Liebesfilm | Türkei 2017 | 104 Minuten

Regie: Özcan Deniz

Um die Liebe ihres Partners zu testen, täuscht eine Frau ihr Verschwinden vor und versteckt sich in einem hermetisch abgeriegelten Raum. Dann aber verliert sie den Schlüssel und wird zur Gefangenen. Die Geliebte ihres Mannes kommt dem Geheimnis auf die Schliche, zögert aber, die dem Tod Geweihte zu befreien. Remake eines kolumbianischen Thrillers, in dem die verdrängten Konflikte in einem brutalen Kampf ums Überleben eskalieren. Das souverän inszenierte Drama mit Horror- und Fantasy-Anklängen nährt mit Anspielungen auf die Geschichte des türkischen Militärputsches Spekulationen über die Folgen kollektiver Verdrängungen. (O.m.d.U.)

Filmdaten

Originaltitel
ÖTEKİ TARAF
Produktionsland
Türkei
Produktionsjahr
2017
Regie
Özcan Deniz
Buch
Özcan Deniz
Kamera
Olcay Oguz
Schnitt
Ahmet Teke
Darsteller
Özcan Deniz (Cetin) · Meryem Uzerli (Sara) · Asli Enver (Ece) · Osman Wöber · Ayten Uncuoğlu
Länge
104 Minuten
Kinostart
14.12.2017
Fsk
ab 16; f
Genre
Liebesfilm | Thriller
Diskussion
Der populäre türkische Sänger, Schauspieler und Regisseur Özcan Deniz, der sich in seinen bisherigen Filmen vor allem als vom Weltschmerz geplagter Schönling mit weichem Kern inszenierte, überrascht mit einem spannungsreichen Thriller, der durchaus Spekulationen über eine nachhaltige Verstörungen der türkischen Volksseele zulässt. Zunächst geht es um einen Mann zwischen zwei Frauen. Der von Deniz selbst gespielte Protagonist Çetin ist glücklich mit Ece liiert, die ein Kind von ihm erwartet. Da aber meldet sich seine Ex-Freundin Sara und bietet ihm einen gut dotierten Job an. Das sich schnell abzeichnende Dreiecksverhältnis ist von gegenseitigen Besitzansprüchen gekennzeichnet. Als Ece plötzlich von der Bildfläche verschwindet, geraten Çetin und Sara in Verdacht, sie beiseite geschafft zu haben. Doch Ece wurde Opfer ihrer eigenen Eifersucht. Um die Ernsthaftigkeit von Çetins Liebe zu testen, täuscht sie ihr Verschwinden vor und versteckt sich in einem hermetisch abgeriegelten Raum, von dem aus sie die Gefühlsreaktionen ihres Ehemannes beobachten kann. Da sie auf dem Weg in ihr Versteck aber den Schlüssel verliert, wird sie zu einer zum Tod verurteilten Gefangenen, da Wasser, Proviant und das Benzin des Generators nur für ein paar Wochen reichen. Ihre Hilferufe ersticken in den Abflussrohren des alten Hauses, und die verzweifelten Schläge gegen die Wand werden von der Geliebten, die sich inzwischen in Çetins Leben geschlichen hat, als unheimlicher Spuk interpretiert. Als Sara irgendwann hinter das Geheimnis der verborgenen Kammer kommt, zögert sie, die Gefangene zu befreien, da sie Çetin für sich behalten will. Dies ist nicht nur die Geschichte eines Mannes zwischen zwei Frauen oder die eines tödlichen Zickenkriegs. „Öteki Taraf“ gibt vielmehr Anlass für interessante psychologische Gedankenspiele. Denn das hermetisch abgeriegelte Versteck wurde erst nach dem Militärputsch installiert, um sich vor Eindringlingen zu schützen. Der Film, der seinen Plot zunächst aus Saras Perspektive, dann aber auch aus der von Ece entfaltet, führt eindringlich vor Augen, dass man dieselbe Geschichte aus zwei Perspektiven betrachten kann. Mitunter sogar wortwörtlich, wenn erstickte Hilferufe erst nicht verstanden und dann bewusst ignoriert werden oder Opfer und Täterin sich im halbdurchsichtigen Spiegel Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. In dem etwas lang geratenen Showdown purzeln Opfer- und Täterrollen vollends durcheinander, als auch Çetin hinter das Geheimnis des dunklen Raums kommt, von Sara aber zunächst gehindert wird, Ece zu befreien. Mit Pistole, Vorschlaghammer und Spaten geht es dann ordentlich zur Sache, und am Ende landet wieder jemand in dem tödlichen Versteck. Dort, wo man sich einst vor putschenden Militärs in Sicherheit bringen wollte, wird jetzt die jeweilige Gegnerin im Beziehungskrieg entsorgt. Das ist nicht bloß ein Genreplot, sondern auch eine brillante Metapher auf die Versuchungen der türkischen Geschichte, unliebsame Wahrheiten wegzusperren, die dann als dämonische Widergänger des schlechten Gewissens umso heftiger nach außen drängen. Aber auch auf die fatale Dynamik der scheinbaren Ohnmacht, als Gutmensch den übermächtigen Besitzansprüchen zweier Frauen ausgeliefert zu sein, die sich am Ende in rasende Wut verwandelt. Für eine solche Umkehr vermeintlicher Wehrlosigkeit in entfesselte Gewalt gibt es historisch ja ebenfalls genügend Beispiele. „Öteki Taraf“ ist ein gut gemachtes Drama mit Fantasy- und Horroranklängen und einem schwülstigen Soundtrack, wobei die Inszenierung offen lässt, ob das emotionale Wechselbad des Protagonisten selbstironisch oder pathetisch gemeint ist. Überdies ist der Film ein Remake des kolumbianischen Thrillers „Das verborgene Gesicht“ (fd 41 267) von Andrés Baiz, in dem die geheime Kammer als Versteck eines ehemaligen SS-Offiziers dient. Mit „Murder 2“ (2013) wurde der Stoff auch schon von Bollywood adaptiert. Die Inszenierung von Özcan Deniz nährt mit ihren Anspielungen auf den Militärputsch in der Türkei Spekulationen über die kollektiven Folgen der Weigerung, sich mit den dunklen Seiten der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen.
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