Drama | Russland/Frankreich/Belgien/Deutschland 2017 | 127 Minuten

Regie: Andrey Zvyagintsev

Ein heillos zerrüttetes Ehepaar aus Sankt Petersburg streitet sich auch dann noch voller Hass und Abscheu, als ihr 12-jähriger Sohn spurlos verschwindet. Die Suche nach ihm weitet sich zu einer beklemmenden Odyssee, die ein metaphorisch überhöhtes, aber niederschmetterndes Bild der postsozialistischen russischen Gesellschaft zwischen krudem Materialismus und oberflächlich ausgestellter christlicher Orthodoxie zeichnet. Die visuell grandios inszenierte Kritik an der herrschenden aggressiven Asozialität ist allerdings derart umfassend und undifferenziert formuliert, dass ihre totalisierende Perspektive mitunter in eine absurde Banalität umzuschlagen droht.

Filmdaten

Originaltitel
NELYUBOV
Produktionsland
Russland/Frankreich/Belgien/Deutschland
Produktionsjahr
2017
Regie
Andrey Zvyagintsev
Buch
Andrey Zvyagintsev · Oleg Negin
Kamera
Mikhail Krichman
Schnitt
Anna Mass
Darsteller
Maryana Spivak (Zhenya) · Alexey Rozin (Boris) · Matvey Nowikow (Aljoscha) · Marina Wasiljewa (Mascha) · Andris Kelshs (Anton)
Länge
127 Minuten
Kinostart
15.03.2018
Fsk
ab 16; f
Genre
Drama
Diskussion

Alles, was von der Ehe zwischen Zhenya und Boris übrig geblieben ist, ist die gemeinsame Wohnung und ihr 12-jähriger Sohn Alyosha. Die Wohnung soll möglichst schnell verkauft werden; erste Besichtigungen laufen bereits. Obwohl beide Eheleute längst neue Partner haben, Boris’ neue Freundin ist sogar hochschwanger, treffen sie sich gelegentlich in der alten Wohnung, um ihre Abscheu und ihren Hass loszuwerden. Der Junge wird Zeuge dieser Auseinandersetzungen. In einer äußerst beklemmenden, fantastisch einfach inszenierten Szene wird ihm klar, dass er beiden Eltern eine Last ist, nur eine unschöne Erinnerung. Eines Tages kommt er nicht von der Schule nach Hause, was aber erst spät bemerkt wird, weil beide Elternteile auswärts übernachten. Die Polizei interessiert sich nicht für die Suche nach dem verschwundenen Jungen. Dafür gibt es private Spezialisten, deren Know-how vermuten lässt, dass Kinder in Sankt Petersburg häufiger verschwinden.

Wäre „Loveless“ ein konventioneller, vielleicht auch konventionell humanistischer Film, dann würde die Suche nach dem verschwundenen Kind einen emotionalen Lernprozess in Gang setzen und dazu dienen, dass das Ehepaar sich auf seine Gemeinsamkeiten besinnt, in einer sentimentalen Volte vielleicht wieder zueinander findet, oder zumindest dem Kind einen angemessenen Platz zuzuweisen. Doch „Loveless“ ist ein Film des russischen Regisseurs Andreij Zvyagintsev, der „The Return – Die Rückkehr“ (fd 36 414) und „Leviathan“ (fd 42 938) inszeniert hat. „Loveless“ ist bar aller Zwischentöne und Überraschungen, eine ganz und gar unsubtile und bis ins letzte Detail stimmige Anklage, deren These schlicht lautet: Die Welt ist aus den Fugen.

War es nicht der große Denker Axel Caesar Springer, der einst konstatierte, dem Abfall von Gott folge der Abfall vom Menschen? Die Titel gebende Lieblosigkeit ist derart umfassend ausgemalt, dass es Zvyagintsev mühelos gelingt, seinen Befund peu à peu historisch, sozial und politisch derart zu weiten, bis das Scheitern einer Ehe in radikale Zivilisationskritik umschlägt. In der Dichte der Indizien einer aggressiven Asozialität schlägt eine solche totalisierende Kritik allerdings allzu leicht in Banalität um, deren Nachvollzug auf die Empörung des Zuschauers zielt, die allzu leicht zu haben ist.

In diesem Sinne ist „Loveless“ ein sehr dummer Film. Noch ärgerlicher aber ist, dass er als unproduktive Unterhaltung so gut inszeniert ist und man staunend Zeuge wird, wie alles nur immer nur noch schlimmer wird. Die Mutter ist lieblos, enttäuscht, aggressiv, dabei empörend oberflächlich und materialistisch, ist – wie auch alle anderen Personen – ständig mit ihrem Mobiltelefon und den Social Medias beschäftigt und frönt einem Körperkult, der sich auf Instagram gut macht. Sie hat ein Verhältnis mit einem älteren, wohlhabenden Mann, der ihre Gefühle zumindest verbal nicht erwidert, sondern sie als attraktives Zeichen seines Erfolges in der Öffentlichkeit präsentiert. Zhenya verachtet ihren Ex-Mann und das gemeinsame Kind, das sie gerne „in der Armee“ erzogen wüsste. Die Schwangerschaft sei ein Fehler gewesen.

Wenn man sich gerade zu fragen beginnt, wie derart viel Wut entstehen kann, kommt es zur Begegnung mit Zhenyas Mutter, die keinen Hehl daraus macht, dass sie ihre Tochter verachtet und als Nutte sieht. Auch die Mutter von Boris’ neuer Partnerin wird als boshaft und materialistisch gezeichnet. Boris selbst erscheint noch relativ weich, befürchtet allerdings, dass seine Scheidung publik wird, weil er in einer Firma arbeitet, die Wert darauf legt, dass ihre Angestellten glücklich verheiratet sind. Weshalb die Mitarbeiter diverse Tricks anwenden, um diese Fassade zu wahren.

Zu all dem hört man im Radio schon eingangs Warnungen vor einer umfassenden Depression der Bevölkerung, worüber man sich angesichts des Wetters und der zersiedelten Wohnlandschaften nicht besonders wundert; am Ende sieht man im Fernsehen Propagandaberichte über den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine. Da fragt man sich, ob man dies als politisches Statement hochrechnen soll? Ist „the pursuit of happiness“, der Egoismus, die Wurzel allen Übels? Führen zerrüttete Familienverhältnisse zum (Bürger-) Krieg? Oder hat der postkommunistische Materialismus die einstige Sowjet-Gesellschaft direkt in die Barbarei geführt?

So totalitär und aussichtslos ist die Kritik, die Zvyagintsev formuliert, dass man von einer kalkulierten, ästhetisch famos in Szene gesetzten Menschenfeindlichkeit sprechen muss. Zu Beginn sieht man Alyosha auf dem Weg von der Schule in einem Stadtwald an einem Bach mit einem Plastikband spielen, das üblicherweise eine „Crime Scene“ markiert. Er wirft dieses Plastikband in einen Baum, wo es im Wind flattert. Jahre später, am Schluss des Films, weht es dort immer noch – als Memento mori einer utopielosen Sinnleere, die nachgerade absurde Züge trägt.

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