La Mélodie - Der Klang von Paris

Drama | Frankreich 2017 | 102 Minuten

Regie: Rachid Hami

Ein arbeitsloser Geiger übernimmt in einem Pariser Vorort den Musikunterricht an einer als „schwierig“ geltenden Schule. Das soziale Projekt droht an seinen strengen Lehrmethoden und den chaotischen Zuständen in der Klasse zu scheitern, dann aber findet er Zugang zu seinen Schülern, insbesondere zu einem schüchternen, musikalisch begabten Jungen. Etwas naives, die realen gesellschaftlichen Verhältnisse weitgehend ausblendendes Sozialmärchen, das aber Sentimentalitäten vermeidet und sympathisch für die verbindende Kraft der Musik wirbt.

Filmdaten

Originaltitel
LA MÉLODIE
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2017
Regie
Rachid Hami
Buch
Guy Laurent · Valérie Zenatti · Rachid Hami
Kamera
Jérôme Alméras
Schnitt
Joëlle Hache
Darsteller
Kad Merad (Simon Daoud) · Samir Guesmi (Farid Brahimi) · Alfred Renély (Arnold) · Zakaria-Tayeb Lazab (Samir) · Tatiana Rojo (Arnolds Mutter)
Länge
102 Minuten
Kinostart
21.12.2017
Fsk
ab 0; f
Genre
Drama
Diskussion

Welche klassische Musik sie denn kennen, möchte der Geigenlehrer Simon Daoud in der ersten Unterrichtsstunde von seinen Schülern wissen. Und erhält als Antworten: „Champions League, Céline Dion, Wolfgang Amadeus Beethoven!“ Simon Daoud, Sohn algerisch-französischer Eltern, ist Musiker auf der Suche nach dem nächsten Engagement. Seine neue Arbeitsstelle an einer „schwierigen“ Schule – Pariser Vorort, überwiegend Kinder mit Migrationshintergrund – tritt er deshalb ohne große Überzeugung an. Und er scheint auch nicht wirklich für die unweigerlich an Sozialarbeit gekoppelte Lehrtätigkeit geschaffen – zu scheu, zu schöngeistig, zu unbeweglich; schließlich ist das Gegenüber verbal immer ein paar Schritte voraus. „Seid behutsam, das ist kein Spielzeug“, weist Daoud die Schüler zurecht, als sie mit den fragilen Instrumenten wild herumfuchteln – „Aber es heißt doch Geige spielen!“ Daoud soll die Schüler der 6. Klasse so weit bringen, dass sie am Ende des Jahres in der Philharmonie auftreten können; reales Vorbild dieses von Rachid Hami fiktional aufbereiteten Projekts ist „Démos“, ein soziales, musikalisch-orchestrales Schulprogramm in der Pariser Banlieue. „La Mélodie – Der Klang von Paris“ kokettiert immer wieder mit einem quasi-dokumentarischen Ansatz, vor allem in den Schulszenen (das verbale Chaos: Wortgefechte, wüste Beschimpfungen, Vulgärsprache). Doch die offene Beobachtung nimmt man dem Film eigentlich in keinem Moment ab. Dramaturgisch ist die Erzählung überschaubar und sehr zielstrebig auf ein – natürlich erfolgreiches – Finale hin ausgerichtet. So stehen die schon auf dem Weg liegenden und neu vor die Füße fallenden Hindernisse – Daoud rutscht einmal die Hand aus, was eine Krise auslöst, Daoud bekommt unverhofft ein Angebot für eine Tournee, dann brennt auch noch der Probenraum ab – ganz im Dienst einer umfassenden Entwicklungsgeschichte: Der Lehrer rückt von seinen strengen Lehrmethoden ab und beginnt seine Aufgabe zu lieben, die Kinder entdecken ihre Leidenschaft für die Musik – sogar die Eltern finden zeitweilig zu einer Art kollektiver Gemeinschaft zusammen. Emotionales Zentrum des Films ist Arnold, ein schüchterner, etwas pummeliger Junge, der von seinen Mitschülern zunächst herumgeschubst wird. Daoud entdeckt sein Talent und beginnt ihn speziell zu fördern, für den vaterlosen Arnold wird er zum Ersatzvater. Rachid Hami, der als Schauspieler in Abdellatif Kechiches „L’esquive“ (fd 36 953) begann, versucht in seinem Langfilmdebüt eher anzudeuten als auszuerzählen und dabei die Fallen der Sentimentalität zu vermeiden. Das gelingt ihm auch weitgehend, auch wenn die eine oder andere dicke Träne zu viel eine Kinderwange herunterkullert. Schön ist, dass der Film dem Geigenspiel tatsächlich viel Raum gibt: vom ersten Kennenlernen des Instruments über das freie Improvisieren bis hin zum mühevollen Einstudieren von Rimski-Korsakows „Scheherazade“. Dass das ohrenbetäubende Gequietsche der ersten Orchesterproben am Ende in eine professionell klingende Konzertaufführung mündet, ist zwar mehr als unglaubwürdig, passt aber zu Hamis Logik des Märchens, die nicht zuletzt einer etwas naiven Idee von Integration und Gemeinschaftlichkeit nachhängt. „La Mélodie – Der Klang von Paris“ hat mit seinem sozialen Milieu zwar eine Verankerung in der Realität. Doch letztlich tut der Film alles, um diese zu nivellieren – etwa wenn er das Orchesterprojekt von dem Sozialen abdichtet und die Kinder zudem von milieuspezifischen Einflüssen (Popkultur etwa) fernhält. Falls Hami mit „Scheherazade“ ansatzweise etwas Ähnliches vorhatte wie Kechiche mit dem Marivaux-Stück in „L’esquive“, muss ihm das konventionelle Drehbuch im Weg gestanden haben.

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