Thriller | Niederlande/Großbritannien/Frankreich/Deutschland/Belgien/Schweden/USA 2016 | 149 Minuten

Regie: Martin Koolhoven

Eine stumme Frau lebt als Hebamme in einer frommen Gemeinde in der Neuen Welt, als die Ankunft des neuen Geistlichen ihrem Frieden ein Ende setzt. Mit dem dämonischen, asketischen Prediger verbindet sie eine schmerz- und hasserfüllte Vergangenheit. In vier Kapiteln beleuchtet der Horror-Western die Leidensgeschichte einer widerständigen Frau in einer von bornierten oder perversen Männern beherrschten archaischen Welt. Die Inszenierung weidet sich dabei zu ausgiebig an der Zurschaustellung ihres Martyriums, um als feministische Genre-Variante zu überzeugen. - Ab 18.

Filmdaten

Originaltitel
BRIMSTONE
Produktionsland
Niederlande/Großbritannien/Frankreich/Deutschland/Belgien/Schweden/USA
Produktionsjahr
2016
Regie
Martin Koolhoven
Buch
Martin Koolhoven
Kamera
Rogier Stoffers
Musik
Tom Holkenborg
Schnitt
Job ter Burg
Darsteller
Dakota Fanning (Liz) · Guy Pearce (der Reverend) · Kit Harington (Samuel) · Carice van Houten (Anna) · Emilia Jones (Joanna)
Länge
149 Minuten
Kinostart
30.11.2017
Fsk
ab 16; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 18.
Genre
Thriller | Western

Die Leidensgeschichte einer widerständigen Frau in einer archaischen Welt

Diskussion

Sie sei eine Kriegerin gewesen; das hätte man in den alten Zeiten sein müssen, um zu überleben. So erinnert sich im Prolog eine Tochter an ihre Mutter, deren Lebensgeschichte sich in vier Kapiteln entfaltet. Nach dieser Einführung in den Western von Martin Koolhoven rechnet man mit einer feministischen Genre-Variante à la „Jane Got a Gun“ (fd 43 579), über den Mut und den Überlebenswillen von Pionierfrauen in einem Land, in dem Recht und Gesetz noch nicht Fuß gefasst haben. Als solche ist „Brimstone“ allerdings zwiespältig: Der Film fokussiert tatsächlich auf eine weibliche Identifikationsfigur und ihren Kampf, unter wüsten Bedingungen zu überleben; der krasse Sadismus, mit dem die Inszenierung sich am Martyrium der Protagonistin und anderer Figuren suhlt, schlägt allerdings immer wieder ins Exploitative um. Dabei gelingt im ersten Kapitel (dessen Titel „Offenbarung“ wie die anderen Kapitel mit biblischen Anleihen spielt) noch ein fesselnder Einstieg, in dem sich das Bedrohungsszenario erst langsam aufbaut, ehe es in einem grausigen Crescendo kulminiert. Die stumme Liz, die mit ihrem Mann, ihrer Tochter und dem Sohn ihres Mannes aus erster Ehe als Hebamme in einer kleinen Siedlung aus verstreuten Farmen lebt, zeigt sich durch die Ankunft des neuen Reverends verstört. Schon kurz nach der ersten Predigt, in der der asketische Mann drohend vom göttlichen Strafgericht spricht, scheint Liz ins Visier finsterer Mächte zu geraten: Eine Geburt, bei der sie assistiert, endet mit dem Tod des Babys; die Nachbarn und der Kindsvater geben Liz die Schuld, beginnen sie auszugrenzen und als Hexe zu verleumden; eines Morgens liegen die Schafe ihrer Familie mit aufgeschlitzten Bäuchen im Stall. Für Liz ist klar, dass der Reverend hinter allem steckt, den sie offensichtlich von früher kennt: ein Abgesandter aus einer Hölle, der Liz entkommen war, die nun aber sie und ihre Lieben zu verschlingen droht. Von hier aus rollt der Film in zwei Kapiteln gewissermaßen nach hinten erzählend auf, wie diese Hölle in Liz’ Vergangenheit, als sie noch nicht Liz hieß und auch noch nicht stumm war, ausgesehen hat. Markerschütternde Erlebnisse in einem Bordell, das treffend „Frank’s Inferno“ heißt, und schließlich in einem Pfarrhaushalt in ihren Kindertagen geben Aufschluss über ihre Beziehung zum Reverend, der immer mehr wie ein Dämon inklusive übernatürlicher Kräfte wirkt. Diese umgekehrte Erzählstruktur geht allerdings mit gewissen Logik-Problemen einher: Angesichts der teuflischen Tatsachen, die sich allmählich offenbaren, wirkt es zum Beispiel geradezu absurd, dass Liz’ nach der Wiederbegegnung mit dem Reverend im ersten Kapitel zunächst ruhig nach Hause geht und die Wäsche aufhängt, anstatt sofort die Flucht zu ergreifen oder ihrerseits ein Mordkomplott zu schmieden. Vor allem aber bringt das Von-hinten-Aufrollen eine unnötige Verkomplizierung einer an sich simplen Geschichte mit sich. Regisseur Koolhoven versucht zwar ansatzweise, Liz und den Reverend in einen gesellschaftlichen Zusammenhang einzuordnen: Es geht um eine Welt, in der die rechtlich wie materiell unsicheren Lebensbedingungen im Zuge der Landnahme in der Neuen Welt und eine aus Europa importierte puritanische Religiosität eine fatale Gemengelage bilden, auf deren Boden Gewalt und Ausbeutung gedeihen. Doch die inszenatorische Hinwendung zum Horror, zum Spiel mit dem Übersinnlichen und damit einhergehende eindimensionale Gut-Böse-Schemata unterlaufen diese Ansätze. Dank der atmosphärischen Bildsprache von Kameramann Rogier Stoffers und charismatischer Schauspieler wie Guy Pearce und Dakota Fanning vermag „Brimstone“ zwar durchaus zu fesseln. Doch der Film schlägt in eine arg banale Kerbe: ins genüssliche Ausmalen dessen, wie eine schuldlose blonde Maid in einer Gesellschaft, die bis auf wenige Ausnahmen aus bornierten oder perversen Männern und ihren bedauernswerten weiblichen Opfern besteht, missbraucht und gequält wird. Was sich auf Spielfilmlänge nur dadurch halbwegs ertragen lässt, dass Liz zwischendurch immer mal wieder die Chance zu einem Gegenschlag bekommt.

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