Dieses bescheuerte Herz

Tragikomödie | Deutschland 2017 | 106 Minuten

Regie: Marc Rothemund

Der vergnügungssüchtige erwachsene Sohn eines Arztes soll sich auf Anweisung seines Vaters um einen 15-jährigen Patienten kümmern. Widerwillig macht er sich daran, dem herzkranken Teenager die letzten Wünsche zu erfüllen, freundet sich dann aber mit ihm an und findet darüber selbst zu mehr Reife. Bestseller-Verfilmung mit wohlfeiler Botschaft, vorhersehbarer Handlung und unglaubwürdigen Figuren. Die behaupteten Konflikte zwischen dem Freundesgespann bleiben unterentwickelt und ebenso verkrampft wie die Versuche, die tragischen Elemente mit Humor aufzulockern.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2017
Regie
Marc Rothemund
Buch
Maggie Peren · Andi Rogenhagen
Kamera
Christof Wahl
Schnitt
Simon Gstöttmayr
Darsteller
Elyas M'Barek (Lenny Reinhard) · Philip Noah Schwarz (David Müller) · Nadine Wrietz (Betty Müller) · Uwe Preuss (Dr. Reinhard) · Lisa Bitter (Dr. Julia Mann)
Länge
106 Minuten
Kinostart
21.12.2017
Fsk
ab 0; f
Genre
Tragikomödie
Diskussion

Das Herz lügt nicht, die Technik auch nicht. Wieder einmal liegt David nach Luft ringend in der Notfallstation des örtlichen Krankenhauses, als sich aus den Linien seiner stotternden Herzfrequenz der Filmtitel auf dem Monitor abzeichnet. Dieses „bescheuerte Herz“ ließ den 15-Jährigen mit dem angeborenen Herzfehler seit seiner Geburt in unzähligen OPs um sein Leben kämpfen. Nun bleibt dem Jungen aus einfachen Verhältnissen laut seines Chirurgen nicht mehr viel Zeit. Der doppelt so alte Sohnemann des Arztes weiß die Privilegien, die er in die Wiege gelegt bekommen hat, hingegen überhaupt nicht zu schätzen: Statt wie sein Vater das Messer in Patienten zu stecken, versenkt Lenny lieber das Cabrio im heimischen Swimming Pool. Für den unreifen Playboy besteht der Alltag, oder besser die „Allnacht“ in München aus Partys (am liebsten im P1), aus Drogen (am liebsten Kokain) und aus One Night Stands (am liebsten Blondinen). Jetzt soll sich Lenny um David kümmern, ihm seine letzten Wünsche erfüllen, sonst droht der wütende Papa den Geldhahn noch weiter zuzudrehen.

Der verwöhnte Arztsohn und der Junge aus der Plattenbausiedlung, der Kleider für seine Puppe strickt und dennoch gerne mal ein Mädchen nackt sehen möchte, bilden eine ungewöhnliche Symbiose, wie sie schon in Filmen wie „Ziemlich beste Freunde“ (fd 40 842) oder „Das Glück an meiner Seite“ (fd 43 047) funktionierte. Der Lebemann soll dem Todkranken die letzten Momente seiner Existenz schmackhaft machen. Dabei ließe sich mutmaßen, dass auch für die Verfilmung des autobiografischen Romans von Schriftsteller Lars Amend und seinem jungen Freund Daniel Meyer auf der Leinwand ein Filmteam ins Rennen gebracht wurde, das dem Stoff trotz all seiner Tragik etwas Humor applizieren sollte. Bis auf die Krebsroman-Verfilmung „Heute bin ich blond“ (fd 41 616) und „Sophie Scholl“ (fd 36 917) ist das bevorzugte Gefilde von Regisseur Marc Rothemund nämlich, wie für Hauptdarsteller Elyas M’Barek, die Komödie.

Allerdings vermag Rothemunds und M’Bareks Dramödie „nach wahrer Begebenheit“ nun weniger hintergründigen Humor, als vielmehr unfreiwillige Komik zu verbreiten. Die will nicht recht zum Herzleiden eines jungen Menschen passen, ist aber das folgerichtige Resultat der schlechten Schauspielführung und der Abwege des Drehbuchs: Völlig unvermittelt findet in David die Umkehrung von Lennys größtem Kritiker hin zum bewundernden Kollaborateur statt. Mit seinen ständig begeistert aufgerissenen Augen kann man sich kaum eine „altersungerechtere“ Zeichnung eines 15-Jährigen vorstellen, dessen kindlich aufgeputschte Zuneigungsbekundungen gegenüber Lenny nicht der Isolation geschuldet scheinen, sondern schlicht peinlich anmuten. Schließlich sind auch Davids an den Rollstuhl gefesselte Schulkameraden mit ihren stärkeren körperlichen Beschwerden wesentlich cooler drauf.

Auf der anderen Seite wird M’Bareks schale Schauspielleistung zusätzlich dadurch sabotiert, dass seine Figur, anders als im aus der Ich-Perspektive des Kindes geschriebenen Roman, als noch zu zäumender Partyhengst gezeichnet wird. Nicht weniger unverständlich erscheinen denn auch Lennys krasse Ablehnungsreaktionen, als Davids Wunschliste neben materiellen Wünschen auch die Eroberung eines Mädchens aufweist. Letztlich konstruiert das Drehbuch hier ein ähnliches Brimborium wie bei der ärztlichen Untersuchung, bei der David, der Zeit seines Lebens die unfassbaren Schmerzen seiner Herzaussetzer erträgt, mit panischer Angst darauf reagiert, dass ihm für einen Tropfen Blut in den Finger gepiekst werden soll. Allerhand Sprüche, wie Frauen wohl so sind, ob als Mädchen oder Mütter, komplettieren den Willen zum Klischee, der auch vor der Zeichnung der Mutter von David (mit ä) als Niedriglöhnerin mit lila gefärbten Strähnchen im Pony, zu schmaler Brille und Zuviel auf den Rippen nicht Halt macht.

Ständig und nicht sehr verständig gerät Betty in Streit mit ihrem Sohn, der sich wiederum mit Lenny gegen den bösartigen, ihm Simulantentum vorwerfenden Nachbarn auflehnt. So unzulänglich entwickelt wirken die Konflikte zwischen David und Lenny, dass der Ärger, der die Handlung vorantreibt, außerhalb gefunden werden muss, bevor sich „Dieses bescheuerte Herz“ dann doch auf die wohlfeile Botschaft seines Genres verständigt: Lenny lernt von David, auf sein Herz zu hören, David von Lenny, dem Leben in all seinen Konsequenzen die Stirn zu bieten. Dafür aber muss kein Cineasten-Herz höher schlagen.

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