Actionfilm | Deutschland 2017 | 92 Minuten

Regie: Khaled Kaissar

Ein 17-jähriges Mädchen wird aus ihrem scheinbar wohlbehüteten Dasein gerissen, als sie nur knapp einem Mordanschlag entgeht, bei dem ihre Eltern und ihre Schwester getötet werden. Auf der Flucht erhält sie Beistand von einem Agenten, der wie ihr Vater für den russischen Geheimdienst spionierte. Während der Mann versucht, das Mädchen unter den Schutz des Bundesnachrichtendienstes zu stellen, sinnt die Gymnasiastin auf Rache. Der Versuch eines deutschen Spionagethrillers punktet mit einer dynamischen Inszenierung und ambitionierten Actionszenen, dank derer die absurde Handlung meist in den Hintergrund gedrängt wird. Schwächen zeigt der Film vor allem im psychologisch kaum glaubhaften Verhalten der Hauptfigur.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2017
Regie
Khaled Kaissar
Buch
Ulrike Schölles · Ali Zojaji · Alexander Costea
Kamera
Namche Okon
Schnitt
Florian Duffe
Darsteller
Lisa Vicari (Luna) · Carlo Ljubek (Hamid) · Branko Tomovic (Victor) · Benjamin Sadler (Jakob) · Rainer Bock (Behringer)
Länge
92 Minuten
Kinostart
15.02.2018
Fsk
ab 12; f
Genre
Actionfilm | Spionagefilm | Thriller
Diskussion
Ein Mädchen, erhitzt nach einem Discoabend, geborgen inmitten einer scheinbar intakten Familie. Scheinbar, denn schon früh spürt man, dass hier irgendetwas nicht ganz stimmt. Luna erhält in der Disco einen Anruf und muss nach Hause. Dort wartet der Vater, dessen Verhalten von mehr als nur der Sorge um die älteste Tochter diktiert wird. Am nächsten Morgen fährt die Familie, Vater, Mutter, Luna und ihre Schwester, in die Berge. Ziel ist eine Hütte am See inmitten einer prachtvollen Waldlandschaft. Nur wenige Filmminuten später erhält der Vater eine Nachricht, und in seinem Gesicht bricht Panik aus. Ehe die Familie ins Auto steigen kann, tauchen drei Russen auf. Das Gespräch eskaliert; die ungebetenen Gäste fackeln nicht lange und rotten die Familie aus. Nur Luna kann entkommen. Die brutale Konsequenz der Mörder lässt keinen Zweifel, dass auch sie sterben soll. Nach einer Verfolgungsjagd durch den Wald bringt Luna sich durch einen waghalsigen Sprung in einen reißenden Fluss vorerst in Sicherheit. Es sind atemraubende, auch unerwartete Stunt- und Actionszenen, die „Luna“ über den Durchschnitt deutscher Genre-Filme hinausheben; der Film braucht sich darin vor internationalen Thrillern nicht zu verstecken. Vor einem weiteren Mordversuch wird Luna von einem Afghanen namens Hamid bewahrt. Der entpuppt sich als Freund ihres Vaters und bringt sie in Sicherheit. Von Hamid erfährt Luna, dass ihr Vater Agent des russischen Geheimdienstes war. Offenbar wollte der Vater überlaufen und stand mit dem Bundesnachrichtendienst im Kontakt; das machte ihn zum Ziel der Mörder. Dass der deutsche Geheimdienst in einer Mischung aus Trägheit und Bauernschläue ein eigenes Spiel spielt, liegt in der Natur des Genres. So mündet die Handlung über mehrere Stationen der Flucht vor den Killern und dem Versuch, sich mit Hilfe des BND in Sicherheit zu bringen, in einen Showdown, der das Prinzip von Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“ (fd 3934) auf das Niveau dieser Story herunterbricht. Eindeutige Schwächen zeigt der technisch und visuell brillante Film aber auf der psychologischen Ebene der Hauptfigur. Die Glaubwürdigkeit der Handlung wird gar strapaziert, wenn ein junges, behütet aufgewachsenes Mädchen mehreren Mordanschlägen von ausgebildeten und durch modernste Überwachungstechniken unterstützte Geheimagenten nahezu unversehrt entkommt; doch dies würde man mit dem bei einem Genrefilm üblichen „suspension of disbelief“ verzeihen. Weitaus mehr Mühe bereitet es, zu akzeptieren, dass eine Gymnasiastin binnen eines Tages den Zusammenbruch ihres bisherigen Lebens, den Mord an ihren drei engsten Angehörigen sowie mehrere Angriffe auf sich ohne ernsthafte psychische Krise übersteht. Stattdessen verwandelt sie sich in eine ebenso entschlossene wie besonnene Rächerin. Für deutsche Verhältnisse ist das alles sehr gut gefilmt, wenngleich man gewisse visuelle Klischees nicht vermeiden wollte. Ausnahmsweise wurde hier nicht an der visuellen Qualität gespart; die ziemlich teuren Schlussbilder hätten anderen Filmemacher wohl „billiger“ inszeniert. Die Erzählung selbst ist dynamisch, sodass man die hanebüchene Konstruiertheit der Handlung immer wieder vergisst und auch über einige Unstimmigkeiten hinwegsieht. Doch die Handlung überraschend nicht und ist zu selten wirklich spannend. Wenig subtil sind auch die Zeichen, die späte „Enthüllungen“ eben nicht andeuten, sondern vorwegnehmen. Loben muss man hingegen den Versuch des Regisseurs Khaled Kaissar, die Motive des Spionagethrillers in Deutschland anzusiedeln. Der Regisseur kennt die Filmgeschichte und misst sich mit großen Vorbildern: Ein Hauch von „Léon - Der Profi“ (fd 31 164), aber auch etwas mehr als ein Hauch von „Tatort“ verbinden sich zu einem vielversprechenden Regiedebüt, auch wenn es letztendlich eine Fingerübung bleibt.
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