenden arbeitende Thriller entfaltet eine absurd-bittere Versuchsanordnung hart an der Grenze zur Unglaubwürdigkeit, wartet aber mit subtilen Beobachtungen auf und wird von einer überragenden Hauptdarstellerin getragen, die furchtlos eine erfrischende Einzelgängerin verlebendigt. - Sehenswert.

Filmdaten

Originaltitel
ELLE
Produktionsland
Frankreich/Deutschland/Belgien
Produktionsjahr
2016
Regie
Paul Verhoeven
Buch
David Birke
Kamera
Stéphane Fontaine
Musik
Anne Dudley
Schnitt
Job ter Burg
Darsteller
Isabelle Huppert (Michèle Leblanc) · Laurent Lafitte (Patrick) · Anne Consigny (Anna) · Charles Berling (Richard Leblanc) · Virginie Efira (Rebecca)
Länge
126 Minuten
Kinostart
16.02.2017
Fsk
ab 16; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert.
Genre
Drama | Literaturverfilmung | Thriller

Heimkino

Die Editionen enthalten eine Audiodeskription für Sehbehinderte.

Verleih DVD
MFA (16:9, 2.35:1, DD5.1 frz./dt.)
Verleih Blu-ray
MFA (16:9, 2.35:1, dts-HDMA frz./dt.)
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Herausforderndes Drama um Vergewaltigung und Rache von Paul Verhoeven

Diskussion
Eigentlich kennt sie sich mit Angst und Schrecken aus. Michèle hat ein Vermögen mit sexuell aufgeladenen Horror-Videogames verdient. Ihre überwiegend männlichen Mitarbeiter hält sie mit homöopathisch dosierter Erotik auf Distanz. Doch dann wird sie in ihrem eigenen Wohnzimmer überfallen. Ein maskierter Mann vergewaltigt die selbstbewusste Geschäftsfrau, während ihre Katze teilnahmslos zuschaut. Als der brutale Eindringling weg ist, nimmt sie ein Bad, um sich das Blut abzuwaschen. Sie räumt unbeeindruckt das zerbrochene Geschirr weg und belügt ihren missratenen Sohn, der sich von seiner schwangeren Freundin herumkommandieren lässt, dass ihre Verletzungen von einem Fahrradunfall stammten. Ihre Freunde erfahren von dem Vorfall zwischen zwei Gängen in einem Restaurant. Michèle denkt nicht daran, sich als Opfer zu empfinden. Die Vergewaltigung nimmt sie persönlich, was in ihrem Fall darauf hinausläuft, dass für sie fortan die Jagdzeit ausgebrochen ist. Schließlich ist sie die Tochter eines bekannten Serienmörders und einer Mutter, die noch als Greisin einen Jahrzehnte jüngeren Mann ehelichen möchte. Regeln und Verbote gelten in dieser Familie nur für andere. Weshalb auch die Polizei in Michèles Rachefeldzug nichts zu suchen hat. Wer könnte eine solche satirisch überspitzte Frauenfigur, bei der man lange überlegen muss, ob man sie für eine feministisch vorbildliche Amazone oder eine misogyne Männerfantasie halten soll, besser spielen als die neurotisch verrenkte „Klavierspielerin“ Isabelle Huppert? Ausgedacht hat sich diese hart an der Grenze zur Parodie ihrer bisherigen Figuren balancierende Paraderolle ausgerechnet der 78-jährige Paul Verhoeven. Natürlich nicht ganz uneigennützig, denn auch dem in Ungnade gefallenen Holländer bietet der schwarzhumorige Thriller genug Raum, um sich erneut als filmhistorisch versierter Macher von Erfolgen wie „Total Recall“ (fd 28 398) oder „Basic Instinct“ (fd 29 576) zu empfehlen. Inszenatorisch erinnern der Soundtrack und der Spannungsaufbau an die Atmosphäre klassischer Hitchcock-Filme, die bürgerlichen Rituale und familiären Kleinkriege hätte Claude Chabrol nicht besser einfangen können und sogar Krzysztof Kieslowski wird mit einem Zitat geehrt, als die Voyeurin Michèle ihren Nachbarn mit einem Fernglas beobachtet und ihn zum Objekt ihrer zweifelhaften Begierde kürt. Huppert vermag jede noch so abwegige Gefühlsregung, oder auch ihre Abwesenheit, zu einer Kunst zu erheben, die außer ihr gegenwärtig vielleicht noch Cate Blanchett ähnlich furchtlos beherrscht. Vor dem Übergriff ist Michèle unangefochten Herrin der Lage. Ihre Effizienz wirkt beinahe unmenschlich, ihr Spott zeugt von einer Abgeklärtheit, dessen Ursprünge das Drehbuch in ihrer ambivalenten Rolle bei den Kindermorden des Vaters andeutet, die für die damalige Boulevardpresse ein gefundenes Fressen waren. Die literarische Vorlage „Oh...“ geht auf Philippe Djian zurück, der schon der Ideengeber für „Betty Blue“ (fd 25781) von Jean-Jacques Beineix war. Der Tabubrecher Verhoeven scheut in seiner ersten französischen Produktion zwar keine blutigen Details, garniert mit Rückblenden, die sich wiederholt an der Vergewaltigungssequenz abarbeiten, aber er überrascht auch mit subtilen Beobachtungen und besteht auf die Abwesenheit von Moral, die er sich in Hollywood wohl in dieser Eindeutigkeit nicht hätte leisten können. An potentiellen Tätern fehlt es in diesem bewusst überkonstruierten Geschlechterreigen nicht. Michèles Computer wird mit anonymen Drohungen überflutet, der Ex-Mann ist ein gescheiterter Schriftsteller, der sich in seiner männlichen Dominanz gekränkt fühlen könnte. Der Liebhaber und Gatte ihrer Geschäftspartnerin ist von ihr gerade frisch abserviert worden und mit dem neuen, verheirateten Nachbarn bahnt sich ein Seitensprung an. Als es Michèle innerhalb der Genremuster beinahe enttäuschend schnell gelingt, ihren Vergewaltiger zu enttarnen, bricht sie nicht etwa schamvoll zusammen. Sie dreht vielmehr den Spieß um und lässt sich mit ihm auf riskante Sexspiele ein, bei denen sie die Kontrolle zu übernehmen versucht, was nicht heißt, dass sie auf einen Racheakt gänzlich verzichtet. Er fällt nur temperierter aus, als man es von einer die weiblichen Leidensvorgaben verweigernden Rebellin wie ihr erwartet hätte. Die von Michèle psychologisch fein gesponnene Falle aus Machtumkehr und Imitation der Täterstrategien schnappt im Finale zu, womit sich das familiär „vererbte“ Morden auch der zweiten Generation bemächtigt. Glaubwürdig ist diese absurd-bittere Versuchsanordnung nicht gerade. Aber das muss sie auch nicht sein. Man folgt der famosen Hauptdarstellerin unerschrocken in jeden Abgrund, in jede noch so scheinbar unverständliche sexuelle Abweichung, denn das Finale, in dem ihre Figur über die männlichen Statisten ihres unkonventionellen Lebensentwurfs triumphiert, macht sie zu einer ungemein erfrischenden Einzelgängerin, die das Überleben von Sartres „Die Hölle, das sind die anderen“ über alles stellt. Ein doppelbödiges Meisterwerk, mit dem man lange nicht fertig wird.
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