Drama | USA 2016 | 119 Minuten

Regie: Joseph Cedar

Ein älterer Mann will als vorgeblicher Berater in New York Kontakte zu einflussreichen Politikern und Geschäftsleuten knüpfen, hat damit aber erst Erfolg, als er mit einem großzügigen Geschenk die Freundschaft eines israelischen Politikers gewinnt. Nach dessen Wahl zum Premierminister droht die Gabe beiden zum Verhängnis zu werden. Vielschichtiger Politthriller um einen Mann, der sich Illusionen über die Menschen macht, denen er sich aufdrängt, und sich in ein Netz aus Lügen und falschen Versprechungen verstrickt, in der Titelrolle bravourös gespielt. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
NORMAN: THE MODERATE RISE AND TRAGIC FALL OF A NEW YORK FIXER
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2016
Regie
Joseph Cedar
Buch
Joseph Cedar
Kamera
Yaron Scharf
Musik
Jun Miyake
Schnitt
Brian A. Kates
Darsteller
Richard Gere (Norman Oppenheimer) · Lior Ashkenazi (Micha Eshel) · Michael Sheen (Philip Cohen) · Steve Buscemi (Rabbi Blumenthal) · Charlotte Gainsbourg (Alex Green)
Länge
119 Minuten
Kinostart
21.09.2017
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama

Vielschichtiger Politthriller über einen Politberater, grandios gespielt von Richard Gere

Diskussion
So ganz wird nicht deutlich, was Norman Oppenheimer eigentlich macht. Der lange Zusatz des Originaltitels bezeichnet ihn als „Fixer“, also als jemanden, der Dinge in Ordnung bringt. Er selbst versteht sich als „Consultant“; zumindest steht das auf seiner Visitenkarte. Ist er ein Geschäftsmann? Ein Lobbyist? Ein Strippenzieher? „What do you consult?“, muss er sich einmal fragen lassen. Gern würde Norman zur großen Finanzwelt New Yorks gehören. Mit Mantel, Schirmmütze und Ohrstöpseln läuft er durch die Straßen von Manhattan, telefonierend und gestikulierend. Nie sieht man ihn in einem Büro, nie zuhause, stets ist er unterwegs. Seinem Gegenüber vermittelt er warmherzig und freundlich das Gefühl, einen erfolgreichen, gut vernetzten Mittler vor sich zu haben, dem kein Gefallen zu groß ist. Herausgekommen ist dabei bislang aber noch nichts. Bis Norman auf einer Konferenz Micha Eshel kennen lernt, einen israelischen Politiker, der gerade am Tiefpunkt seiner Karriere angelangt ist. Die Szene, in der Norman ihm in ein Luxusgeschäft folgt und Eshel ein Paar sündhaft teure Schuhe schenkt, ist ein Bravourstück der Ambivalenz: Ist Norman großzügig? Oder nur berechnend? Drei Jahre später hat es Eshel zum israelischen Premierminister gebracht. Er erinnert sich an seinen Freund aus Amerika und nimmt ihn quasi in seinen inneren Kreis auf. Doch dann macht Norman zahlreiche Versprechen gegenüber seinem Neffen, dem Rabbi in seiner Gemeinde, dem Assistenten eines Finanzmagnaten, die er nicht einhalten kann. Eshel hingegen gerät ins Fadenkreuz einer parlamentarischen Untersuchung: Er soll unerlaubte Geschenke angenommen haben. Regisseur und Drehbuchautor Joseph Cedar hat mit Norman einen vielschichtigen und widersprüchlichen Charakter geschaffen, der von Richard Gere, in seiner wohl besten Darstellung seit „Arbitrage“ (fd 41 761), lebendig und facettenreich verkörpert wird. Es gelingt ihm durchgängig, ein mimisches Spannungsfeld aus Freude, Furcht und Enttäuschung zu erzeugen. Man könnte schauspielerische Detailstudien betreiben, wie er mit unbeholfener Vorsicht Menschen verfolgt, wie ihn naive Freude erfüllt, wenn er mit ihnen ins Gespräch kommt, oder übertriebener Optimismus, wenn er etwas erreicht zu haben glaubt. So wie Richard Gere diesen Mann spielt, muss man Norman allerdings nicht mögen. Er lügt unentwegt und missbraucht das Vertrauen seiner engsten Umgebung. Und doch hat man auch Mitleid mit ihm, wenn er aus dem Haus eines Brokers geworfen wird, bei dem er sich unter dem Vorwand, Eshel mitzubringen, eingeladen hatte. Norman nimmt seine Geschäfte ernst, das sieht man an dem Diagramm, das er in einer schicksalhaften Begegnung seiner Sitznachbarin im Zug aufmalt: Er ist das Zentrum eines wilden Durcheinanders, bei dem alle Fäden zusammenlaufen. Dass er sich auch Illusionen macht, zeigt eine Traumsequenz, in der die Zeit eingefroren ist, und Norman sich die Gesichter derjenigen anschaut, die er zu kennen meint. Plötzlich kommen unzählige Menschen mit ihren Visitenkarten auf ihn zu und bieten ihm ihre Dienste an. Die Inszenierung bricht die in vier Kapitel unterteilte Erzählung gelegentlich durch solche Verfremdungseffekte auf. So bleibt Norman in einer originellen Szenenfolge im selben Sessel sitzen, der dann tricktechnisch in eine andere Umgebung gestellt wird. Während er telefoniert, steht sein Gesprächspartner direkt neben ihm – so als sollte hier eine besondere Nähe zwischen Berater und Klient evoziert werden. Eine Nähe, die es nicht gibt: „Nobody knows anything about you“, sagt Charlotte Gainsbourg, die Sitznachbarin im Zug, beim erneuten Wiedersehen und bringt damit Normans Dilemma auf den Punkt. Das ist das eigentlich Faszinierende an diesem Film: Man fiebert mit Norman mit, obwohl er ein Rätsel bleibt. Nebenbei geht es hier auch um anderes, etwa um eine jüdische Gemeinde, die sich um sozial Benachteiligte kümmert, oder um einen israelischen Premierminister, der nach einer Lösung für den Nahostkonflikt sucht und dabei keine Rücksicht auf Freundschaften nehmen kann. Das sind kleine Nebenstränge, die „Norman“ mit seinen Themenfeldern um politische Einflussnahme und Korruption, Freundschaft und Betrug perfekt abrunden.
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