Die dunkelste Stunde

Biopic | Großbritannien 2017 | 126 Minuten

Regie: Joe Wright

Im Mai 1940 sieht sich die britische Regierung in höchste Not gebracht, eine Invasion durch die deutsche Wehrmacht zu verhindern. In dieser Situation wird der zum Kampf gegen die Nazis entschlossene Winston Churchill neuer Premierminister, doch muss der unbeliebte Politiker zunächst Parlament, König und Volk für seine Linie gewinnen. Aufwändiges Historiendrama, das den nationalen Zusammenhalt der Briten im Zweiten Weltkrieg beschwört und am Mythos eines überlebensgroßen Staatsmannes mitstrickt. Der Mensch Churchill bleibt dabei auf seine berühmten Posen beschränkt, wogegen auch der Hauptdarsteller auf Dauer nichts ausrichten kann.

Filmdaten

Originaltitel
DARKEST HOUR
Produktionsland
Großbritannien
Produktionsjahr
2017
Regie
Joe Wright
Buch
Anthony McCarten
Kamera
Bruno Delbonnel
Schnitt
Valerio Bonelli
Darsteller
Gary Oldman (Winston Churchill) · Ben Mendelsohn (König George VI.) · Kristin Scott Thomas (Clementine Churchill) · Lily James (Elizabeth Layton) · Stephen Dillane (Lord Halifax)
Länge
126 Minuten
Kinostart
18.01.2018
Fsk
ab 6; f
Genre
Biopic | Drama | Historienfilm | Kriegsfilm
Diskussion
Es ist noch nicht lange her, dass mit „Churchill“ (fd 44 707) ein Film in den Kinos lief, der den britischen Premierminister im Juni 1944 als Zweifler zeigte. Als einen, der nicht an den Erfolg der alliierten Landung in der Normandie glaubte und eigene Pläne für den D-Day ausarbeitete. Der Politiker, so der Film von Jonathan Teplitzky, hatte zu diesem Zeitpunkt seine Schuldigkeit für das britische Volk bereits erfüllt; Churchill erscheint darin als alter Mann, der von den Ereignisse überrollt wurde, weil ihm Mut und Weitsicht fehlten. „Die dunkelste Stunde“, inszeniert von Joe Wright, lässt sich als geradezu komplementäres Gegenstück lesen. Hier will Churchill unbedingt die Macht erringen, um die Briten dann von der Notwendigkeit des Kampfes gegen die Nazis zu überzeugen. Die Handlung setzt im Mai 1940 ein. Die Wehrmacht hat bereits halb Westeuropa überrollt; die britische Regierung unter Neville Chamberlain befürchtet sogar eine Invasion der Insel; nicht zu vergessen die Katastrophe von Dünkirchen, wo über 200.000 britische Soldaten eingekesselt wurden. Chamberlain gilt mit seiner Appeasement-Politik als schwacher Regierungschef, der der Situation nicht gewachsen ist. Im englischen Parlament toben wortreiche Machtduelle, die das Herzstück des Films bilden. Chamberlain tritt zurück, Lord Halifax scheut die Verantwortung. Jetzt ist der Weg frei für Winston Churchill. Doch Churchill ist unbeliebt, bei den Kollegen, beim König, beim Volk. Der Druck auf den neuen Premierminister ist groß; er soll mit Hitler einen Friedensvertrag aushandeln. Doch Churchill ist auch ein begnadeter Redner. „Er mobilisierte die englische Sprache und sandte sie in die Schlacht“, soll John F. Kennedy über ihn gesagt haben. Mit der Macht seiner Worte, das ist das unterschwellige Thema des Films, überzeugt Churchill die Briten, bei der Befreiung der eingeschlossenen Soldaten von Dünkirchen zu helfen. Interessant daran ist, wie eine militärische Niederlage, ähnlich wie jüngst in den Filmen „Dunkirk“ (fd 44 847) und „Ihre beste Stunde“ (fd 44 804), in einen Mythos der Entschlossenheit, Solidarität und Überlegenheit verwandelt wird. Und das ausgerechnet in Zeiten des Brexit, dessen Fürsprecher ebenfalls die Einzigartigkeit Großbritanniens herausstreichen und sich als Macher in schweren Zeiten aufspielen. Doch vielleicht klingt hier auch so etwas wie Bedauern mit: Boris Johnson oder Nigel Farage haben bei Weitem nicht das Format eines Winston Churchill. Zwei Szenen sind in diesem Zusammenhang von zentraler Bedeutung. Zum einen besucht Churchill den König und bittet ihn um Unterstützung, durchaus vergleichbar mit seinem Besuch in „Churchill“ beim US-General Dwight D. Eisenhower: Auch ein Staatsmann braucht Verbündete. Zum anderen nutzt der Premierminister eine spontane U-Bahnfahrt zum direkten Kontakt mit der Bevölkerung. Die Bewunderung und den Zuspruch der Londoner lässt Churchill sich gerne gefallen; eine Szene, die an Pathos kaum zu überbieten ist: Das Volk steht hinter ihm. Dazu passt auch die aus „Churchill“ bekannte Geschichte der Sekretärin, die aus Angst vor dem herrischen Premier im Boden versinken möchte, aber einen auf den Schlachtfeldern gefallenen Bruder betrauert und so das Gemüt ihres Chefs besänftigt. Regisseur Joe Wright webt den Mythos des überlebensgroßen Staatsmannes fort, dessen Wortgewalt eine ganze Nation aufrüttelte. Hier wird das Hohelied auf einen Helden angestimmt, der trotz seiner Macken und Marotten unantastbar ist. Zwischentöne, die der historischen Figur gerechter würden, stören da nur. In dieses Bild passt auch die Darstellung durch Gary Oldman. Sein Gesicht ist hinter einer absurden Maske versteckt, und auch wenn sich Oldman mit akribischer Vorbereitung Sprache, Mimik und Gesten des berühmten Staatsmannes angeeignet hat, seinen Elan, seinen Schwung und seinen Humor, so schützt ihn die Inszenierung nicht vor den Klischees: die unvermeidliche Zigarre, das obligatorische Glas Whisky, die gegrummelten Weisheiten, das aufbrausende Temperament. Oldman agiert nicht so eindimensional wie Brian Cox in „Churchill“. Dennoch tut man sich als Zuschauer schwer, den Menschen Churchill in seiner Verkörperung zu entdecken.

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