Satire | USA 2017 | 136 Minuten

Regie: Alexander Payne

Um den Ressourcenverbrauch der Menschheit einzudämmen, haben Wissenschaftler eine zellulare Miniaturisierung erfunden, bei der Menschen auf 12 Zentimetern verkleinert werden. Diese Methode wird allerdings schon bald vorwiegend zum sozialen Aufstieg genutzt. Als ein Ergotherapeut sich um ein bisschen Luxus wegen schrumpfen lässt, erkennt er im Schicksal einer zwangsgeschrumpften vietnamesischen Dissidentin die Abgründe der Miniaturwelt, und dass es im Leben noch andere Werte als Reichtum und Wohlstand gibt. Satirisches Science-Fiction-Drama, der anfangs auf die im „Schrumpffilm“ gängigen Effekte der Disproportion setzt, dann aber zum Moralstück über die Ökonomisierung der Gesellschaft und den Egoismus des Einzelnen durchstartet.

Filmdaten

Originaltitel
DOWNSIZING
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2017
Regie
Alexander Payne
Buch
Alexander Payne · Jim Taylor
Kamera
Phedon Papamichael
Schnitt
Kevin Tent
Darsteller
Matt Damon (Paul Safranek) · Christoph Waltz (Dusan Mirkovic) · Hong Chau (Ngoc Lan Tran) · Kristen Wiig (Audrey Safranek) · Rolf Lassgård (Dr. Jorgen Asbjørnsen)
Länge
136 Minuten
Kinostart
18.01.2018
Fsk
ab 0; f
Genre
Satire | Science-Fiction-Film
Diskussion
Im nicht allzu umfangreichen, in jüngster Zeit aber wachsenden Science-Fiction-Subgenre des „Schrumpffilms“, der mit „Hilfe, ich hab meine Eltern geschrumpft“ gerade auch im deutschen Kino ankommt, ist das Schrumpfen meist einem blöden Versehen (Joe Johnstons „Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft (fd 27 989)) oder einem Unfall von welthaltigerem Ausmaß geschuldet (Jack Arnolds wunderbare Verarbeitung von Kalter-Krieg-Angst in „Die unglaubliche Geschichte des Mister C.“ (fd 5959) aus den 1950er-Jahren). Ganz anders verhält es sich in Alexander Paynes satirischem „Downsizing“. Die zellulare Miniaturisierung der Menschen auf eine Körpergröße von etwa zwölf Zentimetern ist hier ein zukunftsweisendes (und privatwirtschaftlich organisiertes) Programm, das den massiven Problemen der Überbevölkerung entgegenwirken soll. Als bei einer Konferenz das von norwegischen Wissenschaftlern entwickelte Verfahren erstmals vorgestellt wird, überzeugt besonders ein Bild: ein halb gefüllter Sack, der den gesamten Müll einer norwegischen Dorfgemeinde binnen zweier Jahre demonstriert. Das Schrumpfen folgt in „Downsizing“ also ganz den Gesetzen der Ökonomie: ein kleiner Mensch braucht weniger Wasser, weniger Luft, weniger Nahrung und Platz; im Gegenzug kann er größere Häuser bewohnen, mehr Reichtum besitzen etc. Im Deutschen gibt es dafür passenderweise den Begriff „gesundschrumpfen“, was so viel heißt wie: durch Verkleinerung wirtschaftlich wieder erfolgreich machen. Der Ergotherapeut Paul Safranek und seine Ehefrau Audrey glauben trotz ihres soliden Mittelklasse-Status unter ihren eingeschränkten Lebensverhältnissen in Omaha, Nebraska, zu leiden. Nachdem ein Paar aus der gemeinsamen Studienzeit die Miniaturisierung vorgemacht hat, entscheiden sich auch Paul und Audrey für die kontrovers diskutierte Methode, die ihnen in der Miniaturwelt Leisureland ein luxuriöses Leben ermöglichen soll. Um Ökologie aber geht es bei dem Verfahren schon lange nicht mehr, und um einen neuen sozialen Lebensentwurf erst recht nicht. So macht die aggressive Werbekampagne für Leisureland nichts anderes, als vorzurechnen: ein Haus, für das man in Normalgröße 40 Jahre lang arbeiten müsste, wird plötzlich erschwinglich. Ein Diamantenkollier samt dazugehörigen Brillanten-Armbändern ist für läppische 83 Dollar zu haben, was in etwa dem Essensbudget von 2 Monaten entspricht. Als Paul aus der Narkose erwacht, realisiert er schmerzlich, dass seine Frau „drüben“ geblieben ist, da sie im letzten Moment kalte Füße bekommen hat. Bald zeigt sich allerdings auch, dass Leisureland eine miniaturisierte Spiegelung der normalgroßen Welt ist; es gibt zwar weder Vögel noch Insekten, aber ansonsten alles andere: soziale Gefälle, „gated communities“, Ausbeutung und Armut. Es gibt Probleme mit dem Alleinsein – und es gibt Lärmbelästigung. Durch die Bekanntschaft mit dem vietnamesischen Hausmädchen Ngoc Lan, das bei seinen exzentrischen Nachbarn Dusan und Konrad saubermacht (von Christoph Waltz und Udo Kier als kapriziöses Gespann verkörpert, das sich mit dem Schmuggel von Alkohol und Zigarren bereichert), erfährt Paul von den Schattenseiten der zellularen Miniaturisierung. Ngoc Lan, die in ihrem Heimatland eine Dissidentin war, wurde von ihrer Regierung zwangsverkleinert; bei der Abschiebung in einem Fernsehkasten verlor sie ein Bein. Mit anderen Migranten lebt sie nun in einem verwahrlosten Mietshaus. Wie alle Schrumpffilme baut auch „Downsizing“ auf die grotesken Effekte der Disproportion: wenn die kleingeschrumpften, noch narkotisierten Menschen nach der OP mit einer Art Kuchenschaufel von ihren nun absurd riesigen Betten in winzige Modelle umgebettet werden, wenn nach dem Aufwachen die Krankenschwester zur Begrüßung mit einem monströsen Riesencracker ins Zimmer kommt oder Pauls Ehering plötzlich wie eine sperrige Skulptur im Raum herumsteht. Der Witz der asymmetrischen Größenverhältnisse verbraucht sich jedoch schnell, und die Normalwelt tritt als Kontrastfolie in den Hintergrund. Umso mehr verlegt sich die Inszenierung von da an auf einen anklagenden Tonfall. Auf ziemlich durchschaubare Weise wird die vom Drehbuch strategisch gehandicapte Vietnamesin zur moralischen Instanz, an der sich der Opportunismus der anderen Figuren bricht; sogar die vom neuen Comedy-Duo Waltz & Kier gespielten Nachbarn werden durch ihre ehemalige Putzfrau ein wenig veredelt. Was einigermaßen erheiternd begonnen hat, endet auf diese Weise als teilweise recht enervierendes Moralstück über die Ökonomisierung der Gesellschaft und den Egoismus des Einzelnen. Der Schrumpffilm hat sich „redlichgeschrumpft“.
Kommentar verfassen

Kommentieren