Komödie | Türkei 2017 | 125 Minuten

Regie: Ozan Açiktan

Turbulente türkische Screwball-Komödie um eine Varieté-Sängerin und einen biederen Ehemann, die nach jeweils 21 Ehejahren von ihren Partnern sitzen gelassen werden und sich neu erfinden müssen. Im Zuge der Hochzeitsvorbereitungen für die Tochter der Sängerin kommen dabei allerlei im Sinne des gesellschaftlichen Scheins unter den Teppich gekehrte Wahrheiten hervor. Mit pointiertem Witz und ausdrucksstarken Frauenfiguren werden zwischen Emanzipation, Tradition und Spießertum gängige Klischees und Konventionen auf allen Seiten hinterfragt. (O.m.d.U.)

Filmdaten

Originaltitel
AILE ARASINDA
Produktionsland
Türkei
Produktionsjahr
2017
Regie
Ozan Açiktan
Buch
Gülse Birsel
Kamera
Yon Thomas
Schnitt
Erkan Erdem
Darsteller
Engin Günaydin (Fikret) · Demet Evgar (Solmaz) · Erdal Özyagcilar (Haşmet) · Devrim Yakut (Mükerrem) · Fatih Artman (Emirhan)
Länge
125 Minuten
Kinostart
07.12.2017
Fsk
ab 6; f
Genre
Komödie
Diskussion

Emanzipation trifft auf Spießertum und auf Tradition: Welche Konzepte von Familie gibt es zwischen Patchwork-Miteinander und patriarchalem Ehrenkodex? Und mit welchen Problemen hat der/die Einzelne zu tun, wenn man sich zwischen dem Anspruch auf individuelle Selbstbestimmung und der Suche nach einem vertrauensvollen Partner zurechtfinden muss? Keine einfache Sache, befindet Autorin und Comedy-Star Gülse Birsel mit dem Drehbuch ihrer turbulenten Komödie „Aile Arasında“. Dabei kommen en passant alle möglichen Konflikte unter dem Teppich hervor, die man sich, wenn es um Familie geht, nicht nur in der Türkei vorstellen kann.

„Unsere Ehe langweilt mich. Ich lasse mich scheiden“, kündigt Mihriban ihrem Ehemann Fikret an, als dieser von der Arbeit nach Hause kommt und in die Pantoffeln steigt. Zur gleichen Zeit besingt Solmaz, nicht ganz ernst gemeint, in einem Varieté am anderen Ende der Stadt „Ehe, Glück, Kinder“ als erstrebenswertestes Menschheitsziel. Beide, Fikret und Solmaz, werden in derselben Nacht nach 21 Jahren Ehe beziehungsweise Beziehung von ihren Partnern verlassen. Womit „Aile Arasında“ (auf deutsch etwa: Mitten in der Familie) gleich in der Eröffnungssequenz zentrale Klischees über Partnerschaftskonzepte gegen den Strich bürstet: hier die neurotischen Spießer, deren Ehe aus Langeweile draufgeht, dort die Lebedame aus der Nachtschwärmerszene, die nie an eine Hochzeit gedacht hat und doch irgendwie von einer vertraulichen Partnerschaft träumt. Sie wurde gerade von Neco, dem versoffenen Klarinettisten ihrer Band, sitzen gelassen.

Zufällig zieht Fikret dann in Solmaz’ Nachbarwohnung ein und integriert sich in deren bunten Alltag zwischen Nachtclub und Sinnsuche, zwischen der Transvestitin Behiye und der stets freizügig angezogenen Tochter, die sich ausgerechnet in Emirhan, den Sohn einer extrem konservativen Oligarchenfamilie aus Adana, verliebt hat. Mit deren Traditionen haben weder der biederbrave Fikret noch die emanzipierte, schlagfertige Solmaz etwas zu tun, aber irgendwie muss man sich ja arrangieren, um das junge Glück zu unterstützen.

Also wird alles getan, um den schönen Schein zu wahren, als sich die Großfamilie aus Adana – Grillhausbesitzer Haşmet mit dominanter Ehefrau, Emirhans devotem Bruder, der beruhigungsmittelabhängigen Schwiegertochter und einer Entourage aus Leibwächtern – zum Brautwerbegespräch ankündigt. Gardinen werden vor die Fenster gehängt, Teetassen geputzt, Sessel und Sofas geklopft, neue Lampen bringen das richtige Licht in die Wohnung – und ausgerechnet die transsexuelle Behiye ist es, die dann im Gespräch die Konventionen wahrt und die Wogen glättet, wenn immer die entfesselte Solmaz, die nur beim Singen den richtigen Ton trifft, und der verhaltende Fikret, der nur selten den Mund aufbekommt, sich mal wieder in Widersprüchen verheddern. Letzterer wurde nämlich nicht nur zum angeblichen Vater der Braut, sondern, um die reichen Gäste aus besserem Stand zu beeindrucken, auch zum Polizeidirektor „im Dienste des Vaterlandes“ gemacht.

Doch natürlich kommt unter der dicken Schicht aus billigen Lügen, teuren Klamotten und Parfüm am Ende, auf der furiosen Hochzeit in Adana, zwischen scharfen Speisen und genauso scharf beobachteten Verhaltensnormen, die ganze Wahrheit ans Licht. Zum Entsetzen der „besseren Gesellschaft“, die allerdings auch so ihre kleinen Geheimnisse hat.

Mit dynamischer Situationskomik rührt Ozan Aciktans Screwball-Komödie in den dunklen Tiefen des gesellschaftlichen Scheins und Seins und stellt, zwischen Loriot und Woody Allens „Stadtneurotiker“ (fd 20 385), Konventionen permanent in Frage – zwischen Zweckehe, Standesdünkel und vermeintlicher Libertinage kommt so ziemlich alles auf den Prüfstand, was an partnerschaftlichen Lebensformen im Angebot ist.

Dominiert von starken Frauenfiguren – überzeugend impulsiv vor allem Demet Evgar in der Hauptrolle der Solmaz –, entwickelt „Aile Arasında“ einen pointierten, auch mal zünftigen Witz, der stets gekonnt mehrere Haken schlägt, um sich der Wahrheit hinter den Klischees und Konventionen zu verpflichten. Am Schluss beweisen die Frauen und die Feiglinge ihre Stärke, siegt Ehrlichkeit über den Schein – und findet auch Oberpatriarch Haşmet augenzwinkernd seinen Platz in der Mitte von Solmaz’ und Behiyes bunter Patchwork-Community: eine gute Komödie ist, wenn man über alle lacht und trotzdem keiner auf der Strecke bleibt.

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