Drama | USA 2017 | 144 Minuten

Regie: Kathryn Bigelow

Im Sommer 1967 eskalieren in Detroit die Rassenunruhen in fünftägigen Straßenschlachten. Als aus dem überwiegend von Afroamerikanern bewohnten Hotel „Algiers“ Schüsse ertönen, stürmen Polizei und Militär die Anlage und setzen die Bewohner brutal unter Druck. Auf der Basis der Erinnerungen von Beteiligten konzentriert das Drama die Geschehnisse auf die gewaltsame Razzia, wobei es auf Strategien der filmischen Intensivierung setzt, um die schockierende Gewalt und den unüberschaubaren Aufstand erlebbar zu machen. Während die gesellschaftliche oder historische Kontextualisierung in den Hintergrund tritt, wird der thematische Bezug zum Rassismus der Gegenwart umso deutlicher. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
DETROIT
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2017
Regie
Kathryn Bigelow
Buch
Mark Boal
Kamera
Barry Ackroyd
Musik
James Newton Howard
Schnitt
William Goldenberg · Harry Yoon
Darsteller
John Boyega (Dismukes) · Will Poulter (Krauss) · Algee Smith (Larry) · Jacob Latimore (Fred) · Jason Mitchell (Carl)
Länge
144 Minuten
Kinostart
23.11.2017
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama | Historienfilm

Heimkino

Verleih DVD
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Drama von Kathryn Bigelow über die Rassenunruhen von 1967 in Detroit.

Diskussion

Drama von Kathryn Bigelow über die Rassenunruhen von 1967 in Detroit.

Die Geschehnisse sind 50 Jahre her, doch der traurige Anlass, an sie zu erinnern, liegt nicht an der runden Zahl. Er resultiert aus dem Nachrichtenalltag der USA und dem Rassismus mancher Polizisten; und er erwächst aus der Verfallsgeschichte der titelgebenden Stadt, die in den letzten fünf Jahrzehnten den „American Dream“ gemeinsam mit der Autoindustrie sterben sah, für ziemlich alle ihrer Bewohner, egal ob schwarz oder weiß. Um diese Perspektive einzunehmen, bräuchte es eine gewisse Distanz, die Regisseurin Kathryn Bigelow und ihr Drehbuchautor Mark Boal dem Publikum aber verweigern. Bis auf einige kurze, erklärende Einblendungen am Ende des Films werfen sie die Zuschauer unmittelbar in die Rassenunruhen hinein, die Detroit im Jahr 1967 aufwühlen – jenes Detroit von Motown Records, in dem das Leben und die Motoren noch brummen. Auf den Fersen eines afroamerikanischen Ermittlers geht es zunächst in einen afroamerikanischen Nachtclub, der von weißen Polizisten gerade geräumt wird; erste Proteste flammen auf. Dem Polizisten begegnet man nicht wieder, dafür aber Melvin Dismukes, dem Angestellten eines Sicherheitsdienstes, der ein Geschäft schützen soll und sich rasch zwischen den Fronten wiederfindet. Und der Soul-Gruppe „The Dramatics“, die kurz vor ihrem Auftritt erlebt, wie der Konzertsaal wegen der Aufstände geräumt wird. Sowie einem Trio weißer Polizisten, dessen Wege sich mit denen der anderen im Algiers Motel kreuzen. Am Ende der Nacht sind drei Hotelgäste, alle Afroamerikaner, tot. Die Polizisten und Dismukes wurden wegen Mordes angeklagt und freigesprochen. Die Version der Geschehnisse jener Nacht, die Bigelow in „Detroit“ präsentiert, beruht auf intensiven Recherchen und Gesprächen von Mark Boal mit den Beteiligten. Demnach wurden die Opfer vorsätzlich erschossen, manche geradezu hingerichtet. Die Beziehung des Films zur Historie, die, ohne dass die Filmemacher das deutlich aussprechen müssten, auch eine zur Gegenwart ist, entpuppt sich dabei als zweifach paradox: Zum einen füllt das Drehbuch Lücken in der offiziellen Erzählung, die vom Gerichtsurteil offengelassen wurden – was für eine teil-fiktionale Bearbeitung, die sich absichtlich oder unfreiwillig als definitive, eindeutige Version des Themas darstellt, durchaus eine kühne Entscheidung ist. Auf der anderen Seite tun sich andere, dramaturgische Lücken auf: Figuren verschwinden ganz oder für einen langen Teil aus der Handlung. Schicksale, die sich nicht mehr auflösen ließen, bleiben unaufgelöst. Die multiperspektivische Szenenfolge baut durchaus ungewohnte Muster von Identifikation und Abstoßung auf. Drei Männer fahren zu Beginn im Auto durch ein afroamerikanisches Viertel und gestehen die Schuld der weißen Mehrheitsgesellschaft an der Segregation ein: „We are failing them.“ Oder steht das „wir“ gar für die Polizei? Wenige Minuten später wird einer der Männer, die sich als Polizisten entpuppen, einen flüchtigen Schwarzen mit einem Schuss in den Rücken töten. Das ist der Auftakt für eine blutige Eskalationsspirale, die Bigelow dennoch lange unter Kontrolle hält. Auf der Straße, bei den Aufständen, rast und wackelt die nervöse Kamera, als hätten die Unruhen sie selbst ergriffen. In der Enge des Algiers Motel aber wird die Kamera sich beruhigen, während die Grausamkeiten zunehmen. Ein frustrierter Bewohner hat eine Schreckschusspistole aus dem Zimmerfenster abgefeuert, was die ohnehin schon aufgepeitschten Ordnungshüter zum Anlass nehmen, das Motel zu stürmen und auf der Suche nach der Pistole jede Zurückhaltung und Menschlichkeit fahren zu lassen. In dieser Szene soll sich komprimieren, was damals und heute an brutaler Ungerechtigkeit gegenüber Afroamerikanern stattgefunden hat. Ob sich die Details je exakt so abgespielt haben, ist dabei nicht mehr als eine Recherche-gestützte Vermutung. Die Wahrheit über das sensible Thema liegt bei Bigelow allemal in der Intensität des Augenblicks: in der Bewegung, dem schockierenden Gewaltexzess, in handelnden Körpern. Kathryn Bigelow ist keine Regisseurin, die sich Gedanken macht über Kontextualisierungen. Dies mag bei einem historischen Stoff zu kurz greifen – und es mag erklären, warum „Detroit“ von der amerikanischen Rechten ausgesprochen entspannt ignoriert werden konnte.

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