Dokumentarfilm | Schweiz 2017 | 105 Minuten

Regie: Stefano Knuchel

Autobiografische Rekapitulation der spannenden Kindheitsgeschichte des Schweizer Moderators und Filmemachers Stefano Knuchel. Wegen der Betrügereien des Vaters blieb die Familie selten lange an einem Ort, oft gingen die fünf Geschwister nicht zur Schule. Knuchel selbst agiert vor der Kamera und kommentiert aus dem Off, wobei die Reenactments, bei denen er sich selbst als Kind spielt, überstrapaziert werden. Auch der Text verliert sich mitunter in Pathos und Wiederholungen, bevor die Erzählung in der zweiten Hälfte endgültig zerfasert. (O.m.d.U.) - Ab 14.
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Filmdaten

Originaltitel
QUAND J'ÉTAIS CLOCLO
Produktionsland
Schweiz
Produktionsjahr
2017
Produktionsfirma
Venus and Beyond/RSI Televisione svizzera/Spaid
Regie
Stefano Knuchel
Buch
Stefano Knuchel
Kamera
Ariel Salati
Musik
Stefano Knuchel · Sergio De Laurentiis · Zeno Gabaglio
Schnitt
Patrik Soergel
Länge
105 Minuten
Kinostart
13.07.2017
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm
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Autobiografische Rekapitulation des abenteuerlichen Lebens des Schweizer Moderators Stefano Knuchel

Diskussion
Es ging immer um die Show, den großen Glamour. Am Ende sitzen Vater und Sohn nebeneinander und probieren synchron einen Zaubertrick, bei dem eine Zigarette unbemerkt von der einen in die andere Hand wandert. Stefano Knuchel ist Showmaster und Moderator beim italienischsprachigen Fernsehen und im Schweizer Radio. In „Cloclo und ich“ erzählt Knuchel die wilde, aufregende Geschichte seiner Familie und seiner Kindheit: einer Kindheit auf der Flucht. Dabei folgt er seinen Erinnerungen, tagebuchartig, oft auch assoziativ. Aus dem Off stellt er – oft rhetorische – Fragen, gibt Antworten, führt Selbstgespräche oder imaginäre Dialoge mit den Geschwistern. Er hat vier: eine Schwester und drei Brüder; Knuchel ist der zweitjüngste. Der Vater renovierte Häuser, er plante, kaufte und verkaufte Immobilien. Sobald er irgendwo Profit witterte, schlug er zu. Er erwarb alte Bauernhäuser im Tessin und für ein monströs Vielfaches an reiche Deutsche. Der Film beginnt mit einem Vorgriff auf das Jahr 1981, als Kuchel 15 Jahre alt war. In diesem Jahr endete die lange Flucht der Familie und seiner Kindheit. In diese bewegte Zeit taucht der Filmemacher mehr oder weniger chronologisch ein, beginnend mit seiner Geburt; er erinnere sich an den „kühlen Wind an diesem Tag im September“. Als er fünf Jahre alt war, lebte die Familie in einer Villa in Locarno Monti – Ami-Schlitten, Wohnzimmer-Bar und ausufernde Partys inklusive. Bis das schöne Haus niederbrannte. Gemeinsam mit seiner Mutter besucht Knuchel das Haus. Eine Weile ist die Mutter seine einzige Gesprächspartnerin im Film; dann kommen auch seine Schwester Antonella und sein kleiner Bruder Paco kurz zu Wort. Neben den Orten, Häusern und Landschaften bebildert Archivmaterial, vor allem Fotos, die Erinnerung. Knuchel animiert und collagiert diese Fotos, versetzt etwa einen Bildausschnitt, der ihn und seinen Bruder Fabio zeigt, wie sie auf die roten Wüstenhügel in Andalusien blicken, in eine reale Landschaft. Die Geschichte von der Stripperin und ihrem Bären, die in einem Nachtclub des Vaters auftraten, ist als pinke Leuchtstoffröhren-Animation gestaltet. Der fünfjährige Stefano durfte damals zusehen. Dazu agiert Knuchel selbst vor der Kamera, er spielt sich als Fünfjährigen mit dem an sich gedrücktem Teddy, der die Strip-Einlage verfolgt; er lässt sich als 13-Jähriger mit einem Schlauchboot aufs Meer hinaustreiben. Diese Selbstinszenierung wirkt verstörend, in ihrer Häufung aber auch ein wenig selbstverliebt. Gleiches gilt für den Text, der sich häufig im Pathos gefällt. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Kindheit, mit viel Freiheit und nur gelegentlichen Schulbesuchen, ist spannend und führt von Locarno nach Spanien, von Spanien nach Genf, von dort über das Tessin bis nach Südfrankreich. Mit 105 Minuten ist der Film allerdings deutlich zu lang; vor allem in der zweiten Hälfte, nach dem Ende der Flucht und der Verhaftung des Vaters in Frankreich im Jahr 1981, zerfasert der Film. Knuchel springt zwischen den Geschwistern hin und her, löst aber dennoch nicht in jedem Fall auf, wie es mit ihnen weiterging oder wie es ihnen heute geht. Zwischenzeitlich gerät der Film zur Hommage an die Mutter; Redundanzen häufen sich. Das gilt auch für den Text: Hier wird in den deutschen Untertiteln ausgelassen. Mit dem Regisseur verliert auch der Zuschauer den Überblick: „Manchmal war ich glücklich, manchmal war ich traurig, aber immer in meiner eigenen Welt.“ Am Ende trifft Knuchel seinen totgeglaubten Vater wieder. Er konfrontiert ihn mit Erinnerungen an Wasserpistolen, die in der Sonne geschmolzen sind, mit der Geschichte von dem Bär und der Stripperin. Er erinnere sich kaum an Einzelheiten, sagt der Vater: „Du erinnerst dich an all die Details – denn sie haben dich geprägt.“
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